Theater als Kriegsschiff

Das Maritime ist schwer in Mode. Im Berliner Museum für Naturkunde lüftet eine Ausstellung die Geheimnisse der „Tiefsee“ (JF 42/09), Roland Emmerich läßt im Jahr „2012“ die Welt in einer gigantischen Sintflut ertrinken, und Klimaforscher verkünden täglich Prognosen über die künftige Steigung des Wasserpegels. Kurzum, das Meer tritt über die Ufer. Eigentlich steht es uns schon bis zum Hals. Selbst Spitzen-Verdränger ahnen, daß wir mit den bisherigen Ökonomie- und Ökologiekonzepten Schiffbruch erleiden und versinken werden.

Was wundert’s da, daß die Berliner Volksbühne sich unter Käpt’n Castorf zum neuen Theater-Schlachtschiff ausruft? Im November-Leporello gibt der Chefdramaturg gleich eine essayistische „Anleitung zur Navigation“, verlangt eine „Landnahme der Politik durch das Theater“. Dazu müsse man – unter Berufung auf Carl Schmitts „Land und Meer“ (1944) – „das Land vom Meer her sehen. Das Theater würde zum Schiff auf dem Ozean.“

Womit wir schon bei Friedrich Schiller wären. Der verfaßte nämlich in seinen letzten Lebensjahren drei seltsame Dramenfragmente, die sogenannten „Seestücke“. Vielleicht sollte man sie als Exposés bezeichnen, denn sie enthalten keine ausgeschriebenen Szenen, nur stichwortartiges Andeuten von Handlung, gemixt mit kurzer Reflexion. Die Themen sind Fernweh, Heimatsuche, Weltumsegler, männliche wie weibliche Piraten, Sklaverei, Meuterei und Revolution: ein exotischer Cocktail aus Melancholie, Seeräuberromantik in Technicolor und antizipiertem Hamsun.

Schiller fordert darin eine völlige Sprengung aller theatralischen Mittel. Die Handlung spielt nicht nur auf dem Meer. Nein, das „Theater kann das Schiff  s e l b s t  sein, es ist ein / Kriegsschiff“. Die Bühne als „moralische Anstalt“ hat ausgedient, es lebe das „Theater als Kriegsschiff“ – späte Einsicht eines Weimarer Klassikers.

Im Zuschauerraum der Volksbühne sind sämtliche Sitze abmontiert. Statt dessen Säcke, auf die man sich legen und räkeln kann wie Matrosen im Frachtraum. Jetzt sind wir also alle Freibeuter. In Schillers dritten Fragment lautet eine Regieanweisung: „Chor der Matrosen, ein Schifflied.“ Regisseur Ulrich Rasche nahm das zur Grundlage seiner Inszenierung. So gerät der erste Teil des Abends zu reinem Chortheater: Aus dunklem Raum, unter rhythmisch wechselndem Licht, marschieren männliche und weibliche Matrosenchöre in geschlossener Reihe aufs Publikum zu. Wie eine Welle zerschellen sie an der Rampe, lösen sich auf, machen der nächsten anrollenden Chorriege Platz.

Von einem melancholischem Soundteppich untermalt, singen sie Seemannslieder, („Wind, fill our sails, help our fight!“ – Wind, blas’ in die Segel, hilf uns beim Kampf!), Kirchenchoräle, sprechen Sätze aus den „Seestücken“ und Carl Schmitts Reflexionen über das Meer. Das weist – im Gegensatz zum Land – „keine Einheit von Raum und Recht, keine feste Linie“ auf, symbolisiert also nicht pure Apokalypse, sondern ebenso Freiheit und Anarchie: ein rechtsfreier Raum. Dem wird durch das Singen der Marseillaise, des Lieds von der „Seeräuber-Jenny“ (auch in Schillers erstem „Seestück“ gibt es eine männliche (!) Rolle namens Jenny) Rechnung getragen.

Als Chortheater erinnert Rasches Inszenierung an die Szenarien von Einar Schleef: nur ohne dessen choreographische Strenge, ohne dessen hundertprozentige Synchronizität, ohne dessen donnernde Stimmen, und vor allem – und da liegt das Problem – ohne dessen Energie. So produziert die Regie eine homöopatische Version der Schleef-Ästhetik. Da blieb auch dessen drogenartige Wirkung aus, nur ein leiser Schwips stellte sich ein. Und der war bald verflogen. Ironischerweise reichte selbst diese Light-Version, um einen Großteil des jüngeren Publikums und der Rezensenten zu beeindrucken und Panik vor „faschistischer“ Chorästhetik auszulösen.

Im zweiten Teil des Abends findet Schillers Vorlage keine direkte Verwendung mehr. Er handelt von afrikanischen Flüchtlingen, die via Schiff nach Europa gelangen und dort im Sammellager Iglu-Zelte errichten. Aber bald verteilen sie auch Decken an die Zuschauer, bauen Zelte über deren Köpfe. Jetzt sind wir also alle Flüchtlinge, vielleicht künftige Opfer der Klimakatastrophe? Jetzt wäre es interessant geworden, aber da war‘s auch schon vorbei. Scheinbar wollte Regisseur Heiko Kalmbach nur einen Sketch inszenieren. Schade.

Aber der ist noch substantiell im Vergleich zum dritten Teil des Abends. Ulf Aminde zeigt darin eine Probensituation: Der Regisseur grunzt via Lautsprecher seine Anweisungen, zwei Protagonistinnen rezitieren Schillers Abhandlung über das Erhabene, eine weitere Akteurin läßt – durch Ohrstöpsel geschützt – Schillers „Glocke“ läuten, während im unvermeidlichen Volksbühnen-Bungalow eine Punkband loskrächelt. Als Schiller-Interpretation ist das zu konzeptlos und als Anarcho-Performance zu kraftlos. Aber als Zuschauer hat man immerhin die Freiheit, auf den bequemen Sitzsäcken wegzudämmern und ins Meer der Träume auszulaufen.

Die nächsten Vorstellungen im Großen Haus der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Linienstraße 227,  finden statt am 6. und 13. Dezember, jeweils um 18 Uhr, sowie am 2. und 10 Januar 2010. Kartentelefon: 030 / 2 40 65-777, Internet: www.volksbuehne-berlin.de

Foto: Volksbühnen-Ensemble in einer Szene aus Schillers erstem Seestück: Wir sind alle Freibeuter

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