Mehr als nur ein Mißbrauchsskandal

Die Macht der Homo-Lobby im Vatikan

Was derzeit die katholische Kirche erschüttert, ist mehr als nur ein Mißbrauchsskandal. Von einer „abgeworfenen Atombombe“ oder einem „Kalten Krieg, der heiß geworden ist“ spricht der Publizist Rod Dreher („Die Benedikt-Option“), die New York Times redet bereits einem katholischen „Bürgerkrieg“ das Wort. In den sozialen Netzwerken gehen sich Aushängeschilder unabhängiger katholischer Medien und Franziskus-Anhänger gegenseitig an den Kragen.

Auslöser ist ein elfseitiges Statement (hier auf deutsch) des Erzbischofs Carlo Maria Viganò. Der 77jährige Italiener forderte am Ende eines am Wochenende veröffentlichten Papiers den Rücktritt von Papst Franziskus; er habe „gespalten, in die Irre geführt und die Wölfe ermutigt, die Schafe der Herde Christi auseinanderzureißen“. Kritik am Pontifikat Jorge Bergoglios hat es seit 2013 immer wieder gegeben. Der Grad und die Deutlichkeit hat damit aber einen bisher unbekannten Höhepunkt erreicht.

Papst Franziskus soll Teil des Vertuscher-Netzwerks gewesen sein

Was Katholiken auf der ganzen Welt erschüttert, ist jedoch der Grund für diese Forderung. Viganò, der 2011 bis 2016 Apostolischer Nuntius in den Vereinigten Staaten war, nennt in seinem Schreiben sämtliche Prälaten, die direkt oder indirekt an der Vertuschung der Mißbrauchsfälle beteiligt waren, die insbesondere von Kardinal Theodore McCarrick begangen wurden. McCarrick hatte seine Autorität mißbraucht, um systematisch Seminaristen und Priesteramtsanwärter sexuell auszunutzen. Viganò stellt fest, daß die Umtriebe McCarricks seit Jahren bekannt waren und stieß bei Rückfragen auf taube Ohren.

Der eigentliche Sprengstoff des Briefes: zu diesem Netzwerk der Vertuschung gehörte auch Franziskus. Viganò will dem Pontifex kurz nach dessen Wahl im Juni 2013 über die Vergehen McCarricks in Kenntnis gesetzt haben. Wie Viganò erst später erfuhr, waren der Erzbischof von Washington und Bergoglio bereits seit Jahren befreundet. Anstatt daß Franziskus gegen McCarrick einschritt, machte er ihn zu einem der engsten Berater für Amerikafragen und räumte ihm eine wichtige Stimme bei der Besetzung von Bistümern ein. Maßregelungen, die sein Vorgänger Benedikt XVI. McCarrick auferlegt hatte, machte der neue Pontifex rückgängig.

Neues Kapitel der „Schwarzen Legende“

Mit Viganòs offenem Brief erscheint damit ein altes Phänomen im neuen Licht, das jahrelang als Verschwörungstheorie behandelt wurde: die Macht der „Homo-Lobby“ im Vatikan. McCarrick baute ein Netzwerk von Schützlingen und Protegés auf und konnte maßgeblich Entscheidungen der katholischen Kirche in den USA beeinflussen. Die „Schwarze Legende“ von der Unterwanderung der Kurie hat damit ein neues Kapitel erhalten. Bereits beim Rücktritt von Papst Benedikt brodelte die Gerüchteküche, daß die Homo-Lobby in Rom maßgeblichen Einfluß besessen hätte. Daß Ratzingers Anweisungen bezüglich McCarrick nicht eingehalten wurden, führt erneut die Machtlosigkeit des Papa emeritus vor Augen.

Die romtreue Presse schießt indes Breitseiten gegen Viganò ab. Der einstige enge Vertraute Ratzingers sinne nach Rache, weil er einer Intrige des homophilen Kardinalstaatssekretärs Tarcisio Bertone zum Opfer gefallen sei und ins Exil nach Amerika geschickt wurde. Jesuitische Verbündete von Papst Franziskus sehen die Gefahr eines „Klerikalismus“, der die katholische Kirche samt Papst bedrohe – wobei der Begriff so gut wie nie definiert wird. Andere weisen darauf hin, daß Viganò selbst an der Vertuschung eines Mißbrauchsskandals beteiligt war.

Franziskus selbst gießt Öl ins Feuer

Ein Großteil der franziskusfreundlichen Publizistik beläßt es aber dabei, den einstigen Spitzendiplomaten, der bis heute in der italienischen Bevölkerung großen Respekt genießt, persönlich zu diskreditieren – der Theologe Massimo Faggioli nannte ihn einen „Terroristen“ – oder das Schreiben als „ätzend“, „voller Gift“ oder als „Skandalpapier“ zu bezeichnen. Auf die Vorwürfe gehen sie nicht ein. Parallelen zur Politik drängen sich auf, wo man angesichts der allgegenwärtigen Verwerfungen der Migrationskrise lieber auf die Gefahr von „Rechts“ verweist, um damit die eigenen Verfehlungen unter den Tisch zu kehren.

Zusätzliches Öl ins Feuer goß Franziskus dann selbst. Auf der Rückreise vom Weltfamilientag in Irland verwehrte er sich einer direkten Antwort und kündigte an, nichts zu den Vorwürfen sagen zu wollen. Den Journalisten gegenüber fügte er hinzu: „Wenn die Zeit vergeht und Ihr eure Schlußfolgerungen gezogen habt, werde ich vielleicht darüber sprechen. Aber ich möchte, daß eure berufliche Reife die Arbeit für euch erledigt. Es wird euch guttun.“

Entfremdung zwischen Kirchenvolk und kirchlicher Elite

Das Schweigen des sonst sehr redefreudigen Papstes stieß nicht nur bei der Basis auf Kritik, die auf die dezidierten Vorwürfe eine Antwort erwarten. Die von Viganò aufgeworfenen Fragen verdienten „schlüssige und auf Beweisen basierende“ Antworten, betonte Kardinal Daniel DiNardo, Vorsitzender der US-Bischofskonferenz. Als ebenso arrogant wurde die Äußerung des Erzbischofs von Chicago, Blase Cupich, gewertet: „Der Papst hat eine größere Agenda, er beschäftigt sich mit Umweltschutz, dem Schutz von Migranten und Kirchenarbeit. Wir haben keine Zeit dafür, in dieses Kaninchenloch hinabzusteigen.“

Selten hat ein Zitat die Entfremdung zwischen katholischem Kirchenvolk und kirchlicher Elite so deutlich gemacht. Daß Cupich von Viganò ebenfalls schwer belastet wurde, dürfte natürlich blanker Zufall sein.

Papst Franziskus (l.) und Kardinal McCarrick Foto: picture alliance/Isabella Bonotto/MAXPPP/dpa / picture alliance / AP Photo

Unterstützung

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

aktuelles

All articles loaded
No more articles to load