Blick in die Seele der Soldaten

Wollte der Verlierer der amerikanischen Prasidentschaftswahl die Ursachen für seine Niederlage suchen, fände er einen der Gründe dafür in Berlin-Mitte — und zugleich auch nicht. Denn die aktuelle Ausstellung der dort ansässigen Cicero-Galerie für politische Fotografie könnte widersprüchlicher nicht sein. Unter dem Titel „Purple Hearts“ sind ebenso schmerzliche wie schonungslose Porträts US-amerikanischer Kriegsveteranen zu sehen, die aus dem Irak-Krieg als Versehrte heimgekehrt sind, ihren Einsatz aber zumeist bis heute glorifizieren. Beispielhaft hierfür steht der 21jährige Sam Ross, der bei einer Munitionsentschärfung in Bagdad durch eine Bombenexplosion sein linkes Bein verlor und erblindete. Im Interview, das die amerikanische Dokumentarfotografin Nina Berman mit jedem der von ihr porträtierten Kriegsversehrten führte, erklärt er, nichts zu bedauern, denn: „Es war die beste Erfahrung meines Lebens.“ Die ebenso eindrucksvollen wie verstörenden Aufnahmen sind das Resultat einer behutsamen Annäherung. Berman hat die aus dem Krieg entlassenen und sowohl an Körper wie Seele verkrüppelten Soldaten durch Empathie für ihre Porträts gewinnen können. Voraussetzung hierfür war nicht zuletzt die Motivation Bermans, die sich für die jungen kriegsversehrten Männer und Frauen „verantwortlich“ fühlte, „weil sie auch in meinem Namen gekämpft haben“. Es ist ein Verständnis von Nation, das aus heutiger deutscher und erst recht aus US-kritischer Sicht alles andere als normal scheint. Doch gerade dies ermöglicht einen ungefilterten Blick in die Gesichter der jungen Männer und Frauen, die „vernarbt“ sind fürs Leben, so Berman. Ihre Intention war es, als Journalistin den missing link zu zeigen, der von der Öffentlichkeit ausgeblendet wird. Kurz nach Beginn des Irak-Krieges hatte sie begonnen, die Veteranen zu fotografieren, hauptsächlich, weil kein anderer es machte. Bewußt zeigen ihre Bilder die Soldaten „allein, isoliert und ohne ein erkennbares Zeichen der Unterstützung“. Das Entgegenkommen der Porträtierten lag in dem verbreiteten Gefühl der Nichtbeachtung, „sie wollten, daß man sich an sie erinnert“. So ist Feldwebel Joseph Mosner zu sehen, der während der Errichtung eines Wachtpostens in Khalidya von einer ferngezündeten Bombe getroffen wurde, die ihm Metall ins Gesicht schleuderte. Sein Weg zur Armee deckt sich auf fatale Weise fast mit dem aller anderen: „Es gab keine guten Jobs, so sah ich dies als die richtige Sache.“ Gleiches gilt für den Obergefreiten Alan Jermaine Lewis, für den der Tod seit Kindestagen ständiger Begleiter war: Als er sechs Jahre alt war, wurde sein Freund Charles mit einem Kopfschuß getötet. Seine älteste Schwester starb an einem Querschläger, und mit sieben verlor er den Vater. Als er am 16. Juli 2003 auf dem Highway 8 in Bagdad in seinem Humvee Eis an die Kameraden auslieferte, fuhr er über eine Landmine. Dabei verlor er beide Beine, sein linker Arm erlitt sechs Brüche. Verstörend auch sein Fazit: „Die Kriegsgründe waren Schwindel, aber es war richtig, daß wir da reingegangen sind. — Saddam was a bad guy.“ Ob es solche Betrachtungen sind, die den Kulturattaché der US-Botschaft in Berlin dazu veranlaßten, in den Bildern ein „Bekenntnis zur Wahrheit“ zu sehen, mag offen bleiben. Der einzige, der in seinen früheren Einsatz keine Legitimation erkennt, ist Gefreiter Robert Acosta, der bei einem Anschlag die rechte Hand und die Beweglichkeit seines rechten Beins einbüßte. Daß ihre Bilder so ungeschminkt in die Seele der Soldaten zu blicken vermögen, liegt derweil in der Absicht der Fotografin, die beteuert, „keine Antikriegsbilder“ gemacht zu haben. Doch gerade dadurch hat sie welche geschaffen. Die Ausstellung ist bis zum 15. November in der Berliner Cicero-Galerie für politische Fotografie, Rosenthaler Straße 38, dienstags bis freitags  von 12 bis 19 Uhr, samstags von 11 bis 16 Uhr, zu sehen. Internet: www.cicero.de. Foto: Alan Jermaine Lewis, fotografiert von Nina Berman: „Es war richtig, daß wir da reingegangen sind“

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