Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Feindschaft dem Terror

Vor dem diesjährigen Tag der Deutschen Einheit diagnostizierte der vormalige Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde, Joachim Gauck: „Dieses Land fürchtet sich vor der Freiheit.“ Jüngster Beweis hierfür ist eine Filmvorführung, die zwei Tage zuvor im Theater der Stadt Brandenburg stattfand. Dort hatte der Dokumentarfilm „F — wie Freiheit“, eine Projektarbeit von Schülern des von-Saldern-Gymnasiums, vor vollbesetztem Haus Premiere. Ihr Gegenstand ist das Schicksal der Brandenburger Studentin und Dichterin Edeltraud Eckert (1930—1955), die von einem sowjetischen Militärtribunal zu 25 Jahren Haft verurteilt und ebenda jämmerlich krepierte. Die Vorführung ist ein Novum: Dabei geht es nicht zum tausendsten Mal um die Verbrechen des Dritten Reichs, sondern um den Totalitarismus der DDR. Deren einst führende Partei, heute als „Linke“ firmierend, ist inzwischen wieder fast die stärkste politische Kraft im Land Brandenburg — und so glänzten ihre Vertreter am Abend komplett mit Abwesenheit. Denn der Film, der ab Ende Oktober über die Landeszentrale für politische Bildung — ergänzt um didaktische Materialien — angeboten werden soll, ist ein Angriff auf das von ihr gepflegte Geschichtsbild einer weichgezeichneten DDR-Diktatur. Um so unglaublicher mutet an diesem Abend die anschließend geführte Podiumsdiskussion an. Nicht einmal wird die politische Dimension des Beitrags angesprochen. Pathetisch wird bekannt, „das Recht auf freie Meinungsäußerung mit den Zähnen zu verteidigen“. Doch als die an dem Film beteiligten Schüler hernach gefragt werden, ob es Widerstände gegen den Film gab, antworten sie im Flüsterton: Die Situation sei „furchtbar schwierig“, sie könnten nicht darüber sprechen. Auch die engagierte Projektleiterin, Museumspädagogin Gudrun Bauer, mag nicht offen darüber reden: daß die Linkspartei den Film nämlich zu verhindern trachtete. Als dessen Vorlage dienten die 101 Gedichte von Edeltraud Eckert, erschienen als erster Band der von Ines Geipel mitherausgegebenen Buchreihe „Die verschwiegene Bibliothek“. Die Studentin Eckert hatte im Auftrag der „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ Flugblätter nach Ost-Berlin gebracht mit der schlichten Botschaft „Freiheit dem Osten, Feindschaft dem Terror“. Autorin Geipel sieht darin „im Prinzip die Geschichte von Sophie Scholl acht Jahre später“. Dies anzuerkennen, fällt noch immer schwer, wie der Abend zeigt: Als eine Mitgefangene Eckerts, Johanna Löffler von Saal, im Film berichtet, wie sie zur Selbsterhaltung gezwungen waren, sich mit Eigenurin zu behelfen, lachten große Teile des jüngeren Publikums.               

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