Fiebertraum, narratologischer Teufelskreis, Hirnorgasmus: es sind schon außergewöhnliche Attribute, mit denen das bundesdeutsche Feuilleton denjenigen Roman zu beschreiben versuchte, den die Jury des Deutschen Buchpreises, der wichtigsten literarischen Auszeichnung für ein Einzelwerk, voriges Jahr zum Siegertitel kürte. Fangen wir mit der guten Nachricht an: „Strukturiert wie ein Mikadowurf, handlungsstark wie ein Nickerchen im Schaukelstuhl und spannend wie drei Kilometer Fliesenlegen“, hatte die JF vor fünf Jahren über Dorothee Elmigers Romanversuch „Aus der Zuckerfabrik“ geurteilt, der es seinerzeit ebenfalls in die Endauswahl zu dem Preis geschafft hatte.
Ein derartiges Desaster wie jene zum Buch gebundene Loseblattsammlung ist das neue Werk der in New York lebenden Schweizerin nicht. Es heißt „Die Holländerinnen“ und bezieht sich auf zwei im Dschungel von Panama verschwundene Rucksacktouristinnen – ein realer Fall aus dem Jahre 2014 –, die allerdings nur als Katalysator der Handlung dienen. Denn Elmiger, Jahrgang 1985, hatte nicht im entferntesten die Absicht, hier so etwas wie eine kohärente, stringent erzählte und womöglich sogar spannende Abenteuergeschichte zu erzählen, bei der am Ende etwas herauskommt. Lieber führt sie in Labyrinthe, unlösbare Rätsel, für die der Dschungel zum Symbol wird: „Der Wald sei feucht gewesen, er habe gepocht, pulsiert, wie ein inneres Organ, Herz oder Lunge, ein großer, dunkelgrüner Mund.“
Dank der poetischen Sprachwucht, die sich in Sätzen wie diesem manifestiert, fühlt man sich in den besten Momenten des Romans in die Handlung des ebenfalls auf wahren Begebenheiten beruhenden Abenteuerfilms „Jungle“ (2017) von Greg McLean versetzt, in „Fitzcarraldo“ (1982) von Werner Herzog oder Joseph Conrads „Heart of Darkness“ (1899) respektive dessen Verfilmung „Apocalypse Now“ (1979) von Francis Ford Coppola; aber keiner dieser Seelenverwandten war so erratisch und ziellos wie Elmigers Reise in die Finsternis.
Die dürre Geschichte wird mit Ausflügen gedehnt
„Der Text als Notiz aus dem Chaos“, nicht „Rettung“, sondern „Ausdruck einer irren, gellenden Lebendigkeit“, so lauten Worte der Hauptfigur von „Die Holländerinnen“, einer Schriftstellerin. Sie charakterisieren ihr Schreiben und zugleich wie in einer Doppelbelichtung das von Dorothee Elmiger.
Wagt man sich als Rezensent an eine Wiedergabe des Inhalts, ist zunächst wie bei einer Zwiebel zu entfernen, was man dafür nicht braucht: die Myriaden von Digressionen, Exkursen, Anekdoten wie die über ein Zickengeburtsmassaker oder einen Pferdetransport, über die Oper „Griechische Passion“ oder das Buch „La pitié“ einer Autorin namens Marilyn Trapenard. Mit diesen Fiktion-in-der-Fiktion-Ausflügen dehnt die Preisträgerin ihre dürre Geschichte auf immerhin 160 Seiten. Das ist immer noch dürr, aber ein Buch ist dann irgendwie doch daraus geworden.
Zwei Zeugen haben sich gesehen, dann verliert sich ihre Spur
Und das ist sein Kerninhalt: An einer Landzunge am Pazifik befindet sich die leicht verwitterte Lodge Ojo del Sol. Hier kommt ein Ensemble der darstellenden Kunst, bestehend aus etwa einem Dutzend Leuten – Regisseur, Dramaturg, Kamera- und Tonmann, Skriptautorin, Kostümbildnerin, Schauspieler, Assistenten –, zu einem strapaziösen Unterfangen à la Werner Herzog zusammen, einer Art Dschungelcamp für Intellektuelle: Es geht um die Rekonstruktion des rätselhaften Verschwindens zweier holländischer Rucksacktouristinnen.
Die ins Meer hineinragende Landmasse im pazifischen Mündungsgebiet eines südamerikanischen Flusses war der Ort, von dem aus die beiden Frauen zu einer Wanderung in den Urwald aufbrachen. Zwei Zeugen haben sie unterwegs noch gesehen, dann verliert sich ihre Spur.
Der Leser wird in einen Hörsaal mitgenommen
Neun Wochen später wird ein Rucksack abgegeben. Darin: eine Kamera mit 91 düster-rätselhaften Nachtaufnahmen. Es sind – das pseudo-authentische „Blair Witch Project“, der legendäre Gruselfilm von 1999, läßt grüßen – die letzten Lebenszeichen der Verschollenen. Nach einer knappen Woche Vorbereitungszeit bricht die Theatergruppe auf, um auf den Pfaden der Holländerinnen zu wandeln. Behindert durch eine Handverletzung erlebt die Skriptautorin die Expedition als halluzinogenen Horror. Sie stürzt in eine „fiebrige Haltlosigkeit“, die sich auch in ihren Aufzeichnungen spiegelt.
Der Roman besteht aus ihrem Bericht über das Erlebte. Eigentlich ist sie eine in Frankfurt lebende Schriftstellerin, bekannt geworden durch „Die Bestrafung der Mägde“. Der Leser erlebt sie auf den ersten Seiten der Erzählung am Pult eines Hörsaals. Sie soll eine Poetik-Vorlesung halten, was ihr jedoch nicht gelingt. Zu Beginn ihres Vortrags kündigt sie an, ersatzweise über den „Wust an Notizen, Fragmenten“ zu sprechen, jene „Relikte“ des Südamerika-Abenteuers, die noch auf ihre literarische Bewältigung warten.
Und so zieht sie ihre fiktiven Hörer – und parallel Elmiger ihre realen Leser – hinein in das Protokoll ihres ganz persönlichen Fitzcarraldo-Erlebnisses: Ein Theatermacher habe sie vor drei Jahren genau dazu, zum Protokollieren, angeworben für das oben beschriebene Kunstprojekt. Arbeitstitel: „Die Holländerinnen“. Per Flugzeug, dann per Überlandbus, dann per Motorboot, dann per pedes habe sie sich zu dem Treffpunkt am Pazifikstrand begeben, von Anfang an jedoch geplagt vom unguten Gefühl einer schwerwiegenden „atmosphärischen Störung“, die sich schließlich in einem gewaltigen Unwetter entladen wird.
Auch Klaus Kinski taucht auf
Daß Werner Herzog der wichtigste Referenzpunkt für die Autorin war, zeigt schon das Motto, das dem Buch voransteht. Es stammt aus seinen „Fitzcarraldo“-Drehmemoiren „Eroberung des Nutzlosen“. Der Theatermacher, der der Referentin vorkommt „wie ein dem Wahn verfallener König“, ist natürlich ein literarisierter Werner Herzog.
Auch Klaus Kinski, der sich mit der deutschen Regielegende vor seinem Auftritt als opernbesessener Fitzcarraldo schon in dem historischen Fieber-Alptraum „Aguirre, der Zorn Gottes“ (1972) auf die dunkel lockenden Pfade tropischer Anti-Paradiese begeben hatte, wie sie Elmiger offenbar auch lockten, kommt vor – ob verabscheut als Patriarch oder gefürchtet als Dämon, das bleibt den Vorstellungen des Lesers überlassen, die Elmiger immer wieder anfüttert, ohne am Ende bereit zu sein, den dadurch geweckten Hunger auf etwas Großes, Schicksalhaftes, Staunenswertes zu stillen. „Die Holländerinnen“ ist eben kein klassischer Abenteuerroman, sondern ein Höllenschlund aus Wörtern, ein postmoderner Assoziationsalptraum, der sich logischen und klaren Strukturen so beharrlich verweigert wie dereinst Klaus Kinski den herzöglichen Regieanweisungen oder das Dickicht des Dschungels seiner Zähmung. Wer sich nicht auskennt, für den wird er zum Labyrinth.
Und als ein solches hat die Autorin ihren Roman auch angelegt: Da ist eine Frau, die steht in einem Hörsaal und hält einen Vortrag. In diesem Vortrag kommt eine Frau vor, die von sich erzählt. Und in dem, was diese Frau von sich erzählt, sind Figuren, die wieder von sich und anderen erzählen. Und so geht das wie beim Zwiebelschälen immer weiter, weswegen der Konjunktiv der indirekten Rede das entscheidende Stilmittel von „Die Holländerinnen“ ist.
Die Querverweise stapeln sich
Er ist der sprachliche Kompaß in diesem Erzähllabyrinth, in dem der Leser sich verirren und in dem er bleiben müßte, würde die Erzählerin ihn nicht immer wieder herausholen, indem sie zurückkehrt an den Ort, an dem erzählt wird, den Hörsaal. Die Erzählerin als Retterin in einer unübersichtlich gewordenen Welt? Der prämierte Roman bietet viele Deutungen an, aber jede kann sich als Sackgasse erweisen.
Die Sache mit dem Konjunktiv ist übrigens weder neu noch innovativ. Schon Daniel Kehlmann hatte den Roman, der ihn zum literarischen Giganten machte, „Die Vermessung der Welt“ (2005), durchgehend in indirekter Rede verfaßt. Und da das ein Abenteuerroman war, der seinen Helden, Alexander von Humboldt, in den südamerikanischen Dschungel führte, ist Kehlmanns Kassenschlager, wenngleich er nur indirekt erwähnt wird, ebenfalls einer der Referenzpunkte der „Holländerinnen“.
Mit solchen ist das schmale Büchlein übrigens heillos überfrachtet: Neben Herzog sind auch dessen Kollegen Michael Haneke und Christoph Schlingensief kurz zu Gast. Thomas Bernhards „Zimmerer“ und Stefan Zweigs „Flucht in die Unsterblichkeit“ aus der Anthologie „Sternstunden der Menschheit“ bekommen ihre Reverenz, ebenso der Psycho-Philosoph Jacques Lacan und dessen Kollege Maurice Merleau-Ponty, Herman Melville, Arendt und Adorno, Ingeborg Bachmann, Walter Benjamin und Nikolai Lesskow, Kracauer, Kafka und Coetzee und, und, und. Schon „Aus der Zuckerfabrik“ setzte sich aus einem solchen Wust an Assoziationen und interdiskursiven Beschwörungen zusammen, daß es schwerfiel, die Lust am Lesen nicht komplett zu verlieren.
Trotz allem: Das Buch ist auf dunkel-mysteriöse Weise berauschend
Es ist eines der Kennzeichen von Elmigers Texten, daß sie sich gern selbst verraten. Daß es hier nämlich „keine Pointe geben, daß die ganze Geschichte auf keine Auflösung, kein Ende zulaufen würde“, ist nicht nur eine Erkenntnis der Heldin, es ist auch ein verstecktes Versprechen der Autorin an ihre Leser. Zugleich ist es ein Bekenntnis zu den Defiziten ihrer Kunst. Wenn die Frau, die für Elmiger im Auditorium steht, bekennt, daß sich „ihr eigentliches Schreiben aufgelöst“ habe, sich alle Schreibversuche „fragmentiert“ hätten, ihre Kunst „formlos geworden“ sei, kann man das als Dekonstruktivismus deuten, aber auch als blanke Verzweiflung.
„Immer weiter hinein und bis ans Äußerste zu gehen“ lautet auf der Schlußetappe der „Holländerinnen“, dieses polyvalenten, variablen und fluktuierenden Textes die Forderung des Theatermachers. Sie wirkt wie eine Dienstvorschrift der Autorin für sich selbst. Anstrengend wie drei Kilometer Fliesenlegen ist auch ihr neues Buch, aber gleichwohl – so viel muß man ihr lassen – auf dunkel-mysteriöse Weise berauschend, das Ende ein furios-fiebriges Crescendo des Untergangs, eine in Sprache überführte Natur-Ekstase. Man muß als Leser nur aufhören, den Geist der Erzählung bannen zu wollen. Man muß ihn sprechen lassen.






