Los von Mainz

Seit dreißig Jahren ist er als Auslandskorrespondent mit dem Nahen und Mittleren Osten befaßt, seit 2002 leitet er das ZDF-Büro in Teheran. Seitdem er 2003 live aus Bagdad über den Krieg der USA gegen den Irak berichtete, verbinden die Fernsehzuschauer mit dem Namen Ulrich Tilgner ein Gesicht. Vier Wochen lang stand er damals jeden Tag vor der Kulisse fallender Bomben und kommentierte das Geschehen: sachlich, präzise, unparteiisch, unaufgeregt. Wie ein Fels in der Brandung – so prägte er sich dem deutschen Publikum ein. So wie Ulrich Tilgner sind nicht viele. Das hat er nun wieder unter Beweis gestellt: Er habe, so ließ er jüngst wissen, seinen Vertrag als Leiter des ZDF-Büros in Teheran nicht verlängert und berichte ab 1. April hauptsächlich für das Schweizer Fernsehen. Tilgner begründet seinen Schritt damit, daß er sich in Deutschland in seiner Arbeit zunehmend eingeschränkt fühlt. Eigentlich eine irritierende Nachricht für die moralische Selbstgewißheit unserer Medien – die jedoch zweifellos geflissentlich überhört werden wird. Dabei ist Tilgner nicht der einzige, Peter Scholl-Latour etwa hat sich ebenfalls immer wieder in diese Richtung geäußert – auch er wird diesbezüglich notorisch ignoriert. Den 1948 in Bremen geborenen Tilgner reizte zunächst die Museumspädagogik. So wurde er nach einem Studium im Südwesten Mitarbeiter des dortigen Landesamtes für Denkmalschutz. 1976 ging er jedoch zum Süddeutschen Rundfunk (SDR), wechselte zur dpa, reiste in den Iran – und wurde des Landes verwiesen. Bis 1986 arbeitete er von Hamburg aus, ging dann nach Jordanien. 2002 kehrte er zum ZDF zurück, das ihn nach Teheran schickte. Nun also der Bruch: Beim ZDF sei seine „journalistische Unabhängigkeit“ nicht mehr gewährleistet, „gerade auch, was zum Beispiel die Berichterstattung aus Afghanistan angeht, jetzt, wo dort deutsche Soldaten stehen und sterben“. Es gebe Bündnisrücksichten, die sich in der redaktionellen Unabhängigkeit der Sender widerspiegelten. Gleichzeitig werde Politik immer mehr in Nischen gedrängt. „In der Schweiz hingegen sind Sendungen wie ‚Tagesschau‘ oder ’10vor10′ Institutionen.“ Dort habe er noch keine Eingriffe in seine Arbeit erlebt. Die Kritik an dem, was aus dem ZDF-„Heute-Journal“ geworden ist, ist kaum zu überhören. Er findet manches zu boulevardesk und auch zu regierungsfromm. Tilgner hat erkennbar Probleme mit jenen ZDF-Leuten, die nah am Berliner Regierungsbetrieb sind und sich am konformistischen „Mainstream“ orientieren – einer Variante des „eingebettetem Journalismus“. Bereits im ZDF-Jahrbuch 2003 hatte er seine Befürchtung geäußert, im Rahmen des „Informationskrieges“ als „Figur auf dem Schachbrett mißbraucht zu werden“. Auch in Deutschland ist nach seiner Auffassung ein geschlossener Kreislauf entstanden, in dem Journalisten die Adressaten symbolischer Politik sind und die Wahrheit zunehmend zweitrangig wird.

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