Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Knirschen im Gebälk

Das sei das Berauschende am Beruf des Architekten: Er könne gleichsam durch seine – weil Stein gewordenen – Gedanken und Ideen spazierengehen. Mit diesem Bild bedankt sich der erfolgreiche Architekt Georg Winter (Josef Bierbichler) in einer Rede vor illustrem Hamburger Publikum für eine Auszeichnung. Weil der Zuschauer weiß, daß hier ein familiäres Drama vorgeführt wird, ahnt er, worauf dieser symbolträchtige Anfang hinauslaufen wird: Im Gebälk einer (Lebens-)Konstruktion wird es gehörig knirschen. Als Winter seine Dankrede hält, ist er gerade telefonisch über den Tod seiner alten Mutter – weit weg in den Bergen – informiert worden. Nur weil seine Frau Eva (Hilde von Mieghem) unmittelbar vor der Beerdigung durch Zufall von dem Todesfall erfährt, begibt sich das Ehepaar mitsamt den beiden erwachsenen Kindern (ebenfalls hochkarätig besetzt: Sandra Hüller und Matthias Schweighöfer) auf die Reise – gegen den Willen von Georg. Dort oben im Schnee verbirgt sich nämlich ein gutgehütetes Geheimnis des Stararchitekten, ein „Fehltritt“ aus längst vergangenen Zeiten … Eva, das mondäne, durch-und-durch urbane Lifestyle-Weib, wird dort auf die etwas jüngere Hanna treffen, die nie den Wunsch hatte, ihr Dorf zu verlassen, nie etwas gelten, darstellen wollte. Zunächst glänzt die Städterin mit ihren verfeinerten Gesichtzügen durch Attraktivität und beherrschte Selbstbestimmtheit und begegnet Hanna mit einer von gnädiger Herablassung durchsetzten Freundlichkeit. Doch mit Bekanntgabe des Testaments wendet sich das Blatt bald zugunsten der warmherzigen, handfesten Dörflerin. Der Plan der Familie, am nächsten Tag abzureisen, wird nämlich denkbar banal vereitelt: Das Dorf ist durch heftige Schneefälle abgeschnitten von der Umwelt. Die Hamburger sind auf sich, – als Ehepaar, als Eltern – zurückverwiesen. Auch der Karrierewunsch der Tochter und der Liebeskummer des Sohnes erscheinen unversehens als nichtig … Um familiär-persönliche Schicksalsfragen, Innenschau, Sinnsuche geht es also – Themen für den deutschen Film schlechthin, ein Gebiet, auf dem er auch zuletzt (etwa durch jüngere Werke wie „Jerichow“, „Yella“, „Im Winter ein Jahr“ oder die Bandbreite der Filme von Andreas Dresen) gar nicht schlecht reüssierte. Die vielen kleinen Fehler, die nun der Filmmannschaft im „Architekten“ unterlaufen (einmal ragt gar versehentlich ein Mikrofon ins Bild), wären verzeihlich und gar geeignet, dem Regiedebüt der sympathischen Schauspielerin Ina Weisse einen eigenen Charme zu geben. Es überwiegt jedoch der Eindruck, daß man sich hier dramaturgisch erheblich verhoben hat. Ein paar Sequenzen sind wenn nicht großartig, so doch vortrefflich gelungen – leider viel zu wenige. Einen auf schiefer Ebene entworfenen Lebensentwurf zu dekonstruieren – das gerät fade, wenn man die Bande wie hier mit groben Seilen knüpft. Ein fein ziseliertes Häkelwerk mit zarten Zitaten und mehrschichtigen Andeutungen, dies alles tiefgehend psychologisch ausgedeutet: So könnte auch aus einer doch recht gängigen Konstellation – Familienvater verschweigt folgenreiches Fremdgehen – großes Kino werden. So aber nicht – nicht durch die Anhäufung von Klischeebildern, als da wären: der klassische Vater-Sohn-Konflikt, die nicht minder typische Mutter-Tochter-Konkurrenz, die alkoholgesättigte (wie abgeschmackt: „Noch ein Whiskey, bitte!“) Entlarvung der Maske eines aufgeräumten Frauenzimmers und schließlich der Mann, dessen Lebenswerk zerbricht. Das ist keineswegs den Schauspielern geschuldet, die sehr passabel agieren. Den Mangel muß man hier dem Drehbuch aufbürden. Daß ein Film „typisch deutsch“ sei, kann man so oder so verstehen. In diesem Fall greift eher die bedauernd seufzende Variante. Foto: Architekt Georg Winter (Josef Bierbichler): Konfrontation mit den eigenen Lebenslügen

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