Hörhilfen

Was hat eine Darstellung des Monumento Cristo Redentor auf dem Berg Corcovado auf einer CD-Hülle zu Mozarts „Requiem“ KV 626 zu suchen, was Mozarts Requiem mit Rio de    Janeiro zu tun? Gibt’s die Mozartkugel jetzt mit Zuckerhut? Um die Frage zu beantworten, führt der Weg zwar nach Brasilien, der Umweg aber über das Moselland. Seit 1987 organisiert die lothringische Stadt Saarburg (Moselle) zu Pfingsten ein internationales Festival der Barockmusik, insbesondere der lateinamerikanischen. Und im Jahr 2000 wurde in einem ehemaligen Kloster nahe Saarburg der Couvent de Saint Ulrich als Sitz der 1995 gegründete Vereinigung Les Chemins du Baroques eingerichtet, wo Musiker und Musikwissenschaftler an Edition, Aufführung und Dokumentation lateinamerikanischer Barockmusik arbeiten können. An dieser Stelle kommt Sigismund Ritter von Neukomm ins Spiel, enger Mitarbeiter Joseph Haydns, Verehrer Mozarts, den er nie kennenlernt, aber immerhin dessen Sohn Carl, den er am Cembalo unterrichtet, Kapellmeister in Sankt Petersburg und von 1816 bis 1821 am portugiesischen Hof in Rio de Janeiro. Ritter von Neukomms eigenes Werkverzeichnis umfaßt immerhin 1.265 Kompositionen, darunter zehn Opern und drei Oratorien. In Rio de Janeiro bemühte sich Neukomm erfolgreich, ein brasilianisches Publikum an klassische europäische Kunstmusik heranzuführen. Nach einem Bericht der Wiener Allgemeinen Musikalischen Zeitung fand 1819 am Festtag der Hl. Cäcilie in Rio eine Aufführung des Mozart-Requiems zum Gedenken an die im Verlauf des Jahres verstorbenen Musiker statt. In Rio hat Neukomm ein abschließendes Responsorium „Libera me, Domine“ zu Mozarts Requiem komponiert, das in der lange gebräuchlichen Süßmayr-Fassung fehlt — sofern Mozart die Messe zu profanem Gebrauch gedacht hätte. Gut möglich, daß Neukomm seine von ihm selbst auf 1821, den Zeitpunkt seiner Rückfahrt nach Frankreich, datierte Ergänzung für eben die Aufführung von 1819 komponiert hat. Zurück ins Moselland, mit Umweg über Frankreich. Eine der beiden autographen Partituren des Requiems gelangte mit dem Nachlaß Neukomms Mitte des 19. Jahrhunderts in die Bibliothèque Nationale der France Paris. Das von Ulrich Konrad daraus edierte Aufführungsmaterial wurde für Aufführungen 1999 in Rheinfelden und St. Peter (Schwarzfelde) sowie 1999 in Chemnitz verwandt. Letztere hat der MDR aufgezeichnet und gesendet. Für eine Aufführung mit seinem Kammerorchester La Grande Écurie et la Chambre du Roy, der Kantorei Saarlouis (Leitung: Joachim Fontaine) und den Gesangssolisten Hjordis Thébault, Gemma Coma-Alabert, Simon Edwards und Alain Buet hat Jean-Claude Malgoire eigenes Aufführungsmaterial herstellen lassen. Der Mitschnitt des Konzerts vom 13. November 2005 in der St.-Barthélemy-Kirche von Saarburg (Moselle), den das Label K 617 als „Weltersteinspielung“ (K 617180) bewirbt, dokumentiert ein solides Arbeitsergebnis historischer Aufführungspraxis-Routine in sehr halligem Saal. Jean-Claude Malgoire hält sich an die Metronomangaben, die Neukomm nicht nur seinem, sondern auch dem Teil Süßmayrs an Mozarts Requiem beigegeben hat — darauf hoffend, daß diese den Intentionen Mozarts oder wenigstens jener überlieferten Tradition entsprechen, als deren vertrauenswürdiger Zeuge ihm Neukomm gilt. Doch eigentlich macht Malgoires Einspielung wieder einmal schmerzlich bewußt, daß alle Vervollständigungen, ob von Süßmayr, ob von Neukomm, doch immer nur Hörhilfen sind, um uns schmerzlich dessen innewerden zu lassen, was uns durch Mozarts Tod für immer verlorenging.

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