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Buchrezension: Jörg Bernigs Lyrik – Auch in Wehmut steckt noch Tapferkeit

Buchrezension: Jörg Bernigs Lyrik – Auch in Wehmut steckt noch Tapferkeit

Buchrezension: Jörg Bernigs Lyrik – Auch in Wehmut steckt noch Tapferkeit

Mit schwarzer Mütze und in schwarzer Jacke steht der Schriftsteller und Lyriker Jörg Bernig vor einem kleinen Tisch.
Mit schwarzer Mütze und in schwarzer Jacke steht der Schriftsteller und Lyriker Jörg Bernig vor einem kleinen Tisch.
Der Schriftsteller und Lyriker Jörg Bernig während einer Lesung. Foto: IMAGO / Arvid Müller
Buchrezension
 

Jörg Bernigs Lyrik – Auch in Wehmut steckt noch Tapferkeit

Als „umstritten“ etikettiert und aus Debatten gedrängt, schreibt der Schriftsteller Jörg Bernig unbeirrt weiter. In seinem neuen Gedichtband „inseln gesehn“ setzt er dem Lärm der Gegenwart eine poetische Schule der Langsamkeit entgegen.
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Immer wieder hat sich der Autor und Essayist Jörg Bernig zu den Veränderungen Deutschlands und Europas in bezug auf Kultur, Sprache und nicht zuletzt auf die demokratisch geführte Debatte geäußert; immer wieder wurde er dafür aus eben dieser hinausgedrängt. Bernig, Chronist und Kommentator dieses Wandels, kritisierte die Bundesregierung schon 2016 für „ihre Unfähigkeit, in kulturellen Dimensionen zu denken“ und wird seither als „umstritten“ bezeichnet. Dennoch gilt für ihn weiterhin, daß im Schreiben die Freiheit der Erfindung, das Entwickeln neuer Möglichkeiten liegt: „es gilt inventur nun und revision von werkzeug und material / für den bau neuer gefährte hinaus in freiere räume / und das nicht vorhandne wird erfunden“.

In seinem neuen Gedichtband „inseln gesehn“ knüpft der Literaturwissenschaftler Bernig, 1964 im sächsischen Wurzen geboren, an seine drei vorangegangenen Lyriksammlungen an und setzt dem „wortschwall der welt“ einen neuen Schild entgegen, denn: „nicht bitterkeit sei in unseren zügen wenn durch die tage / wir gehen“. In seiner sehr präzisen, dabei ausgesprochen plastischen Sprache gelingen ihm durch die sensible, oftmals schon filigrane Auseinandersetzung ästhetische Beschreibungen einer Welt, angefüllt von Landschaften und Gärten, Gestirnen und Traumbildern, die sich tief im eigenen Erleben gründen. Bernigs Gedichte formen sich aus einer wachen Beobachtungsgabe ebenso wie aus ruhiger Kontemplation heraus und – nicht zuletzt – aus einer unvoreingenommenen Analyse eigener wie allgemein menschlicher Erfahrungen.

In einer Epoche, in der alles eilt, rotiert und im Minutentakt alle Geschehnisse der Welt kommentiert, ist nichts schwerer, als innezuhalten, zu warten und zu beobachten. Bernig rehabilitiert die Langsamkeit als Möglichkeit der Erkenntnis in einer Zeit, in der der Sinn für die Tiefe verschwunden zu sein scheint: „in Marianengräben sinkt unser lot wir warten geduldig / aufs echo / und sitzen wach im wortschwall der welt um den schall / zu vermessen“. Seine Lyrik versteht es, wieder zu lauschen: auf das Echo aus den Tiefen des Raums.

Trotz seiner Vereinzelung ist er dem großen Ganzen verpflichtet

Immer wieder wird Bernig – zu Recht – als ein Lyriker der Zeit beschrieben, dessen konzentrierte Beobachtungen aus einer Stille und einem aus der Ruhe heraus reflektierenden Da-Sein resultiert. Im Klappentext beschreibt Markus Schürer den Poeten als einen „Dichter der Zeit, letztere verstanden als unablässige, schicksalfügende Wandlung von Zukunft in Vergangenheit“. In seinen Gedichten wird, so formuliert es auch die Literaturwissenschaftlerin Bettina Gruber treffend, „die stille Ungeheuerlichkeit des Vergehens der Zeit zur bildlichen Erfahrung für den Leser“.

Bernigs sinnierende Rückbesinnung spricht oft mit einer Stimme der Melancholie und Wehmut: wird doch der Einzelne zu einem fragilen Element, das dem Schicksal ausgeliefert ist; das nicht weiß, „ob aus jenem unterholz dort / vielleicht ein wolfsblick auf dir ruht / dem schwebenden teilchen“. Zugleich ist der Mensch aber auch Teil eines großen Ganzen, denn die Verse vermitteln Empfindungen, die größeren Prinzipien folgen: Natur, Gemeinschaft, Kultur und Geschichte.

Eine Geschichte, die weit über das menschliche Dasein hinausreicht und den gesamten Planeten, ja, den Kosmos umfaßt. Eine Geschichte, die von Dauer und Bestand im Wandel zeugt; vielleicht sogar von Ewigkeit. Der Einzelne nimmt – bisweilen schaudernd, bisweilen voller Mut – Einsicht in seine Begrenztheit und staunt zugleich angesichts der Weite und Fülle dieser höheren Prinzipien der „tiefen zeit“.

Bernigs Lyrik öffnet metaphysische Räume

Prinzipien, denen auch die Natur folgt, die in Bernigs Lyrik eine bedeutende Rolle einnimmt. Allerdings spricht er nicht von jener Natur, die eine Klimaideologie zum moralischen Projekt erklärt hat, sondern von jener, die seit jeher Teil des Bestehenden ist; eine ursprüngliche Ordnung und Kraft, die nicht menschengemacht ist: Sie ist die Sphäre des Unverfügbaren. Die Naturbetrachtungen Bernigs öffnen weniger geographische als metaphysische Räume; Räume, die weitaus länger bestehen als der Mensch – eine Macht, die ihm bisweilen gefährlich werden kann und die ihn sicherlich überdauern wird.

Jörg Bernig: inseln gesehn. 128 Seiten, Edition Buchhaus Loschwitz, Jetzt beim JF-Buchdienst bestellen
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Zu dieser Macht gehört das Wasser in seinen vielfältigen Formen und Aggregatzuständen, das natürlich nicht nur bei Bernig eine Metapher für die Zeit ist. Es rinnt in einem langsamen, gleichmäßigen Strom, der sich – so hat es der an der Elbe beheimatete Autor real erlebt – unversehens zu einer lebensgefährlichen, alles mit sich reißenden Gewalt aufbäumen kann. Es birgt das unbewegliche Leben in winterlichen Teichen oder reicht bis in die tiefsten Tiefen unterseeischer Gräben, in denen eine vollständige Dunkelheit kaum entdeckte Phänomene verhüllt – ein sprechendes Bild für das Unterbewußte, das sich in Bernigs Lyrik immer wieder Bahn bricht und durch die „nachtreste“ der Träume rätselhafte Hinweise gibt.

Das Wasser, mithin die Zeit, macht aber auch die Wandlung, Veränderung möglich, das Aufbrechen zu neuen Zielen. Im Gedicht „auf fahrt“ heißt es: „ich habe inseln gesehn und archipele / weit voraus lagen sie in der see / sie strahlten auf wie etwas mögliches noch unter der sonne“. Inseln und Archipele sind jene kleinen Restbereiche, die aus einem alles überflutenden Strom der ausschließlichen Gegenwartsbezogenheit, einer schier grenzenlosen Verbreitung des Immergleichen herausragen.

Das alles spricht von einer großen Wehmut

Orte, die die Möglichkeit, vielleicht auch die Verheißung eines Anderen aufscheinen lassen und an die man sich flüchten kann, wenn alles zusammenbricht: „im Kollaps liegt aufbruch in ungesüßte gefilde / aber würzig sind dort die kälteren lüfte“, heißt es im Gedicht „das gepäck schultern“. Ob diese geschützten Inseln halten können, was man sich von ihnen verspricht, bleibt hingegen ungewiß. Doch Bernigs Gedichte bleiben eben nicht nur in der sinnierenden Rückbesinnung verhaftet, ­sondern sprechen auch vom Aufbruch zu neuen Gefilden. Selbst wenn man sie nicht erreichen mag: „langsam werden die schritte zum schreiten / frei geradeaus geht der blick die ferne bleibt in sichrer / entfernung“.

Oftmals ist Bernigs Lyrik geprägt von einer Melancholie, die aus nicht immer glücklichen Erfahrungen, aus nicht immer gewonnenen Kämpfen und aus zahlreichen Verlusten entsteht. Eine Melancholie, die von der durch Unachtsamkeit und Hybris verursachten Zerstörung einer über Jahrhunderte gewachsenen Kultur erzählt oder auch von einer Religion, der die Stunde nur noch computergesteuert schlägt.

Das alles spricht von einer großen Wehmut – doch in ihr liegt zugleich auch Mut und Tapferkeit. Es ist der schicksalhafte Lauf der Zeit, in dem der Mensch zwar versucht zu gestalten, sich zu behaupten, doch längst nicht alles bestimmen kann. Und muß. Zugleich zeugt der Lauf eines Lebens, seine „gänge“ auch von Glück: „so sind wir durch wälder geschritten so haben wir / städte durchquert – seltsamer marsch / doch manchmal auch heiter und tänzelnd fast / und erleichtert von allen und allem / und in den sekunden des glücks – stimmt es denn nicht? – waren wir sogar befreit“.

Aus der JF-Ausgabe 08/26.

Der Schriftsteller und Lyriker Jörg Bernig während einer Lesung. Foto: IMAGO / Arvid Müller
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