Charles Bukowski im Mai 1978.
Charles Bukowski im Mai 1978 Foto: picture alliance / dpa
Das Leben eines Außenseiters

Cheers für den „dirty old man“

Er war der literarische Held unserer vergnügten wilden Jugendjahre, dieser versoffene alte Sack, er und die schmutzigen Comics von Robert Crumb, William S. Burroughs’ Roman „Junkie“ natürlich und Allen Ginsberg, aber Hank Bukowskis „Notes of a dirty old man“ waren der Hit in einer Zeit, als „Underground“ noch eine Gattungsbezeichnung war. Heute ist er ein Klassiker und feiert am 16. August seinen 100. Geburtstag.

Als ich Charles Bukowski traf, Anfang der 1980er Jahre, dem Jahrzehnt der glatten Yuppies mit den roten Brillengestellen, war er bereits aus dem Gröbsten heraus, das heißt, er war berühmt, der Mann auf der Klippe, dessen zerschnittenes Gesicht wie ein Schlachtfeld war, aknenarbig, zerklüftet, grobporige Säufernase, aber eben nicht mehr in den Pennergegenden von Los Angeles oder New York oder Miami zu Hause, sondern in einem schmucken Bungalow in San Pedro, dem Hafenviertel von Los Angeles.

Das Wort Genie war wegen der Wampe Bukowskis in die Breite gezogen

Das wilde Leben lag hinter ihm, und die dafür sorgte war Linda, die einen Naturkostladen betrieb, Linda, die er schließlich geheiratet hatte, blondlockig und zierlich und durchsetzungsstark wie ein Löwendompteur.

Er trug ein T-Shirt, auf das ein Gedicht gedruckt war, über einen kleinen Jungen, der während einer Zugfahrt entlang der Küste zum ersten Mal in seinem Leben das Meer sieht und sagt: Das ist nicht schön. „Der Junge war ein Genie.“ Das Wort Genie war wegen der Wampe Bukowskis in die Breite gezogen, G-E-N-I-E, der Junge gehorchte in seinem Geschmacksurteil nicht der Konvention.

Er mag bei diesem Gedicht möglicherweise an diesen anderen kleinen Jungen gedacht haben, der er selber einst war. In Deutschland geboren, damals, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, als der amerikanische Besatzungssoldat Henry Bukowski Katharina Fett im rheinischen Andernach kennenlernte und er als Heinrich Karl dort zur Welt kam.

Er lernte, die Einsamkeit zu ertragen 

Drei Jahre später zog die Familie nach Los Angeles, wo der Vater sich und die Familie mit einem Job als Milchfahrer so eben über Wasser hielt, und wenn er nach Hause kam, seine Frau und den Sohn, der sich vor sie stellte, halb tot prügelte, um sich an seinem Scheißjob, seinem Scheißleben, ja an der Scheißwelt zu rächen – wenn er überhaupt nach Hause kam, denn er hatte reichlich was nebenher laufen.

O ja, Charles Bukowski lernte den Schmerz früh kennen und wie man ihn aushält, und dann kam wegen einer Akne die Isolation von der Umwelt dazu, ein Jahr konnte er nicht zur Schule, Pusteln am ganzen Körper, eitrige, vor allem im Gesicht, und er lernte die Einsamkeit kennen und zu ertragen.

Er trieb sich herum und schrieb und trank, er landete im Gefängnis und schließlich in der Psychiatrie, und er schrieb Gedichte, die keiner lesen wollte und trank weiter und schrieb weiter für kleine Szenemagazine. Er wurde ausgemustert, als es in den Zweiten Weltkrieg ging, und er schrieb und soff und arbeitete als Briefträger bei der Post.

Schreiben und Trinken

Zweierlei Lebenselixiere, Schreiben und Trinken, lange Zeit becherte er maßlos, „es schärfte für mich das Wort und gab ihm Kontur“, wie er in seinem Alterstagebuch „Den Göttern kommt das große Kotzen“ notierte. Anfang der fünfziger Jahre krepierte er fast an einem offenen Magengeschwür, er blutete und schrieb, und als kein Geld reinkam, kehrte er zur Post zurück, diesmal als Briefsortierer in den Innendienst. Jahre später schrieb er über die Zeit bei der US-Post seinen ersten Roman, 1974 auch auf deutsch erschienen unter dem Titel „Der Mann mit der Ledertasche“.

Er schrieb weiter, jeden Tag, vor der Arbeit, nach der Arbeit und allmählich wurde die Szene auf ihn aufmerksam, das Magazin The Outsider ernannte ihn zum „Außenseiter des Jahres“, auch eine Art Ruhm, und sie brachten einen ersten Band mit Gedichten von ihm heraus.

Kurz darauf begann er mit seinen Kolumnen für das Underground-Magazin Open City, das sich einen heftigen Konkurrenzkampf mit der Los Angeles Free Press lieferte, die der Platzhirsch war, aber Open City war anarchischer, frecher, radikaler, und hier legte Hank Bukowski los.

Es war diese radikale Penner-Perspektive 

Seine Geschichten handeln üblicherweise von Pferderennen, Wetten, Pokerpartien, Dollarnoten auf dem Tisch, fiesen Spelunken, viel Alkohol und Prügeleien und kreischenden Nutten. Das Zeug kam an, die Fan-Base wurde größer, und wir lasen die „Notes of a dirty old man“ (dt. „Aufzeichnungen eines Außenseiters“, 1970) mit steigender Begeisterung und fühlten uns wohl im Dreck von L.A.

Es war diese radikale Penner-Perspektive auf das blankgeleckte Palmen-Sunshine-Hollywood, die uns gefiel, Carl Weissner übersetzte kongenial ins Deutsche, und neben vielen anderen aus aller Welt besuchte ihn auch der Schriftsteller Jörg Fauser, der, so erinnerte sich Hank amüsiert, so damit beschäftigt war, ultra-cool zu sein, daß er stundenlang stumm bei ihm herumsaß.

Ich hatte bei meinem Besuch eine Jugendliebe dabei, eine Schauspielerin, eine wunderschöne, aber leicht durchgeknallte Zigeunerin aus Süddeutschland, die eine großartig-peinliche Theaterei hinlegte, weil sie nicht zu Wort kam, und Hank grinste nur in diesen hysterischen Sturm hinein und steckte sich eine weitere Beedi an, eine schmale indische Zigarette, ein gerolltes Schwarzbaumblatt mit Tabak, das, wie er behauptete, von Leprakranken gerollt würde.

Heben wir die Gläser! 

Er hatte Humor und die Gelassenheit Buddhas und Menschenliebe und Freundlichkeit. Und sein Leibfotograf und Freund Michael Montfort, auch er ein großer Trinker und noch größerer Freund, saß dabei und grinste.

Aber zurück. In den Achtzigern war Bukowski durchgesetzt als Dichter mit einem eigenen authentischen Ton, ein „Schreib-Weltmeister im Schwergewicht, Gewichtsklasse Hemingway“ (Wolf Wondratschek). Er hatte die Kämpfe und die Niederlagen erlebt, über die er schrieb, und er weckte das Interesse von Filmleuten. Schließlich traf er den Regisseur Barbet Schroeder, mit dem er den Film „Barfly“ (1987), eine autobiographische Pennergeschichte, ausheckte, in der er von Mickey Rourke gespielt wurde. Der Film dürfte heute wohl so nicht mehr gedreht oder gezeigt werden, zu frauenfeindlich, zu dreckig, zu versoffen.

Der grobe und sanfte und große Charles Bukowski – seine Freunde nannten ihn Hank –, das Kind aus Andernach, starb im März 1994 mit 73 Jahren an Leukämie. Am nächsten Samstag hätte er seinen 100. Geburtstag gefeiert, und natürlich heben wir die Gläser – cheers, Hank!

JF 34/20

Charles Bukowski im Mai 1978 Foto: picture alliance / dpa

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