Als Charlie (Robert Pattinson) zur Verteidigung seiner Verlobten behauptet, ein Amoklauf sei in Anbetracht der hohen Dunkelziffer prämeditierter, dann aber doch nicht durchgeführter Taten fast schon normal in den USA, wird klar: In „Das Drama – Noch mal auf Anfang“ geht es nicht nur darum, was im Vorfeld einer Hochzeit so alles schiefgehen kann; es geht auch um die US-Waffengesetzgebung, Gewaltphantasien und den menschlichen Makel, den jeder, der eine Liebesbeziehung eingeht, in diese mit hineinbringt.
Eine solche Beziehung gehen Charlie und Emma (Zendaya) ein, nachdem er, von Autor und Regisseur Kristoffer Borgli mit überformatiger Brille als etwas linkischer Clark-Kent-Verschnitt gezeichnet, ein Café betreten hat, an dessen Fensterfront sie in eine Harper-Collins-Publikation mit dem Titel – nomen est omen – „Der Schaden“ vertieft ist. Er sucht rasch nach Informationen über das Buch und spricht die attraktive junge Frau an, indem er behauptet, er habe es auch gelesen und ganz toll gefunden. Doch die Dame an der Fensterfront straft ihn mit Nichtachtung. Erst als sich aufklärt, dass sie auf einem Ohr taub ist und in dem anderen einen Ohrhörer mit Musik versenkt hat, bricht das Eis. Es kommt zu einer Verabredung, näherem Kennenlernen, der Verlobung.
Der Film ist im Grunde ein Theaterstück
„Ich liebe es, wie sie es immer wieder schafft, mein Drama in eine Komödie zu verwandeln“, erklärt Charlie seinem Freund Mike (Mamoudou Athie), was ihn an Emma so fasziniert. Es ist ein Satz, der zugleich als Modus Operandi für das Drehbuch des Norwegers angesehen werden kann, das geschickt die Balance hält zwischen ernst und heiter. Kristoffer Borgli nutzt den Schnitt zu irritierenden Sprüngen, die die logische Abfolge der Ereignisse konterkarieren, greift voraus, springt zurück, montiert auch Erinnertes, Geträumtes, Visionäres oder Halluziniertes in seine Filmerzählung ein, in etwas bekömmlicheren Dosen freilich, als er es vorletztes Jahr in der Satire „Dream Scenario“ mit Nicolas Cage unternommen hat (JF berichtete). Trotzdem setzt er den Zuschauer mit dieser Art filmischen Erzählens gekonnt unter Spannung.
Die Bildexperimente sind dringend nötig, denn was Borgli erzählt, ist im Grunde genommen ein Theaterstück. „Das Drama“ würde auch auf der Bühne blendend funktionieren, und wahrscheinlich ist der Titel des Films eine bewusste Anspielung genau darauf. In Szenen, die mit ihrer Dialoglastigkeit zuweilen an „Der Gott des Gemetzels“ erinnern und in der Konzentration auf die Figuren an das französische Kino der Nouvelle Vague, an „Die Verachtung“ (1963) beispielsweise von Jean-Luc Godard, entfaltet Borgli nach der Verlobung seiner beiden Drama-Helden wie Yasmina Reza in ihrem Theaterstück, wie Godard in dem Brigitte-Bardot-Film ein Crescendo des Misstrauens und der Distanzierung.
Ihrer Freundin fällt die Kinnlade herunter
Es beginnt mit einem zwanglosen Beisammensein im Vorfeld der Hochzeit. Die als Trauzeugin auserkorene Rachel (Alana Haim) und ihr Mann Mike sitzen dem baldigen Brautpaar in einer Bar gegenüber, als Rachel, leicht angeheitert, auf die dämliche, an das Gesellschaftsspiel Tabu erinnernde Idee kommt, jeder der vier Anwesenden möge doch mal erzählen, was das Schlimmste sei, das er oder sie im Leben je getan habe. Gekonnt zieht Borgli in dieser Szene den Mythos vom eigentlich guten und edlen Menschen durch den Kakao: Mike hat mal eine Freundin als Schutzschild gegen einen bissigen Hund missbraucht, Rachel hat einen zurückgebliebenen Jungen im Wald eingesperrt. Und was hat Emma verbockt? Sie war als Schülerin einmal drauf und dran, ein Schulmassaker im Columbine-Stil anzurichten, in der deutschen Synchronfassung leider etwas ungelenk als „School Shooting“ bezeichnet.
Vom Moment dieses Geständnisses an ist nichts mehr, wie es war. Rachel, die einer jungen Frau nahesteht, die durch einen Amoklauf zur Invaliden wurde, fällt die Kinnlade herunter. Auch Mike ist irritiert. Und Charlie ist fortan hin- und hergerissen zwischen seinen Gefühlen für Emma und der im Wald mit Schießübungen ihren Amoklauf vorbereitenden fünfzehnjährigen Version von ihr, die er selbst nie kennengelernt hat.
Kenne ich die Person wirklich?
Wie ein Gespenst geistert die fremde Beinahe-Attentäterin plötzlich durch seinen Alltag, der eigentlich von freudigen Hochzeitsvorbereitungen geprägt sein sollte. Jäh sind dunkle Gewitterwolken über dem Liebespaar aufgezogen. Und Charlie bringt es fertig, durch unüberlegtes und fahriges Verhalten das drohende Gewitter schließlich tatsächlich zu entfesseln, zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt.
„Das Drama“ ist ein gewitztes Spiel mit den Unsicherheiten und plötzlich akut auftretenden Zweifeln, die viele Paare kurz vor dem folgenschweren Schritt an den Traualtar befallen wie ein lästiges Virus. Kenne ich die Person, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen werde, wirklich? Bin ich wirklich gefeit gegen eine „Der Feind in meinem Bett“-Erfahrung, wie sie Julia Roberts im gleichnamigen Psychokrimi von 1991 machen musste? Und: Ist ein Rückzieher überhaupt noch möglich, oder sind die Kosten dafür einfach zu hoch?
Ein wahres Drama
Ferner durchzieht, wie eingangs erwähnt, ein subtiler Subtext den Film, der sich mit der geistig-moralischen Gesamtsituation der Vereinigten Staaten anno 2026 befasst und zwischen den Zeilen seiner Dialoge die Frage durchscheinen lässt: Haben wir noch alle Tassen im Schrank?
Nicht alles ist gelungen an Borglis filmischer Versuchsanlage. Manches wirkt überkonstruiert: Etwas zu oft sieht man Personen, die sich heftig übergeben. Doch die beiden Weltstars Zendaya, die bereits 2024 als Amazone in dem Tennis-Drama „Challengers – Rivalen“ (JF berichtete) die Männer zur Verzweiflung brachte, und Robert Pattinson, der mit „Twilight“-Filmpartnerin Kristen Stewart sein ganz persönliches Drama erlebte, spielen ihre Rollen exzellent, Pattinson vielleicht mit leichter Neigung zur satirischen Überzeichnung seiner Figur. Gleichwohl: Die beiden Hochkaräter bringen Kristoffer Borglis Film zum Strahlen und machen „Das Drama“ zu einem wahren … nun ja: Drama.
Filmstart: Gründonnerstag





