Internet und Bücher. Das klingt erstmal wie ein Gegensatz, richtig? Zweifellos gibt es zahlreiche Studien, die der Nutzung sozialer Medien eher negative kognitive Effekte anrechnen, insbesondere für junge Menschen. Wer viel auf den Bildschirm starrt, wird am gedruckten Wort verzweifeln, so der gängige Glaube.
Doch Gutes steckt selbst im Dunkeln. „Bookstagram“ ist hier das Zauberwort. Es setzt sich aus den Wörtern „Books“ und „Instagram“ zusammen, und beschreibt ein Milieu entsprechender Instagram-Nutzerkonten, welche in erster Linie über Bücher posten, Lektüreempfehlungen geben und Rezensionen verfassen. Klassiker werden entstaubt, druckfrische Werke besprochen und Geheimtips weitergereicht. Es gibt Kanäle, die Krimis und Romanzen besprechen – und es gibt Liebhabermilieus, etwa für die Weimarer Klassik, russische Romane oder für marxistische Theorie.
Und dann gibt es ein alternatives, konservatives, rechtsoffenes bis rechtes Bookstagram. Es ist kein ideologisch geschlossenes Milieu, sondern vielmehr eine lose Ansammlung lesebegeisterter Menschen, die sich vom oft als stromlinienförmig wahrgenommenen Literatur-Mainstream entfremdet fühlen und mit Neugierde auf das schauen, was außerhalb dessen so alles geschrieben und verlegt wird.
Es ist Lese-Content für ein junges Publikum
Das kann im Detail ganz unterschiedlich aussehen. Der vielleicht erfolgreichste Kanal dieses Spektrums, „Der Bücherschrank“ (mit 16.000 Followern), wird etwa von einem 40jährigen Kraftsportler mit Migrationshintergrund betrieben, der nach eigenen Angaben in einem sozialen Brennpunkt in München aufwuchs – und auch bereits einmal für die JF-Internetseite zur Feder griff (Lesen Sie den Text hier). Seine Rezensionen präsentiert er teilweise in Form kurzer Rapeinlagen, häufig beginnen seine Videoclips auch mit eingespielten Memes. Es ist ein Lese-Content für ein junges und internetaffines Publikum.
„Wenn ich meinem jüngeren Selbst einen Tip geben könnte, wäre das sicherlich, früh mit dem Lesen anzufangen. Es gibt vermutlich kein Problem, mit dem man sich heutzutage herumschlagen kann, über das nicht irgendjemand in der Menschheitsgeschichte schon mal ein Buch geschrieben hat.“, erklärt der Influencer der JUNGEN FREIHEIT. Das Spektrum rezensierter Literatur reicht dabei weit: Der Bücherschrank bespricht Jüngers „In Stahlgewittern“ („Harter Tobak für den Kopf, und das in einer Sprache, die manchmal irgendwie poetisch wirkt“) und Erzählungen von Dostojewski – aber auch aktuelle politische Sachbücher.
Immer wieder positioniert sich der Influencer dabei gegen Wokeness, mahnt zu Sachlichkeit und Verständigung und äußert Zustimmung zu Ideen, die sich im weitesten Sinne als liberalkonservativ bezeichnen lassen. Das Buch „Links-grüne Meinungsmacht“ der ehemaligen NDR-Moderatorin Julia Ruhs – deren Sendung vom Sender abgesetzt wurde (JF berichtete) – findet er „stark“, weil es „auf jeder Seite einfach nur bestätigt hat, wie meine persönliche Wahrnehmung seit einigen Jahren ist“.
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Stauffenberg spielt eine wichtige Rolle
Begeisterung ruft er dabei nicht überall hervor – so berichtet der „Bücherschrank“, daß andere Nutzer bereits seine Follower aufgefordert hätten, ihm zu entfolgen, und Linke öffentlich forderten, seine Arbeitsstelle ausfindig zu machen „Dabei sehe ich mich gar nicht als rechts, sondern einfach als konservativ oder Mitte-liberal. Aber das linke Bookstagram agiert häufig einfach aus einem Bauchgefühl heraus. Fakten spielen selten eine Rolle. Und wenn man Aussagen mit Fakten widerlegt wird man reflexartig persönlich beleidigt.“
Einen anderen Zugang findet der kleinere Kanal „Schlagseiten“, welcher sich selbst als „buchbetrunken“ vorstellt und seine Lektüre dementsprechend stets mit einem begleitenden alkoholischen Getränk verköstigt. Politisch ist der Kanal nicht, jedenfalls nicht im engeren Sinne; in erster Linie konzentriert sich der Rezensent auf Belletristik. Eine besondere Leidenschaft gilt dabei dem deutschen Romancier Walter Kempowski. „Ich liebe Kempowskis zuweilen schon bösartige, dann wieder liebevolle Ironie“, erklärt der Influencer der JF.
Ebenfalls eine wichtige Rolle spielt Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Seitdem der Kanal im Mai 2021 erstellt wurde, rezensiert „Schlagseiten“ jährlich, meist am Jahrestag des gescheiterten Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944, ein Buch zu diesem Themenkomplex. Im Jahr 2022 war es eine Biographie über Stauffenbergs Gattin, Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg, im Jahr 2025 ein Werk seiner Enkelin: „Mein Großvater war kein Attentäter“. Stauffenberg sei für ihn ein Sinnbild dafür, „daß ein anderer Ausgang der Geschichte möglich gewesen wäre. Daß Deutschland in der Lage gewesen wäre, sich selber zu befreien“, erklärt der Influencer. Der Attentatsversuch widerlege zudem die These einer deutschen Kollektivschuld.
Manchmal wird es tagespolitisch
Auch Literatur von weiter rechts findet ihren Platz. Der Roman „Herrengedeck“ des Dresdner Autors Volker Zierke, erschienen im neurechten Jungeuropa-Verlag, wird als „große Geschichte der Sinnsuche im großen Nichts“ gelobt. Es sei eine Art von Buch, auf die er „schon lange gewartet habe“.
Deutlicher politisch ist der Kanal „Bücher, oder nichts“, dessen Selbstbeschreibung ein Zitat des reaktionären Aphoristikers Nicolás Gómez Dávila ziert: „Die Bücher sind kein Werkzeug der Perfektion, sondern Barrikaden gegen den Überdruß.“ Neben Klassikern der Konservativen Revolution wie Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“ und Carl Schmitts „Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus“ wird es auch vergleichsweise tagespolitisch.
Das Buch, welches dem Politikwissenschaftler Martin Wagener seine Lehrtätigkeit an einer Nachrichtendienstfortbildungsstelle kostete (JF berichtete), „Kulturkampf um das Volk“, wird als tiefschürfendes, wohltuendes und interessantes Werk angepriesen, welches dem „Verfassungsschutz die Leviten“ lese. Ebenfalls nahegelegt wird dem geneigten Leser „Das bewaffnete Wort“, eine Aufsatzsammlung des 2022 verstorbenen Publizisten Günter Maschke. Dessen Aufsatz „Die Verschwörung der Flakhelfer“ sei heute noch so gültig wie im Erscheinungsjahr 1985. Seltsam, diese Worte auf Instagram zu lesen, verfügte der manische Leser Maschke doch bekanntermaßen nicht einmal über eine Mailadresse.






