Wanderer

Fado und Flamenco, zwei traditionelle Musikrichtungen der Iberischen Halbinsel, haben immer wieder Musiker hervorgebracht, die auch internationale Bekanntheit erreichten: so unter anderem die portugiesische Fado-Sängerin Mariza und den spanischen Flamenco-Sänger Diego el Cigala (Diego Ramón J. Salazar).

Mariza gilt derzeit nicht nur als die bedeutendste Fado-Sängerin Portugals, sondern ist mittlerweile auch ein internationaler Star, der den melancholisch-sentimentalen Fado neu arrangiert in alle Welt trägt. Sie amalgamiert alle möglichen Einflüsse und schreckt nicht davor zurück, die portugiesische Gitarre auch einmal durch eine spanische Flamenco-Gitarre zu ergänzen. Ihren innovativen Umgang mit dem Fado hat sie auf ihrer neuesten Einspielung „Terra“ (EMI 50999 2 29423 2 6) fortgesetzt, auf der sie sich auch an einer Verknüpfung von Fado und (Latin-)Jazz versucht. Selbst die „Saudade“ – und das kommt in Portugal wohl einer Art „Kulturrevolution“ gleich – stellt Mariza auf „Terra“ gleich im ersten Stück des Albums („Já me deixou“) zur Disposition: „Die ‘saudade’ war immer mein Begleiter und Ausdruck meiner Stimme (…)  doch jetzt hat sich mich verlassen, meine Trauer ist beendet – sie verließ mich, als ich dich kommen sah.“

Die „Saudade“, der Kern des Fado, das ist die portugiesische bzw. galizische Form des Weltschmerzes, die nur annähernd als „Traurigkeit“, „Melancholie“ oder „Wehmut“ übersetzt werden kann. Es bedarf wohl schon einer Künstlerin vom Format einer Mariza, der derartige „Grenzüberschreitungen“ als „Königin des Fado“ ohne weiteres verziehen werden. Programmatisch kommt dies in dem Stück „Fronteira“ zum Ausdruck, in dem sie mit dem brillanten Latinjazz-Pianisten Chucho Valdéz die Grenzen zwischen Fado und Latinjazz virtuos überspielt.

Aber, und dies sollte trotz aller Anleihen an Latin- und Cuban Jazz oder Flamenco nicht aus den Augen verloren werden: Mariza bleibt ihren musikalischen Wurzeln treu. So explizit in dem Stück „Tasco das Mouraria“ mit dem Trompeter Carlos Sarduy und Ivan Lewis am Klavier; einer Hommage an eine Bar im Lissabonner Hafenviertel Mouraria, in dem Mariza aufwuchs. Zu ihrem Album bemerkte die in Mozambique geborene Mariza: „Wir (die Portugiesen) sind Wanderer, früher waren wir Seefahrer, Entdecker. Wir haben viele Kulturen nach Portugal gebracht. Heute braucht es ein paar Stunden, um in ein Land zu gelangen. Weshalb sollten wir nicht weiterforschen?“

Grenzen überschreitet auch Diego el Cigala, einer der ausdrucksstärksten Flamenco-Sänger Spaniens, auf seinem neuen Album „Dos Lágrimas“ (Deutsche Grammophon 477 8333). Weltweit bekannt wurde El Cigala 2003 mit „Lágrimas negras“ (Calle54 Records), einer Synthese aus spanischem Flamenco und kubanischem Bolero, die er zusammen mit dem damals 85jährigen kubanischen Pianisten Bebo Valdés aufnahm. Kuba und seine reiche musikalische Tradition haben den Spanier seither nicht mehr losgelassen, und so kommen erneut große alte Männer der kubanischen Musik zum Einsatz: der 90jährige Sänger Reinaldo Creagh oder die ebenfalls betagten Perkussionisten Tata Güines und Changuito. Wie Mariza bleibt aber auch El Cigala trotz aller Experimentierlust seiner musikalischen Identität, dem Flamenco, treu.

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