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Popkultur: „Hal, bitte mach die Musik aus“

Popkultur: „Hal, bitte mach die Musik aus“

Popkultur: „Hal, bitte mach die Musik aus“

Man sieht ein rotes Auge vor einem DJ-Mischpult – es handelt sich um den Bordcomputer Hal 9000 aus dem Science-Fiction-Klassiker 2001 – A Space Odysee, ein Symbolbild für KI-Musik
Man sieht ein rotes Auge vor einem DJ-Mischpult – es handelt sich um den Bordcomputer Hal 9000 aus dem Science-Fiction-Klassiker 2001 – A Space Odysee, ein Symbolbild für KI-Musik
Der Bordcomputer Hal 9000 aus dem Science-Fiction-Klassiker 2001 – A Space Odysee legt Musik auf. Foto: ChatGPT
Popkultur
 

„Hal, bitte mach die Musik aus“

Millionen Streams für Künstler, die es gar nicht gibt: Auf Spotify breitet sich KI-generierte Musik rasant aus. Auch rechte Musik findet dabei Hörer. Aber ist das wirklich Kunst?
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Spotify ist die weltweit meistgenutzte Musikapp. Es ist also nicht banal, wenn ausgerechnet dort ein neues Phänomen um sich greift: Musik von „Künstlern“, die de facto gar nicht existieren. Lieder, bei denen kein Mensch je einen emotionalen oder ästhetischen Impuls hatte; niemand klampfte die Saiten einer Gitarre, notierte Noten auf ein Blatt oder säuselte in ein Mikrofon. Melodie, Sound, Gesangsstimme und Liedtext wurden stattdessen von einer künstlichen Intelligenz erschaffen. Kurz gesagt: Es geht um KI-Musik.

Im vergangenen Jahr sorgte etwa „The Velvet Soundown“ für Schlagzeilen. Innerhalb weniger Monate hatte das zuvor völlig unbekannte Projekt mehrere Alben veröffentlicht, deren Lieder auf Spotify rasch 1,5 Millionen mal abgespielt wurden – nicht weil Hörer das Projekt gezielt ausgewählt hatten, sondern weil der Algorithmus die Musik automatisch in Playlists einspeiste. Der seichte, gefällige, an 60er-Jahre-Folk erinnernde Indie-Sound der „Band“ war automatisch mit bereits existierender Musik verglichen und dementsprechend als „passend“ eingeordnet worden.

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In Schweden, Norwegen und Großbritannien landete die Musik gar, ebenfalls gemessen an der Zahl von Abspielungen auf Spotify, in den offiziellen Musikcharts. Tatsächlich war bei „Velvet Sundown“ alles, vom Songwriting bis zu den dazugehörigen Bildern und Videos, mit einer KI erzeugt worden. Selbst die Hörerzahlen waren wohl nicht vollständig organisch; Berichten zufolge sollen die Lieder ab Juni 2025 regelmäßig von bezahlten Bots abgespielt worden sein.

Der Algorithmus wählt nach Massentauglichkeit

Der Fake-Folk ist dabei nur ein Beispiel für ein erfolgreiches KI-Musikprojekt auf der Plattform. Es ist dabei auch kein reiner Zufall, dass ausgerechnet Spotify mit nicht-menschlichen Klängen geflutet wird, während dieselben Projekte auf Youtube oder spezialisierteren Plattformen wie Deezer nur einen Bruchteil der Aufmerksamkeit bekommen.

Der Algorithmus selbst ist es, der das Phänomen verstärkt. Der Autoplay, eine voreingestellte Funktion bei Spotify (und anderen Plattformen) sorgt dafür, dass einem Nutzer, sobald er ein Lied oder ein Album zu Ende gehört hat, automatisch weitere, vom Algorithmus ausgewählte Lieder vorgespielt werden. Nutzer übergeben also, sofern sie nicht aktiv und gezielt nach bestimmter Musik suchen, ihre Auswahl einem Programm. Um den Hörer dabei möglichst lange bei der Stange zu halten, wählt der Algorithmus entsprechend solche Musik aus, die einerseits vorherigen Hörgewohnheiten entspricht und anderseits einer möglichst breiten Masse an Menschen mit ähnlichen Gewohnheiten gefallen könnte. Mit anderen Worten: Der Algorithmus wählt nach Massentauglichkeit.

An den automatisch generierten Playlists möglichst ungewöhnlicher Künstler lässt sich das ganz konkret nachvollziehen. Wer etwa Musik des Electronica-Musikers Aphex Twin hören will, bekannt für teils gespenstisch schöne, teils extrem schräge und experimentelle Klangwelten, bekommt, sofern er nicht die tatsächlichen Alben durchhört oder sich selbst Stücke zusammenstellt, die denkbar gefälligste und weichste Version des irischstämmigen Musikers zu hören. Das Alienartige, die bizarren Sounds, für die das Projekt einst berühmt wurde, fehlen, übrig bleiben alle „einsteigerfreundlichen“ Stücke.

In den Niederlanden stürmt ein rechtes KI-Lied die Charts

Kreiert die KI eigene Musik, sei sie sehr gut darin, ein gewisses Mittelmaß zu erreichen, betonte der Filmmusik-Komponist und Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste, Martin Villiger gegenüber dem SWR. Bei näherem Hinhören sei die Musik von „Bands“ wie The Velvet Sundown jedoch auffallend „flach“. Aus genau diesem Grund kann sich KI-Musik allerdings perfekt dem auf Massenkompabilität trainierten Algorithmus anpassen und wird somit automatisch in eine Vielzahl an Playlists eingespeist.

Mittlerweile hat das Phänomen noch einen politischen Aspekt erhalten. Seit mehreren Monaten warnen Medien vor rechten und nationalistischen KI-Liedern, mit denen Spotify geflutet werde. Für Aufregung sorgte das Phänomen vor allem in den Niederlanden, wo das dreiminütige Lied „Wij zeggen nee, nee, nee, tegen een AZC“ (Wir sagen nein, nein, nein, nein zum AZC) zum Entsetzen der Presse sogar in die Charts stürmte und im November 2025, einen Monat nach seiner Veröffentlichung, zum meistgestreamten Lied des Landes wurde. Versehen mit einem simplen Techno-Beat wendet sich der Text des Liedes gegen den Bau von neuen Asylunterkünften in dem Königreich.

Der künstlerische Wert ist fraglich

In Deutschland erlangte ein Spotify-Nutzer unter dem Namen Jjy_East_Side im Jahr 2025 mit KI-generierten Schlagerliedern wie „Gasspeicher leer, danke Herr Merz“ oder „Ich bin Deutscher verdammt“ Bekanntheit. Laut Plattform hat das Projekt fast 75.500 monatliche Hörer. Ob sich diese Zahlen aufrichtiger Begeisterung verdanken, Hörern die Musik algorithmisch in die Playlist gespült wurde, oder gar Bots etwas abgriffen, lässt sich dabei schlecht sagen. In Großbritannien machte zu Beginn des Jahres der Kanal „TheNodProject“ von sich reden, welcher elektronisch eingefärbte Rap-Musik von einem KI-Charakter vortragen lässt. Anders als bei den vorherigen Projekten ist in diesem Fall allerdings unklar, ob auch die Musik künstlich erzeugt ist. Auf Youtube erreichte das Lied „This is England“ Hunderttausende Klicks.

Wenngleich KI-Musik sicherlich ein praktisches Propagandamittel darstellt, ist der künstlerische Wert eines überwiegenden Teils dieser Erzeugnisse quasi Null. Die KI kann Töne produzieren, was genau Musik interessant macht und wieso sie den Menschen berührt, versteht sie nicht. Und so fühlt es sich manchmal beinahe an, als verstecke sich ein verborgener Sadismus in dieser roboterhaften (im wahrsten Sinne des Wortes) Mittelmäßigkeit. Ein wenig fühlt man sich an einen der Protagonisten des Science-fiction-Klassikers „2001 – A Space Odysee“ erinnert, der seinem wahnsinnig gewordenen Bordcomputer Hal 9000 in diesem Fall zurufen möchte: „Hal, bitte mach die Musik aus!“

Der Bordcomputer Hal 9000 aus dem Science-Fiction-Klassiker 2001 – A Space Odysee legt Musik auf. Foto: ChatGPT
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