Joachim Kuhs

 

„Das Vergessen trägt den Namen Hitler“

Deutschland ist Hitler, wie Hitler Deutschland ist!“ Rudolf Heß sprach diese Sätze 1934 in Nürnberg, vor der laufenden Kamera Leni Riefenstahls. Eine Szene aus dem Großfilm „Deutschland“, geschrieben und inszeniert von Adolf Hitler: Der astrologiegläubige Zauberlehrling Heß verwandelt Deutschland in eine Kröte, spricht den Heilszauber, der zum Fluch wurde. „Die Geister, die ich rief, werde ich nicht mehr los“: Sechzig Jahre nach seinem Tod ist der „Führer“ immer noch ex negativo ein unverzichtbares Inventar der deutschen Seele, der deutschen Sinnstiftung, der deutschen Politik. Der vermeintliche Erlöser wurde zum Deus inversus, zum untoten Wiedergänger, der nicht sterben will. Als solcher erschien er implizit am Ende von Dani Levys Groteske „Mein Führer“: bleich, nekrophil, in einen schwarzen Umhang gehüllt wie Dracula. Nährt er sich von unserem Blut, oder wir uns von seinem? Eine Frage, bei der die Deutschen keinen Spaß verstehen: Was war, was ist denn nun der „richtige“ Hitler, was darf er denn sein, und was nicht? 1977 hat ein Künstler aus Deutschland versucht, diese Frage auf eine Weise zu beantworten wie keiner vor oder nach ihm. Hans-Jürgen Syberberg drehte im Jahr des „deutschen Herbstes“ einen Film, der sich nicht nur völlig von allen anderen Hitler-Filmen unterscheidet, sondern auch in ästhetischer Hinsicht als einsames Monument aus der Geschichte des Kinos herausragt. „Hitler, ein Film aus Deutschland“ ist ein kaleidoskopisches Monstrum aus heterogenen Bestandteilen, die eine Zuordnung zu irgendeinem bekannten Genre unmöglich machen, eine Mischung aus verlesenem Text, Theater, Dokumentation, Spiel- und Musikfilm, eine Synthese aus Brecht und Wagner. Ein zerebrales, wortreiches Werk: Es gibt wohl keinen anderen Film in dem soviel gesprochen wird, und das über zum Teil strapaziöse sieben (!) Stunden hinweg. Surreale Szenerie ist eine in düsterem chiaroscuro ausgeleuchtete, von Trockeneis-Nebel umwehte Theaterbühne, auf der eine makabre Invokation stattfindet. Ausgestattet mit Puppen, Filmprojektionen, Plakaten, Kunst- und Filmzitaten, Pappfiguren historischer Gestalten und einem Gruselkabinett an Requisiten wird die Bühne zu schwarzen Höhle des Unterbewußten, in der Traum und Alptraum des „Dritten Reichs“ neu geträumt und reflektiert werden. Zur Höhle, aber auch zur Hölle: Mit explizitem Bezug zu Dante versteht sich „Hitler“ als eine Unterweltfahrt in den Hades deutscher und europäischer Geschichte, dem wie im 11. Gesang der Odyssee die Geister der Vergangenheit entsteigen. Originale Tonaufnahmen werden als gespenstische Stimmen eingespielt und verleihen der Tonspur des Films den Charakter einer Audio-Collage. Hitler, Himmler, Goebbels und Göring erscheinen als monologisierende Marionetten, die von deutlich im Bild erscheinenden Schauspielern geführt werden. Harry Baer gibt den feminin-melancholischen Romantiker, Peter Kern den outrierenden Psychopathen, André Heller den überlegenen Essayisten, Heinz Schubert den Zirkusdirektor, der einlädt, den „Hitler in uns“ zu entdecken. In Spielszenen tauchen Himmlers Masseur und Hitlers Kammerdiener auf, Berchtesgaden und die Reichskanzlei erscheinen als überdimensionale Rückprojektionen, allegorische Arrangements stellen vielschichtige Bezüge her. Polemische Exkurse verdammen die zeitgenössischen Geschäfte-, Meinungs- und Medienmacher in Ost und West nach dem Vorbild Dantes in die „Höllenkreise“ des Films. Dazu die Musik von Mozart, Beethoven, Haydn, und immer wieder Wagner. Ein kleines Mädchen, Syberbergs Tochter, führt als kindlicher Psychopompos durch das mythisch-historische Labyrinth aus Bildern, Tönen und Worten, den Kopf mit Zelluloidstreifen bedeckt, in den Armen ein Stofftier, einen Schäferhund mit dem Gesicht Hitlers. Syberbergs Film ist eine hypnotische Tour de Force, die allerdings auch voller überlanger, verquaster und zeitgebundener Szenen ist. Sein mythisches Bedeutungsgeflecht, das mit einem einmaligen Betrachten kaum zu erfassen ist, setzt beim Zuschauer hohe Bildung, Aufmerksamkeit und Geduld voraus. „Syberbergs ‚Hitler‘ ist ein Exorzismus“, schrieb Heiner Müller 1980. „Das Vergessen trägt den Namen Hitler, der die Landschaft der deutschen Geschichte kolonisiert. Der Film unternimmt die Wiedereroberung des besetzten Geländes.“ Hans-Jürgen Syberberg kommentierte seine Absichten selbst in einem Essay: „Kann und darf, gerade und ausgerechnet, ein Film über Hitler und sein Deutschland Identitäten wiederfinden, heilen und erlösen? Aber, so frage ich, wird man je wieder frei werden vom bedrückenden Fluch der Schuld, wenn man nicht ins Zentrum der bohrenden Krankheit kommt.“ Und: „In der freiwilligen Selbstaufgabe seiner schöpferischen Irrationalität vor allem, und vielleicht einzig hier, hat Deutschland wirklich den Krieg verloren … dieses Land ist brutal und materialistisch geworden … Deutschland wurde seelisch enterbt und enteignet, was nicht soziologisch, gesellschaftspolitisch zu rechtfertigen war, wurde verschwiegen.“ Die Deutschen seien ein „krankes Volk ohne Identität“, ihr schöpferisches Bestes, den „verfluchten Hauptstrang ihres Wesens“ haben sie „verdrängt, den Nazis kampflos zugeschoben, ihn mit dem Fluch des Faschismus belegt“. Obwohl Fernsehgelder in den Film geflossen waren, wurde „Hitler“ nie im deutschen Fernsehen gezeigt. Die Uraufführung fand in London statt. Während die deutsche Kritik auf den Film mit Hysterie, Häme und Ratlosigkeit reagierte, feierte ihn Susan Sontag als eines der „großen Kunstwerke des 20. Jahrhunderts“. Auch Francis Ford Coppola war begeistert und besorgte den Verleih des Films in den USA. Wenige Jahre später war „Hitler“ geradezu verschollen: selten aufgeführt, als Video kaum greifbar, das einzige Werk Syberbergs, von dem das Bundesarchiv keine Kopie besitzt. Syberberg geriet im Laufe der Jahre weiter ins Abseits. 1990 verhängte derselbe Frank Schirrmacher, der später den mittelmäßigen „Untergang“ des Bernd Eichinger (der übrigens bei Syberbergs Film als Produktionsleiter tätig war) zum Meisterwerk emporfeierte, über den Außenseiter-Regisseur das Verdikt: „Wo über Kultur gesprochen wird, hat Syberberg nichts mehr zu suchen.“ Es hat auf die Dauer nichts genützt. Die Wiederentdeckung von Syberbergs wichtigstem Film ist nun wieder möglich: Dreißig Jahre nach der Uraufführung ist, eine kleine editorische Sensation, „Hitler, ein Film aus Deutschland“ nun dank der Initiative des Berliner Verlags „Filmgalerie 451“ als DVD erhältlich. Fotos: DVD-Cover: Unterweltfahrt in den Hades deutscher Geschichte, „Hitler, ein Film aus Deutschland“: Kaleidoskopisches Monstrum aus heterogenen Bestandteilen

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