China holt mächtig aus

Mit der Rolle Chinas als billigem Massenproduzenten von Spielzeug, Socken und Sportschuhen und als verlängerter Werkbank für Pkw- und Elektronikteile haben wir uns längst abgefunden. Doch sind China, seine Unternehmer und staatlichen Wirtschaftsplaner mit dieser subalternen, wenig profitablen Rolle kaum länger zufrieden. Gerade weil es zu diesem Thema so nüchtern und faktengespickt ist, erschreckt Hans-Joachim Fuchs mit seinem aktuellen Buch. Es zeigt die tiefgestaffelten, langfristig angelegten, staatlich unterstützten, ehrgeizigen Vorbereitungen von fünfzig der dynamischsten und kapitalstärksten chinesischen Großbetriebe zum Angriff auf die Qualitätsmärkte des Westens. Lange genug haben sie für fremde Rechnung Qualitäts- und Markenartikel gefertigt und sich dabei westliche Standards in der Produktion, im Design, im Marketing und in der Qualitätskontrolle angeeignet. In den nächsten Jahren soll der Vorstoß in die höherpreislichen und profitablen Spitzensegmente erfolgen und dort die japanischen, europäischen und nordamerikanischen Platzhalter verdrängen. Dies gilt für weite Teile der industriellen Fertigung: Textilien, Schuhe, Arzneimittel, Haushaltsgeräte, die Unterhaltungselektronik, Werkzeugmaschinen, ja selbst Flugzeuge, Pkw, Transport- und Finanzdienstleistungen. Noch amüsiert sich das Publikum bei Automobilmessen über ungelenke chinesische Luxuskarossen oder empört sich über dreiste Billigimitate. Mit japanischen und koreanischen Modellen war es in den sechziger bzw. siebziger Jahren kaum anders. Nur haben die Chinesen diesmal den zusätzlichen Vorteil eines potentiell zehn- bis zwanzigmal größeren geschützten Heimmarktes und einer Regierung, die in der Tradition der asiatischen Industriepolitik den Zusammenschluß, die Auslandsinvestitionen und die Exporterfolge von je einer Handvoll von Marktführern der jeweiligen Sektoren als „Champions“ aktiv fördert. Auch wenn viele der von Fuchs detailliert und kenntnisreich geschilderten Blütenträume der chinesischen Führungsetagen nicht oder nur verspätet Früchte tragen sollten, dürfte sich die weltwirtschaftliche Rolle Chinas gründlich wandeln – und in der Folge der Preis- und Kostendruck auf deutsche und europäische Hersteller deutlich zunehmen, nicht zuletzt auch der Druck auf ihre Arbeitsplätze. Erzwangen in der bisherigen Phase der chinesischen Wirtschaftsentwicklung der Mangel an Kapital und Technologie die Abhängigkeit von den zahlreich hereinströmenden ausländischen Direktinvestitionen, so will China jetzt das Spiel umkehren und seinen derzeit 1300 Milliarden US-Dollar umfassenden und jährlich um dreißig Prozent wachsenden Devisenschatz nutzen, um strategische überseeische Industrien und Rohstoffquellen aufzukaufen. Im Jahr 2006 wurden ausgewählten chinesischen Unternehmen 16 Milliarden US-Dollar an staatlichen Subventionen für solche Käufe in Gestalt verbilligter Kredite, Steuerstundungen und anderer Hilfen zur Verfügung gestellt. Die Expansionsstrategie des „Zou chu qu“ (Schwärmt aus!) wurde 1999 auf dem 16. Parteitag beschlossen, und seit dem zehnten Fünfjahresplan (2001-2005) umgesetzt. Das Ziel ist es, mindestens zwei chinesische Großbetriebe pro Sektor zu Weltklassefirmen zu entwickeln, die sich mit ihren Marken auf den Weltmärkten durchsetzen. Die begünstigten Firmen werden von der Regierung nach ihren bisherigen Exporterfolgen, nach strategischen Ambitionen und technologischen Kompetenzen sorgfältig ausgewählt. Es sind reformierte Staatsbetriebe wie Baostahl, Xian Aircraft, Minmetals, Sinochem und die Schiffahrtsgesellschaft Cosco; Unternehmen im Besitz von Provinzregierungen, wie die Shenyanger Werkzeugmaschinen Corporation, Shougang Stahl und der Elektroartikelhersteller Gree; und Privatunternehmen, die vor über zwanzig Jahren als Garagenbetriebe begannen: der Kühltechnikhersteller Midea, der Telekomausrüster Huawei, der Automobilbauer Geely, die Computerfirma Lenovo und Bosidang, der Marktführer für Daunenkleidung. Etwa die Hälfte seines Buches widmet Fuchs der Darstellung der unterschiedlichen Expansionsstrategien jener fünfzig Firmen in recht informativen und nützlichen Kurzporträts. Da sind einmal die Energiegiganten wie China National Petroleum (CNPC), China National Offshore Oil Corporation (CNOOC) und Sinopec sowie die Metall- und Chemiekombinate Sinochem, Baosteel, Shougang und Minmetals, die in die Erschließung von Energie- und Rohstoffquellen massiv investieren: in Erzbergwerke in Brasilien, Peru, Indien und Australien, in Kautschukplantagen in Thailand, in Kohlegruben in Australien und in Ölfelder in Kasachstan, Nigeria und Indonesien. Oft genug stießen sie bei ihrer patriotischen Mission zur direkten Versorgung Chinas auf politische Widerstände, so beim vergeblichen Versuch im Jahr 2005, die kalifornische Ölgesellschaft Unocal für die Rekordsumme von 18,5 Milliarden US-Dollar zu kaufen. Ähnliche Blockaden gab es in Rußland, Chile und Kanada. Auch der Versuch, den britischen Telekomausrüster Marconi zu kaufen, wurde aus Sicherheitsgründen untersagt. Zur Unterstützung chinesischer Exporte wurden allenthalben Transport- und Logistikzentren aufgebaut und angekauft. Dazu zählen mittlerweile 400 weltweite Filialen der Staatsreederei Cosco mit ihren 740 Schiffen, 550 ausländische Filialen der Bank of China und fünfzig Tochtergesellschaften von Minmetals in 16 Ländern. Schwerpunkte sind der asiatisch-pazifische Raum, gefolgt von Nordamerika, Rußland, Zentralasien und den Ölländern Afrikas und des Mittleren Ostens. Im Prinzip lassen sich chinesische Geschäftsleute überall nieder. Doch gibt es Konzentrationen. In Europa genießt Deutschland als größte Volkswirtschaft mit seiner guten Infrastruktur und als Tor zu Osteuropa eine gewisse Präferenz. Schwerpunkte sind Hamburg (Cosco), Düsseldorf (Minmetals), Köln (Textilien) und Frankfurt/Main (Finanzen, Luftfahrt). In London wird das Wissen von 80.000 dort ansässigen Hongkong-Chinesen genutzt, in Prato in der Toskana die örtliche Textilindustrie teilübernommen. Budapest wurde zur Drehscheibe des chinesischen Osthandels. Noch entscheidender ist für die chinesische Markenstrategie der Kauf und die Übernahme existierender Marken, ihrer Firmen, Marketingkanäle, Technologien und ihres Fachwissens. Dies lief seit 2001 im großen Stil an. So schaffte Lenovo nach dem Kauf des PC-Geschäfts von IBM für 1,25 Milliarden US-Dollar im Jahr 2004 den Durchbruch. SAIC (Shanghai Automotive Industrial Corporation) erwarb die angeschlagene koreanische Ssangyang Motor Co. SAIC wird nach dem Erwerb der Rover Designs und Patente mit den europäisch anmutenden Roewe-Modellen auf den Exportmärkten auftauchen. Dies tut bereits der weltgrößte Klavierbauer Guangzhou Pearl River Piano mit der in Deutschland eingekauften Traditionsmarke Ritmüller. In Deutschland wurden neben der AEG Werkzeugsparte im schwäbischen Winnenden durch Techtronic (Hongkong) hauptsächlich Mittelständler gekauft, deren technisches Wissen und Qualitätsmarken die Chinesen fasziniert. Mit ihrer traditionellen Kapitalschwäche gelten ihre Firmenwerte als international unterbewertet und daher für die chinesischen Händlernaturen doppelt attraktiv. Da in Deutschland geschätzte 70.000 mittelständische Betriebe akute Nachfolgeprobleme haben und somit mittelfristig zum Verkauf anstehen dürften, haben gehäufte Auslandsübernahmen durchaus strategische Bedeutung. So übernahm in den letzten Jahren die Qingdao Gruppe die Große Jac Webereimaschinen, die Dalian Mashine Tool Group den schwäbischen Maschinenbauer F. Zimmermann, die Pekinger Nr. 1 Werkzeugmaschinenfabrik die fränkische Waldrich Coburg, und die Shenyang Machine Tool Group die Schiess AG in Aschersleben. Alle übernommene Firmen beherrschen Spitzentechnologien im Werkzeugmaschinenbau und verhelfen ihren neuen Besitzern als führende chinesische Unternehmen ihrer Branche zur Weltgeltung im internationalen Wettbewerb. Weiter wechselten der Nähmaschinenhersteller Dürkopp Adler in Bielefeld, die Wohlenberg Werkzeugmaschinen GmbH, die Kelch GmbH, die Lutz Maschinen- und Anlagenbau GmbH und der Frachtflughafen Schwerin-Parchim in Mecklenburg zu chinesischen Neubesitzern. Diese hatten mit ihrem oft recht spontan erfolgten Neubesitz nicht immer die reine Freude. Die eingekauften Belegschaften und ihr Führungspersonal kamen häufig mit dem robusten kulturfremden chinesischen Management nicht zurecht und verließen das Unternehmen in hellen Scharen, sobald sich die Gelegenheit bot. Auch war die chinesische Neigung zur billigen Übernahme konkursreifer Betriebe gelegentlich fatal. D’Long konnte Dornier ebensowenig retten wie TCL Saba in Villingen-Schwenningen oder Schneider Electronics im bayerischen Türkheim. Die meisten – doch längst nicht alle – der kommenden chinesischen Markenartikler haben die Periode des wohlfeilen, doch imageschädigenden Patent- und Designklaus mittlerweile bereits hinter sich gelassen. Im Gegenteil, sie suchen den eigenen Markt durch kunstvoll errichtete „große Patentmauern“ mit massenhaft eingereichten Patentanmeldungen ihrerseits möglichst lückenlos zu schützen. Dazu kaufen sie sich in internationale Design-, Forschungs- und Entwicklungszentren systematisch ein. So erwarb Haier die Designzentren Lyon und Amsterdam des italienischen Kühlschrankproduzenten Menghetti, Cosun die französischen Forschungs- und Entwicklungszentren von Philips für Mobiltelefone. Der Telekomausrüster Huawei errichtete ein Designzentrum im südindischen Bengalore und der Daunenbekleider Bosideng eines in New York, um nahe am US-Verbraucher zu sein. Die Markenstrategie und die damit verbundene internationale Bekanntheit lohnten sich bereits bei internationalen Börsengängen. So erlöste die Industrial and Commercial Bank of China (ICBC), die noch 2005 wegen ihres desolaten Kreditportfolios mit 15 Milliarden US-Dollar Regierungszuschüssen die Bilanz geschönt bekam – Bankenchef Jiang ist nicht umsonst Mitglied im ZK der KPChinas -, ein Jahr später beim größten Börsengang der Geschichte in Hongkong 22 Milliarden US-Dollar. Andere Börsengänge von führenden Banken und Energiekonzernen waren trotz aller Bewertungsschwierigkeiten ähnlich lukrativ und brachten mit dem frischen Kapital ihr Management bedeutend näher an das Ziel, zu führenden Weltfinanzhäusern und Energiekonglomeraten aufzusteigen. Taktisch gehen die chinesischen Firmen angesichts starker und wohletablierter Wettbewerber vorsichtig vor. Meist geschieht dies über Einkreisungsstrategien, die den Überblick über das gesamte Marktgeschehen eröffnen, mit dem Beginn der Marktdurchdringung in schwach besetzten Randmärkten in Lateinamerika, dem Mittleren Osten, Rußland oder Afrika, mit Nischenprodukten wie Haier mit Mini-Kühlschränken und Weinkühlern in den USA sowie durch die geduldige intensiv lernende Auftragsfertigung von Qualitätsprodukten auf fremde Rechnung. Fuchs zweifelt nicht, daß chinesische Markenartikler nicht nur auf dem eigenen Markt sich ihre Marktanteile zurückholen werden. Im Ausland werden sie nach japanischem und koreanischem Vorbild ihr Billigimage überwinden und mit Qualität und Innovation in zehn Jahren Weltmarken in der Unterhaltungselektronik, der „Weißen Ware“ der Küchengeräte, bei Kommunikationsgeräten und der Bekleidung stellen. Als attraktive Marken dürften sie bei niedrigen Preisen schwer zu schlagen sein. Ähnliche Stärken sieht Fuchs bei Klein-, Kompakt- und Lieferwagen, Autoteilen, der Agrar- und Feinchemie, bei Arzneimitteln, der Elektrotechnik, bei Werkzeugmaschinen und den neuen staatlich geförderten Großflugzeugen. Der Technologievorsprung des Westens, der bislang noch sein hohes Lohn- und Sozialniveau finanziert, dürfte bis dahin aufgezehrt sein. Für gleichwertige Westprodukte werden dann kaum länger um dreißig Prozent höhere Premiumpreise gezahlt werden. Der Autor überläßt es dem Leser, sich die Folgen auszumalen. Die Geschichte der kommenden chinesischen Exportoffensive ist spannend und erschütternd genug. Hans Joachim Fuchs: Die China AG. Zielmärkte und Strategien chinesischer Markenunternehmen in Deutschland und Europa. FinanzBuchVerlag, München 2007, gebunden, 436 Seiten, 34,50 Euro Foto: Schiffstaufe eines Containerschiffs der Staatsreederei Cosco (2004): „Schwärmt aus!“ lautet die Losung des Anfang 2008 Deutschland als drittgrößte Wirtschaftsmacht ablösenden Reiches der Mitte

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