Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Der neue Oberbayer

Er kannte bereits alle Höhen und Tiefen der Politik, war Minister und wieder weg. Rücktritt ist für ihn keine Schande, und jede Wahl bedeutet für ihn neues Glück. Wie ein Spieler hat Horst Seehofer mit der Bayern-Wahl den ultimativen Stich gemacht, und die Macht der CSU ist zu ihm gekommen. Gekommen ist das richtige Wort, denn nach vorne gedrängt hat sich Horst Seehofer diesmal nicht. Der Landwirtschaftsminister profitiert vom totalen Versagen der von Erwin Huber und Günther Beckstein für ein Jahr gebildeten bayerischen Staats- und Parteiführung. Es gibt keinen anderen mehr, der — aus Sicht des durchschnittlichen CSU-Delegierten — Bayern retten könnte. Der 1949 in Ingolstadt geborene Seehofer bringt alle Voraussetzungen mit, die schon Franz Josef Strauß für wichtig hielt. Er ist selbsternannter Advokat des kleinen Mannes und kann Massen in Bierzelte locken. Dort entscheiden sich Wahlen in Bayern. Eines ist sicher: Der nächste politische Aschermittwoch in Passau wird mit Seehofer wieder rappelvoll. Der Landwirtschaftsminister hat einen Dickschädel wie ein Elefant und zugleich in Sachfragen die Wandlungsfähigkeit eines Chamäleons. Seehofer ist imstande, so berichten Zuhörer, auf Unternehmertagen die freie Marktwirtschaft zu preisen und auf Gewerkschaftstagen die Verschärfung des Kündigungsschutzes zu fordern. Genauso hält er es mit seiner Person. In Gazetten ließ er sich als treusorgender Familienvater darstellen — während er sich in Berlin mit der Mitarbeiterin eines Unionsabgeordneten vergnügte. Als die Geliebte schwanger wurde, flog der ganze Schwindel auf. Doch der Diplomverwaltungswirt, der seit 22 Jahren mit Frau Karin verheiratet ist und mit ihr drei Kinder hat, überstand ohnehin alle Karriereknicke ohne großen Schaden. 1980 kam der Oberbayer in den Bundestag und gewann den Wahlkreis immer wieder, zuletzt 2005 mit einem traumhaften Ergebnis von 65,9 Prozent. In Bonn wandte er sich der Sozialpolitik zu und wurde 1988 Parlamentarischer Staatssekretär bei Norbert Blüm. Von ihm hat er die kumpelhafte Anbiederung gelernt, von Strauß die politische Verschlagenheit und jene grinsende Falschheit, die man in Bayern höflich „Hinterfotzigkeit“ nennt. 1992 wurde Seehofer Gesundheitsminister. 1998 schien die Karriere durch die Niederlage der Kohl-Regierung zu Ende zu gehen. Der Vize-Vorsitz in der Unionsfraktion galt als Austraghäusl, wie man in Bayern den Altersruhesitz der Bauern nennt. Nicht so für Seehofer. Der mutierte zum Taliban der CSU und kämpfte gegen Angela Merkels Gesundheitspolitik. 2004 trat er zurück, aber schon 2005 schickte ihn Edmund Stoiber ins Bundeskabinett, weil man einen linken Flügelmann brauchte. Nach Stoibers Rückzug wollte er Vorsitzender der Christsozialen werden, verlor aber gegen Erwin Huber, dessen Erbe ihm jetzt wohl in den Schoß fällt. Man warf Horst Seehofer damals „mangelnde Teamfähigkeit“ vor, was nun aber offenbar keine Rolle mehr spielt.

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