Zu berichten ist von einem Sinneswandel. Er vollzieht sich in drei Bänden, findet statt vor großem Publikum und wird folglich unmittelbar versilbert, was dem achtbaren Verlag gegönnt sei. Dem Autor teils-teils.
Jener, Ulf Poschardt, ist ein schnoddrig-telegener, mit seiner Hochnäsigkeit hart am Wind seiner Intelligenz – oder umgekehrt – segelnder Journalist, der sich viele Jahre in den oberen Rängen bei Springer exponiert hat und dort neuerdings unter dem Operettentitel „freiester Mitarbeiter“ irgendwelcher Ämter waltet. Medienkollegen, die über ihn schreiben, betonen mit geheimnisloser Zwanghaftigkeit, dass er Ferrarifahrer sei.
Der dezidiert wirtschaftsliberale Journalist gehörte nie zu jenem eintönigen linksgrünen Wohlgesinntenmilieu, das sich hierzulande als buntheitsaffin spreizt, aber immer irgendwie dazu, weshalb seiner Gesamtkarriere auch ihr bislang einziges Malheur nicht schadete: Anno 2000 verlor er seinen Job als Chefredakteur des SZ-Magazins, weil er dort mehrere Interviews mit prominenten Hollywood-Mimen abgedruckt hatte, die der Claas-Relotius-Vorläufer Tom Kummer teils kompiliert, teils frei erfunden hatte.
Das Bürgertum war schon immer feige
Im Januar 2025 veröffentlichte der soeben zum Welt-Herausgeber Nobilitierte sein Buch „Shitbürgertum“, in dem er die Coterie der progressistischen Schuldproduzenten und moralischen Erpresser in ’schland grobianisch am Ohr zog. Da sich das Opus nach einigen PR-tauglichen Querelen als Verkaufserfolg entpuppte – der ursprüngliche Verlag hatte das Manuskript abgelehnt, es erschien zunächst im Eigenverlag, bis schließlich Westend übernahm –, legt er nun mit dem Folgeband „Bückbürgertum“ nach; Teil drei, „Fightbürgertum“ geheißen, wird darin bereits angekündigt.
Poschardts Neologismen-Terzett hat durchaus Chancen, hierzulande ähnlich geflügelt zu werden wie David Goodharts Gegensatzpaar „Anywheres“/„Somewheres“, obwohl nur der „Bückbürger“ ein wirklich geglückter Begriff ist, ein selbsterklärender zumal, zur Bildung ohrfeigengleicher Komposita wie geschaffen. Poschardt macht davon reichlich Gebrauch: Er schmäht „Bückboomer“, „Bückwissenschaftler“, „Bückökonomen“, „Bückjournalisten“, „Bück-Poeten“, „Bückmanager“, identifiziert ganze „Bückbürgerviertel“ mit „Bückbürgerfuhrpark“; bespöttelt das „Bücken gegen Rechts“ und die „Bückbrandmauer“, und die Energiewende ist in seiner Interpretation ein „bürgerlicher Bückmarathon wider jede energie- und wirtschaftspolitische Vernunft“.
„Das Bücken“, statuiert Poschardt, „ist ein Geisteszustand.“ Wovor bücken sie sich alle? Vor den ideologischen Totems des Shitbürgertums. Die Shitbürger beherrschen die Medien – „Die öffentlich-rechtlichen Medien sind der Todesstern des Shitbürgertums im Kulturkampf“ –, die Kulturszene, die Universitäten, die NGOs („Near-Governmental Organisations“), die Kanzeln, Podien, Bühnen, und die Bückbürger sitzen im Publikum, wo sie jenen applaudieren, die sie beschimpfen und ihre Art zu leben verächtlich machen.
Warum sie das tun, ist ein Kapitel für sich, das tief in die Bückbürgerpsyche führt. Es hat mit kulturellen Minderwertigkeitskomplexen zu tun, mit der Sorge, verklemmt, altmodisch, langweilig, uncool, nicht auf der Höhe der Zeit zu sein, sowie mit einer Mentalität, die Poschardt „bückbürgerlicher Bequemlichkeitsfundamentalismus“ nennt. Der Bürger war schließlich immer feige.

Für die Rechte sind Poschardts Erkenntnisse nicht neu
Der Spießbürger kam zu seinem Kosenamen, weil er sich hinter den Spießen der Wache versteckte, wenn die Studenten – quasi als Vorläufer der Shitbürger – ihre Saturnalien vor seinem Haus veranstalteten. Bürgerlich bedeutet in der Regel kaum mehr als: Kollaboration bis zur Unterwerfung. „Der Bürgerliche übergibt die Macht, um das Geld zu retten; danach übergibt er das Geld, um seine Haut zu retten; schließlich hängen sie ihn“ (Nicolás Gómez Dávila).
Poschardts Buch setzt unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg ein und beschreibt eine „Geschichte verlorener bürgerlicher Kulturkämpfe von 1945 bis 2026“. Erst die Kapitulation der Bückbürger, so Poschardts leitmotivische These, ermöglichte dem „Shitbürgertum“, den zunächst kulturellen und schließlich politischen Wandel in Deutschland, ob er nun mit der „Gruppe 47“ oder den 68ern beginne, zu bewerkstelligen. Das bürgerlich-konservative Milieu habe aus Feigheit und Opportunismus den Linken kampflos das Feld überlassen. Ohne Bückbürger keine Shitbürger.
Donnerwetter, wird nun mancher auf der Rechten ausrufen, das habe ich ja noch nie gehört! Witzbolde wie der Unterfertiger dieses Artikels könnten sich an Argentiniens Kriegserklärung gegen das Deutsche Reich Ende März 1945 erinnert fühlen. In diesem Buch steht in der Tat wenig Neues – zumindest für Zeitgenossen, die in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren die Beiträge von, sagen wir, Thorsten Hinz, Karlheinz Weißmann und Alexander Wendt gelesen haben, zu schweigen vom bereits anno 1985 erschienenen Basistext über das nachkriegsdeutsche Bückbürgertum, Günter Maschkes „Die Verschwörung der Flakhelfer“.
Dennoch ist sein Buch klug und lesenswert
Aber zum einen ist die Rechte gar nicht das Publikum des freiesten aller Springer-Mitarbeiter – er predigt und poltert vor allem in sein eigenes Soziotop –, zum anderen hängt die Wirkung einer These weniger davon ab, wann sie zum ersten Mal vorgetragen wird – es gilt Rivarols Bonmot: „Hat man vierundzwanzig Stunden früher als die übrigen Menschen recht, so gilt man vierundzwanzig Stunden lang für närrisch“ –, sondern vielmehr davon, dass sie eine irgendwie repräsentative Figur zum treffenden Zeitpunkt und mit hoher Resonanz vorträgt. Das ist hier der Fall.
Überdies ist Poschardt als Autor für das Thema prädestiniert, weil er alle drei Stadien selbst durchlaufen hat – die Konversion ist oft interessanter als ihr Gegenstand. „Ich war immer auch Bückbürger“, bereut unser nunmehriger „Fightbürger“ (doch, doch). „In der Zeit der Corona-Politik war bei Poschardt mit dem Bücken Schluss. Er war ans Ende seiner Illusionen gekommen.“
Davon, dass er auch einmal zum Shitbürgertum gehörte oder sich jenem zumindest anzuschmiegen suchte, zeugt auch ein Welt-Artikel über den G-7-Gipfel in Taormina vom Mai 2017 (!), in dem er den „archimedischen Punkt der liberalen Demokratie“ ausgerechnet in der Bundeskanzlerin entdeckte und, einmal in Lobhudellaune, die Ausheblerin des deutschen Demos als „inoffizielle Führerin der freien Welt“ und „Ikone des Westens“ anharfte. Jene Merkel, „die in ihrer Biographie die bemerkenswerte Entwicklung von der Fightbürgerin über die Bückbürgerin zur Shitbürgerin durchmachte“, so Poschardt heute. Selbstredend war diese Opportunistin nie eine „Fightbürgerin“. In der Bewertung des Verhängnisses im Hosenanzug erreicht Poschardt, womöglich aus retrospektivem Selbstschutz, nicht das Level anderer Einsichten.
Zur Zeit zankt sich Poschardt auf X mit der AfD – der Rubikon in Deutschland ist bekanntlich tiefblau, und mehr als den großen Zeh mag er nicht hineinhalten. Man nehme es dem Gevatter nicht krumm: Er ist auf dem rechten Weg. Sein kluges, lesenswertes und stilistisch ansprechendes Buch legt davon Zeugnis ab.





