Der ideologische Allzuständige

Mohammedaner“ nannte man einst im Abendland die Anhänger der jüngsten Abrahamsreligion, bevor sich auch hier für sie die aus dem Arabischen abgeleitete Bezeichnung „Muslime“ durchsetzte; dies geschah vor allem aus Rücksicht auf die, „die sich unterwerfen“ (so die deutsche Übersetzung), da nach landläufiger Meinung zwar der Prophet Mohammed von ihnen zu verehren ist, aber keinen so hohen Stellenwert einnimmt wie Jesus im Christentum. Diese Aussage kann man nach der Lektüre von Tilman Nagels Studie über „Ursprung und Erscheinungsformen des Mohammedglaubens“ allerdings stark bezweifeln. Als „eine Geschichte der muslimischen Auffassungen von Mohammed“ bezeichnet der emeritierte Islamwissenschaftler und Göttinger Arabistik-Professor sein gut vierhundert Seiten umfassendes Opus. Zwar ist Mohammed „nur“ Prophet, damit tatsächlich im Gegensatz zum Religionsstifter der Christen ein rein menschliches Wesen und kein Gott; aber dennoch entwickelte sich nach seinem Tod eine bis heute tradierte „Mohammeddogmatik“, in der dieser nicht nur „zum Garanten der gottgewollten Ordnung des Diesseits“, sondern auch zum „Vermittler des Heils“ aufgefaßt wird. „Nicht Allah, sondern Mohammed und was durch ihn verkündet und seinen Anhängern zur Pflicht gemacht wurde, das ist das Heilige der Muslime, das unter allen Umständen vor einer Befleckung geschützt werden muß“, so eine der Schlußfolgerungen Nagels, aus der nicht zuletzt die für westliche Beobachter so befremdliche Aufregung um ein paar „läppische“ Karikaturen nachvollziehbar wird. Mit einer Fülle von Quellen islamischer Schriften insbesondere des Mittelalters zeichnet Nagel den Weg nach, auf dem der Prophet „zum einzigen Quell der religiösen, ja überhaupt aller wissenschaftlichen, normativen und weltanschaulichen Erkenntnis“ werden konnte, als den ihn der überwiegende Teil der Muslime wahrnimmt. Gleichzeitig fällt ins Auge, daß die transzedentale Ausrichtung immer mehr an Bedeutung verliert; ein Umstand, der die Fremdartigkeit des Islam für eine abendländisch geprägte Religiosität noch verstärkt. Im Mittelpunkt steht nicht der historische Mohammed, dessen Leben von politischen Ränkespielen und Machtinteressen geprägt war, die nicht selten mit Gewaltanwendung durchgesetzt wurden. Vielmehr steht die „überzeitliche Gegenwart“ des Propheten im Vordergrund. Denn in der islamischen Überlieferung selbst spiele im Laufe der Jahrhunderte die Prophetenvita nur noch da eine Rolle, wo sie sich in die „übergeschichtliche Wahrheit“ einfüge. Nagel geht der Frage nach dem Woher dieses Glaubens sowohl an eine „spirituelle Gegenwärtigkeit“ als auch an die „ideologische  Allzuständigkeit“ Mohammeds nach, denn „der Mohammed, über den die Imame in den Moscheen predigen, ist immer auch der, auf den sich die ideologische Doktrin der sogenannten Islamisten bezieht“. Historisch interessant ist dabei jedoch, daß gerade jene Strömung des Islam, die die Transzendenz Allahs betonte und von den Gläubigen erwartete, die Lehren des Koran unter Berücksichtigung gewandelter Lebensumstände zu modifizieren, die also von einer „realitätsnahen Bewertung des Handelns“ der Muslime ausging, bereits im 11. Jahrhundert fast vollständig verdrängt wurde; alle Versuche, Vorstellungen dieser sogenannten Mutaziliten in neuester Zeit wiederzubeleben, sind laut Nagel gescheitert. In wohltuender Weise unterscheidet sich Nagels Werk durch seine wissenschaftliche Tiefgründigkeit sowohl von jenen meist oberflächlich-politischen Philippiken, die im Namen der Menschenrechte gegen die Scharia zu Felde ziehen, als auch von den beschönigenden Zeugnissen professioneller Islam-Versteher. Nagel verharrt dabei nicht in einem wissenschaftlichen Elfenbeinturm, sondern nennt die politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen des schwierigen Verhältnisses zwischen Islam und (westlicher) Moderne beim Namen: „In den Ländern des Westens, in die seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts etliche Millionen Muslime einströmten, zeigen sich die erwähnten Spannungen in der Unwilligkeit, vielleicht auch in der Unfähigkeit eines großen Teils der Zuwanderer, die hier geltenden ganz anders, nämlich nicht religiös begründeten Normen des Alltags als verbindlich anzuerkennen; man folgt ihnen nur, soweit es sich nicht vermeiden läßt, strebt jedoch danach, sie in möglichst großem Maße durch schariatische zu ersetzen.“ Jedem, der hier auf „Dialog“ setzt, schreibt Nagel ins Stammbuch, daß gerade den Wortführern jener Zuwanderer daran gelegen sei, deren ablehnende Haltung zum Säkularismus der westlichen Aufnahmegesellschaft zu erhalten: denn „desto sicherer können sie die Rolle der Schiedsmänner zwischen der — angeblich von der Mehrheitsgesellschaft mißverstandenen — muslimischen Minderheit und den einheimischen politischen, kirchlichen und publizistischen Führungsschichten behaupten“. Durch ihren Glauben an Mohammed, „den vor allen übrigen Geschöpfen ausgezeichneten Propheten“, seien die Muslime nach eigener Ansicht die beste Gemeinschaft und zur Herrschaft über die Erde vorherbestimmt; diese Vorstellungen seien, so Nagel, mitnichten Zeugnisse eines radikalen Islamismus, sondern „sie prägen vielmehr das Welt- und Selbstverständnis der erdrückenden Mehrzahl traditionsverwurzelter Muslime“. Tilman Nagel: Allahs Liebling. Ursprung und Erscheinungsformen des Mohammedglaubens. R. Oldenbourg Verlag, München 2008, gebunden, 430 Seiten, 79,80 Euro

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