CD: Neoklassik

Songs From The Ivory Tower“ ist das bei Cold Spring Records erschienene Album des Paderborner Musikprojekts Sagittarius betitelt. In der Tat betrachtet der lyrische Erzähler die Gesellschaft und die Stellung des Individuums in ihr von einem Elfenbeinturm herab – und was er „dort unten“ sieht, gefällt ihm nicht. Sagittarius machen neoklassische Musik, und so sind die vierzehn Lieder des Albums vor allem vom fesselnden Pianospiel des Cornelius Mikael Waldner, Gründer des zur Zeit dreiköpfigen Projekts, bestimmt und vermitteln unabhängig vom textlichen Inhalt – vorwiegend Gedichtinterpretationen von Stefan George, Gottfried Benn und anderen – vor allem eins: tiefe Melancholie angesichts der grauen Eintönigkeit eines gleichförmigen, mittelmäßigen Alltagslebens. Gleich im ersten Lied öffnet Waldner textlich die Büchse der Pandora, um sich in den folgenden drei Titeln wie in einem Triptychon der Isolation dem wehmütigen Nachsinnen über die zwischenmenschlichen Konsequenzen der Innerlichkeit, des Waldgangs, der nietzscheanischen Vereinsamung hinzugeben. Letztendlich bekräftigt er jedoch seine Distanz zur Masse, auch um den Preis des Verlusts willen, den „An des Meeres Strand“ skizziert und der letztlich in der Vertonung des Benn-Gedichtes „Trunkene Flut“ mit stoischem Gleichmut akzeptiert wird. Nach einem Ausflug in die mythisch-symbolistische Welt von Stefan George („Das Lied“) folgt dann der bemerkenswerteste Titel des Albums: Ludwig Uhlands ewiges Ruhmesblatt „Der gute Kamerad“, in einem zarten, zerbrechlichen Deutsch vorgetragen von Troy Southgate, der in erster Linie als Sänger des englisch-niederländischen Projekts H.E.R.R. auftritt, und feinsinnig begleitet von Piano und Klavier. Nach diesem zutiefst emotionalen Stück hat der geneigte Hörer bei zwei längeren instrumentalen Titeln Gelegenheit, seine eigenen Gedanken schweifen zu lassen, ehe „Sternwandel V“ folgt, gesungen von Kammer-Sieben-Kopf Herr Twiggs. Aus dem spätromantischen Kleinod Bernhard Üxküll-Gyllenbands wird hier im Kontext des Albums eine anklagende Trauerrede über jene, die sich in ihrem eigenen kläglichen Mittelmaß genügen und dem Streben nach Höherem verwehren. Weitere Instrumentalstücke und eine Hommage an die ehemalige Band des befreundeten Josef Maria Klumb, Forthcoming Fire, runden den musikalischen Mikrokosmos geschmackvoll ab, ehe die englische Adaption des genannten George-Werkes den Tanz durch neoklassische Sternenwelten beschließt und den Hörer tief bewegt, inspiriert und nachdenklich zurückläßt. Leise Töne beherrschen dieses Album – doch können sie zusammen mit den Texten für jene, die zu hören verstehen, wie Donnerhall klingen. Wahrlich, nach der ersten Langspielplatte „Die große Marina“ – eine musikalische Begleitung zu Ernst Jüngers „Auf den Marmorklippen“ – sind Cornelius Waldner und Sagittarius mit „Songs From The Ivory Tower“ auf dem bisherigen Zenit ihres künstlerischen Schaffens angekommen. Auf das, was da noch kommen wird, darf man gespannt sein.

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