Unordentliche Gefühle

Jedes Zeitalter setzt sein Wesen in Töne um. Das Wesen unserer Zeit ist die „Freiheit“ bzw. der Wille nach ihr: das Verlangen nach einer „Freiheit“, der im Grunde jedoch kaum jemand gewachsen ist. Dennoch steht sie im Raum und fordert uns täglich auf, ihr zu folgen.

Das bedeutet, wir wollen wählen können, auf nichts festgelegt sein, wollen den schnellen Wechsel in allen Dingen, den Wechsel der Moden, den des Geschmacks, ja sogar den des Geschlechts, wenigstens theoretisch. Das ist kein Ausdruck von Dekadenz, sondern von konsequenter Übernahme der Möglichkeiten dieses Zeitalters. Nie hätten Menschen anders gehandelt, wenn sie unter den gleichen Bedingungen aufgewachsen wären wie wir. Unserer Bedingungen sind, sozial voraussetzungslos und dadurch „frei“ zu sein, das Leben auf seine „Natürlichkeiten“ zurückwerfen zu können: etwa auf sex, drugs and rock’n’roll. Und trotzdem macht diese „Freiheit“ traurig, gerade jene, die sie bis auf den Grund auskosten wollen.

Kaum eine andere Band versteht dieses postmoderne Lebensgefühl musikalisch besser auszudrücken als das 1994 ins Leben gerufene melancholische Rock-Trio Placebo. Ihr Sänger mit der so charakteristischen Stimme, Brian Molko, zugleich Kopf der Gruppe, verkörpert beispielhaft diese „Freiheit“, die eine „Freiheit“ zu außerordentlichen Verhältnissen ist: Als Kind eines US-amerikanischen Bankiers französisch-italienischer Abstammung und einer streng religiösen Schottin wurde Brian Molko 1972 in Brüssel geboren, wuchs aber unter anderem im Nahen Osten, in Afrika und in verschiedenen Ländern Europas auf. Sein Abitur machte er an einer internationalen Schule in Luxemburg. Danach ließ er sich in London zum Schauspieler ausbilden. Die Eltern lehnten seine Kunst ab, was Brian nur noch stärker dazu provozierte, seine Neigung zur Androgynität und Bisexualität demonstrativ zur Schau zu stellen.

In ihren Songs spielt die Band gern mit dem Motiv nicht festgelegter Sexualität und dem Rollentausch. Das wichtigste Thema aber ist die Melancholie der Lust und des Unaufgehobenseins modernen Lebens. Stücke wie „Protect me from what I want“ oder „Song to say Goodbye“ dokumentieren diese gefühlte Leere virtuos. Ferner geht es um die Melancholie der Endlichkeit, wie sie etwa in „Twenty years“ anklingt und über das Video zudem wunderbar ins Bild gesetzt ist. Und natürlich um den Blick auf das irritierend Schöne, das dem Abgründigen so nahe wohnt: „Requiem for a Dream“.

Im November waren Placebo, viel gelobt für ihre Live-Auftritte, auch in Berlin (Arena/Treptow) zu sehen. Geboten wurde eine Mischung aus vielen Stücken vom aktuellen Album „Battle for the Sun“, das qualitativ allerdings nicht an das letzte, wohl beste, „Meds“ (2006), heranreicht, und den alten Hits wie „The bitter end“, „Special needs“ oder „Every you every me“. Letzterer Song bildete jedoch keinen Höhepunkt des Abends, da er überraschend schwach und von der bekannten Version leicht abweichend vorgetragen wurde. Das auffallend erwachsene Publikum – durchschnittlich kaum jünger als der quirlige, immer noch jugendlich wirkende Frontmann – ließ sich diese kleine Enttäuschung aber kaum anmerken.

Es gehört zu den anthropologisch tiefverwurzelten Wünschen, bisweilen Teil einer trancefähigen Menge zu werden. Was „frühere“ Menschen in religiösen, dann in politischen Gemeinschaften suchten, finden wir „späteren“ auf Rockkonzerten: den dionysischen Sog, der die Vereinzelung aufhebt und zur Entrückung ins Rauschhafte verführt. Die Funktion der Musik kann deshalb als „öffentliche“ Vorstufe zum Geschlechtsakt gedeutet werden, da über sie eine Entrückung angestrebt wird, die ihren biologischen Ursprung im Willen zum Koitus hat. Und am „Natürlichsten“ erscheint Sexualität immer dann, wenn sie die Nähe zum Vulgären und seelisch Abgründigen sucht, ohne dessen Grenzen jedoch deutlich zu übertreten.

Placebo beschreitet genau diesen Weg: subtil, artifiziell, avantgardistisch – gut zu erfassen etwa in den Musikvideos „This picture“ oder „Meds“. Auch die Videoinstallationen, die während der Show eingeblendet wurden, lockten mit jener leicht verstörenden Ästhetik, die der Band ihr so unverwechselbares Profil gibt.

Wenn die Musik eines Kulturkreises dessen zeitgeistig bedingte Psyche am „wahrhaftigsten“ widerspiegelt, dann gehört Placebo nicht nur zu den künstlerisch bedeutendsten, sondern auch zu den repräsentativsten Bands der Gegenwart.

An diesem Freitag spielt Placebo in der Kölner Lanxess Arena. Danach geht es auf Tour durch Großbritannien. Internet: www.placeboworld.co.uk

Foto: Sänger Brian Molko: Melancholie der Lust

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