Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Deutscher Paß, türkisches Herz

„Es findet in Deutschland keine Integration statt,“ konstatierte lapidar der 34jährige Hamburger Filmemacher Fatih Akin in einem Interview mit der Rheinischen Post. „Es gibt zuviel Mißtrauen, zuviel Angst sowohl bei den Einwanderern als auch auf der anderen Seite.“ Das sind überaschende Worte aus dem Munde eines Mannes, der spätestens seit seinem Berlinale-Hit „Gegen die Wand“ (2004) zum türkischstämmigen Aushängeschild des deutschen Kinos geworden ist. Ob Akin nicht selbst ein schlagendes Gegenbeispiel sei, bohrte der Interviewer nach. Akins Antwort: „Ja, aber ich habe keinen Dönerladen, bin kein Taxifahrer, keine Putzfrau. Diese Menschen identifizieren sich zwar mit mir, aber eigentlich repräsentiere ich sie ja gar nicht. Ich bin ja ein künstlerisches Individuum.“ Erstaunlich bodenverhaftete Erkenntnisse für einen prominenten Vertreter einer Branche, in der berufsbedingt ein internationalistischer, mobiler Lebensstil vorherrscht. Dieser Perspektive verdankt es sich wohl, daß Akin, der häufig zwischen Hamburg und Istanbul pendelt, „Identität“ als etwas betrachtet, das „permanent in Bewegung ist. Was auch in Bewegung sein sollte. Und ich kann inzwischen switchen.“ Ebendieses „Switchen“ können die Putzfrau, der Taxifahrer und der Jugendliche aus dem Ghetto nicht. Akin sieht sich als „Kind der Globalisierung“, als Grenzgänger zwischen zwei Ländern, wobei das Mischverhältnis keineswegs ausgewogen ist. Seine Filme, von ihm selbst halbironisch als „Heimatfilme“ bezeichnet, zeigen mitunter ein Deutschland, in dem zwar noch Deutsch gesprochen wird, aber autochthone Deutsche gerade noch als Rand- oder Nebenfiguren vorkommen. Akins Erstlingserfolg „Kurz und schmerzlos“ (1999) handelte von einem multikulturellen Trio, das in die Fänge der albanischen Mafia gerät. Der Film präsentierte im Grunde eine Menge negativer Klischees über „Kanaken“, lediglich ins „Coole“ umgewendet: Seine Protagonisten sind kriminell, gewalttätig und arbeitsscheu. In „Solino“ (2002) nahmen süditalienische Gastarbeiter die Rolle der Türken ein. Der Berlinale-Sieger von 2004, „Gegen die Wand“, zeigte die identitätskrisengeschüttelte Welt von Deutsch-Türken unterschiedlichen Assimilationsgrades. Um dem Druck ihres konservativen Elternhauses zu entgehen, überredet die selbstzerstörerische Sibel den nahezu restlos seiner Herkunft entfremdeten Säufer Cahit dazu, mit ihr eine Alibi-Ehe einzugehen. Das Ziel ihrer Flucht aus den engen türkischen Sozialstrukturen ist allerdings nicht die „Integration“ in das Land, dessen Staatsbürgerin sie ist, sondern der Zugang zu dessen liberaleren Sitten: „Ich will leben, ich will tanzen, ich will ficken. Und nicht nur mit einem Typen.“ Beide Protagonisten kehren im Laufe des Films wieder in die Türkei zurück, der scheinbar völlig assimilierte Cahit, der auf „Scheiß-Kanaken“ schimpft, gar in in seinen Heimatort am Mittelmeer. In „Gegen die Wand“ fehlt keine türkische Problemzone: der fromme konservative Vater, der große Bruder, der über die „Ehre“ der Schwester wacht, die dafür auch mal Prügel in Kauf nehmen muß, die chauvinistischen Ehemänner, die ins „Puff“ gehen, aber Schläge androhen, wenn im Zusammenhang mit ihren Frauen das Wort „ficken“ fällt, der Glaubenseiferer, der die „gottlosen Hunde“ aus dem Bus werfen möchte. Diese Konflikte werden von Akin allerdings vor allem als innertürkische Probleme beschrieben, die in ähnlicher Form auch in Istanbul stattfinden könnten. Damit werden die Reibungen mit den deutschen Nachbarn ausgeblendet. In seinem politisch explizitesten Film „Auf der anderen Seite“ (2007) versucht der Regisseur eine Art menschlich-kulturelles Equilibrium zwischen beiden Ländern zu gestalten und setzt dabei vage auf den guten Willen „gebildeter“ Menschen als Garant für ein friedliches Zusammenleben. Es taucht ein türkischstämmiger Germanistik(!)-Professor auf, der während einer Reise nach Istanbul die Sehnsucht nach seinen Wurzeln wiederentdeckt. In einer Schlüsselszene trifft er auf einen exilierten, seinerseits heimwehgeplagten Deutschen, der ihm seine deutsche Buchhandlung verkauft. In einer anderen Szene diskutiert eine junge türkische Politaktivistin mit einer etwa sechzigjährigen Deutschen heftig den EU-Beitritt der Türkei, den sie aus „anti-imperialistischen“ Gründen ablehnt. In diesem Streitgespräch fällt kein Wort über die aus deutscher Sicht eigentliche Gefahr des Beitritts: nämlich die zu erwartende Welle an Einwanderern, die das Mehrheitsverhältnis noch weiter zuungunsten der Deutschen kippen würde. Während sich also Akin um Ausgewogenheit bemüht, sind seine Parallellisierungen und Handreichungen falsch: Denn die Türkei hat keine reziproke deutsche Minderheit aufzuweisen, während umgekehrt Deutschland nach und nach kolonialisiert wird. Die Versöhnlichkeit wird also immer auf Kosten der deutschen Substanz gehen. Den deutschen Paß zu besitzen, ist für Akins Protagonisten nur eine Oberflächen-, keine Herzensangelegenheit. Seine Filme demonstrieren, daß ein „Deutsch-Türke“ trotz aller Beteuerungen seines „Deutschseins“ in der Regel eher eine Art deutsch modifizierter und zum Teil entorteter Türke ist, dessen Herz und Loyalität sich im Ernstfall eindeutig zur Seite der, überspitzt ausgedrückt, „völkischen“ Identität neigen. Diese hat der Regisseur, der den türkischen Nationalismus entschieden ablehnt, spätestens mit „Auf der anderen Seite“ bereits in einem Sinne entdeckt, an den kein Deutscher mehr zu denken wagt: „Mein Großvater, mein ganzer genetischer Pool stammt aus dem Dorf, wo der Film endet. Wenn ich dort in die Gesichter der Menschen schaue, sehe ich meine eigene Physiognomie, das ist völlig verrückt, ich bin ja auch mit vielen dieser Menschen um fünfzig Ecken verwandt. Insofern fühle ich mich überhaupt nicht fremd.“ Der Regisseur gibt zudem an, eine „Verantwortung“ gegenüber der Türkei zu empfinden: „Mir würde es das Herz brechen, wenn der Türkei etwas passieren würde wie Jugoslawien.“ Man kann es indes keinem „Deutsch-Türken“ verdenken, daß er die türkische Identität der deutschen vorzieht. Sie ist vitaler, komplexfreier, spannungsreicher, und erst recht einem Filmregisseur bietet sie in ihren Konflikten und Widersprüchen eine produktive Dramatik, die einen so explosiven Film wie „Gegen die Wand“ ermöglicht. Die ersten „Migrantenfilme“, die eine eigene Sicht formulierten, entstanden in Deutschland analog zum französischen „Cinéma Beur“ Mitte der achtziger Jahre. An dem Erfolg Fatih Akins (sicher einer der spannendsten Filmemacher in Deutschland) läßt sich die Weite des metapolitischen Raumes ablesen, der hier erobert wurde – mit der steigenden Tendenz, ein „Wir sind Deutschland“ zu affirmieren, das einer Relativierung und Aneignung gleichkommt. Eine Rezensentin der Zeit sah in der Verleihung des Goldenen Bären an „Gegen die Wand“ eine „große Geste“, die „türkische Herkunft des Regisseurs“ verleihe der „Jury-Entscheidung eine über den Film hinausgehende Bedeutung“, sie verweise auf „ein Migrantenkino, das Deutschland seit fast 20 Jahren als das Einwanderungsland abbildet, das es nicht sein will“. Da wundert es nicht, daß Akin in dem von Lars von Trier produzierten Episodenfilm „Europäische Visionen“ als nahezu einziger Nicht-Autochthoner unter den beteiligten europäischen Filmemachern Deutschland vertrat, mit einer Heine-Interpretation: „Idil Üner singt in Zusammenarbeit mit F. M.Einheit und Caspar Brötzmann von den ‚bösen alten Liedern‘ der Vergangenheit, die es zu beerdigen gilt. Gelungene Etüde mit optimistischem Blick in eine multikulturelle Zukunft“ (Ikonen-Magazin). Von der isolierten Kopftuchfrau in Tefvik Basers Meilenstein „40 qm Deutschland“ (1985) bis zur „Miss Deutschland 2005“ Asli Bayram (die inzwischen am Theater ausgerechnet Anne Frank spielt), von paternalistischen Reportagen wie Günter Wallraffs „Ganz unten“ bis zum Serienhelden Sinan Toprak war der Weg nur kurz. Diese Entwicklung beschränkt sich nicht auf Deutschland. Ebensowenig ist der gutgemeinten „großen Gesten“ ein Ende: Im April erhält Fatih Akin, der in Interviews die Integration für gescheitert erklärt, zusammen mit dem tunesisch-französischen Regisseur Abdellatif Kechiche den europäischen Medienpreis Karlsmedaille für seinen „Beitrag zur europäischen Integration“. Foto: Fatih Akin bei Dreharbeiten zu dem Film „Auf der anderen Seite“ (2007): Er beschreibt sich als „Kind der Globalisierung“ und läßt seine Protagonisten doch Sehnsucht nach den eigenen Wurzeln verspüren Bisher erschienen in dieser Reihe Beiträge von Götz Kubitschek („Herr im Eigenen“, JF 5/08) und Karlheinz Weißmann („Mit Worten müssen wir uns wehren“, JF 6/08). Die Debatte wird in der nächsten JF-Ausgabe 8/08 fortgesetzt.

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