Joachim Kuhs

 

Deutsche Technik, deutsches Können

Er träumt auf deutsch und verhandelt auf kurdisch. Nach Dienstschluß raucht er die Wasserpfeife – und manchmal trinkt er ein deutsches Bier dazu. Er fährt einen VW Touareg, und auf seinem Schreibtisch steht die kurdische Flagge: Nihad Salim Quodja (48) hat einen deutschen Paß und ist Oberbürgermeister Erbils, der größten Stadt in Kurdistan. Er hört es gern, wenn ihn die Leute „alman Kurd“ nennen, den „deutschen Kurden“. Jeder kennt ihn. „Ruft einfach an oder kommt vorbei“, ermuntert er im Lokal-TV und läßt seine Mobilfunknummer einblenden. Bürgernähe und Zupacken – das sind die Maximen seiner Arbeit. Viele kennen ihn immer noch als „Schoresch“ (Kurdisch für „Revolution“) – eine Erinnerung an seine Zeit als Kämpfer gegen Saddam Hussein in den Reihen der „Pesch Merga“ – vor 30 Jahren. 1981 ging er fort als politischer Flüchtling, doch nach Saddams Sturz kam er zurück. „Weil mich unser Präsident Barsani zurückgerufen hat“, erzählt er in akzentfreiem Deutsch, „und weil ich am Wiederaufbau meiner Heimat mitwirken will.“ Tausende Kurden aus Deutschland kehren zurück Gut 22 Jahre hat er in Deutschland gelebt, studiert und gearbeitet, die meiste Zeit davon in Bonn. Hier heiratete er seine Frau, eine Kurdin aus dem Irak, gründete eine Familie und baute ein Dolmetscherbüro auf. „Die deutschen Jahre“, sagt er, „waren das Glück meines Lebens. Hätte ich diese Chance nicht bekommen, wäre ich heute entweder tot oder ein anderer Mensch.“ In der Erinnerung kommt er ins Schwärmen: „Ich liebe Deutschland. Eine Stadt wie Bonn, die ich am besten von allen kenne, hat für mich fast Modellcharakter. Ich schwärme vom Rhein, ich liebe die Sauberkeit, die Ordnung in der Stadt. Und auch die Menschen dort, weil ich als Fremder keinerlei Probleme bekommen habe. Deutschland ist mir wie eine zweite Heimat. Darauf bin ich stolz.“ Manchmal versucht er sogar, wenn es um neue Pläne geht – um Verkehrsregelung, Bürgersteige oder das Funktionieren der Verwaltung – Deutschland als Vorbild in die Diskussion einzubringen. „Da kann ich mich oft nur schwer verständlich machen: Meine eigenen Leute verstehen mich dann manchmal nicht, weil sie das nicht gesehen haben. Die können sich ein so gut funktionierendes Gemeinwesen gar nicht vorstellen.“ Nicht zuletzt seinem Einsatz ist es zu verdanken, daß Erbil boomt wie keine andere Stadt in der Region. Während in Bagdad täglich Autobomben explodieren und nichts vorangeht, sind Anschläge im kurdischen Norden Iraks die Ausnahme. Aufgrund dessen erlebt Kurdistan eine regelrechte Blüte. Eine Blüte auf dünnem Eis. Denn sie erregt den Unmut der Neider, die dann auch vergangene Woche mit einem Selbstmordkommando vor Erbils Innenministerium 20 Menschen in den Tod rissen. Erbil (kurdisch: Hewler) ist die Hauptstadt der „Autonomen Region Kurdistan“. Eigentlich geht der Aufstieg auf die Einrichtung der Flugverbotszone im nördlichen Irak (1991) zurück. Doch erst seit der US-Invasion des Irak 2003, als die Kurden entscheidend dazu beitrugen, Saddam Hussein zu stürzen, entwickelte sich Erbil zur kurdischen Hauptstadt. Hier sitzt die Regierung, hier ist das Parlament, hier ist der wichtigste Verkehrsknotenpunkt. Der ehemalige Militärflughafen Saddams wurde umgebaut. Vor fast zwei Jahren hat es mit Charterflügen begonnen. Heute landen in Erbil mehr internationale Flüge als in Bagdad. Aus Frankfurt, Wien oder Stockholm, aus Istanbul und Dubai fliegt man bis zu dreimal wöchentlich direkt. Schon ist der Flughafen zu klein, ein neuer wird gerade gebaut. Die Kurdische Regionalregierung verfolgt das Ziel, Erbil zum Drehkreuz der zivilen Luftfahrt für die ganze Region auszubauen. Der Erbil International Airport soll im Oktober fertig sein. Mit 32 Flugsteigen (zwei für den Airbus A380) ist er dann für ein Aufkommen von drei Millionen Passagieren jährlich ausgelegt. „Wir sind auch selbst auf möglichst gute Verbindungen nach draußen angewiesen“, sagt Netschirwan Barsani, Premierminister der Kurdischen Regionalregierung. „Doch wegen unserer geographischen Lage im Zentrum des Mittleren Ostens werden wir für viele Fluggesellschaften attraktiv sein.“ Von Abenteuerromantik, die man seit Karl Mays „Durchs wilde Kurdistan“ mit der Region verbunden hat, ist heute nicht mehr viel zu finden. Zwar hängen im Büro von OB Schoresch Bilder des legendären kurdischen Kämpfers Mustafa Barzani in schweren Goldrahmen, aber sonst ist alles aus der Gegenwart: die Möbel, die Computer, die Gedanken und die Ziele. „Nach dem Sturz Saddam Husseins sind die Kurden neu geboren worden“, sagt der Oberbürgermeister. Er nimmt einen Schluck aus seinem Teeglas. Dann fügt er hinzu: „Wir leben heute nicht mehr von einem Tag auf den andern. Zum ersten Mal in unserer Geschichte planen wir für die Zukunft. Schauen Sie selbst, wie weit sie bereits gediehen ist!“ Soweit man sehen kann, schießen im ganzen Viertel Neubauten aus dem Boden. Es scheint, als werde überall in Erbil gegraben, gepflastert und gemauert. An allen Ecken wachsen Appartementhäuser, Büros und Lagerhallen in die Höhe. Schon ist der Zement knapp, stellenweise fehlen Arbeitskräfte. Ausländische Firmen siedeln sich an. Das Geschäft mit Kurdistan läuft gut. Es boomt auch deswegen, weil die kurdischen Sicherheitskräfte bisher verhindern konnten, daß sich auch in ihrer Region täglicher Terror ausbreitet, und auch, weil sich die US-Besatzungsmacht diskret im Hintergrund hält. Doch der Aufschwung hat auch seine Schattenseiten. Sie machen dem Oberbürgermeister Sorgen. „Mehr als 900.000 Menschen leben in Erbil, die Millionengrenze ist bald erreicht. Die Stadt ist in letzter Zeit wahnsinnig gewachsen. Sie platzt aus den Nähten. Die Infrastruktur ist zu lange nicht ausgebaut worden. Wenn wir hier nicht eingreifen, dann steuern wir auf einen großen Kollaps zu. Kommen Sie, ich zeige Ihnen mal einiges.“ Drei Stunden lang zeigt mir Nihad Salim Viertel seiner Stadt – und ihre „Brennpunkte“: die heruntergekommene Altstadt rund um die jahrtausendealte Burg, die verfallenden baulichen Zeugen einer bis in die sumerische Zeit reichenden Geschichte, das Verkehrschaos, die Desorganisation der Geschäftsviertel. „Den Verfall können Sie noch überall sehen: Bagdad hatte Kurdistan jahrzehntelang durch Krieg und Unterdrückung, durch planvolle Zerstörungen und durch finanzielle Austrocknung auf Grund gesetzt.“ Es sind aber die schon gemachten Fortschritte, die stärker beeindrucken als die noch sichtbaren Zeugen der Verwahrlosung: „Wir versuchen jetzt“ – Nihad Salim sagt es mit leuchtenden Augen! – „eine grundlegende Infrastruktur zu schaffen und unser Land wieder aufzubauen. Für Erbil haben wir einen Generalplan entwickelt, der die nächsten zwanzig Jahre erfaßt. Unsere Probleme sind riesengroß. Man braucht unheimlich viel Kraft, Zeit, Entschiedenheit, Geduld – und viel Geld.“ Die Verlagerung von zunächst 6.000 Familien aus den unzumutbaren Wohnungen der verfallenen historischen Innenstadt in die Außenbezirke hat bereits begonnen. Der Bau von 6.000 Neubauwohnungen für die Umgesiedelten erfolgte in Rekordzeit. „Große Teile der Altstadt wurden entmietet und enteignet. Als nächstes werden wir den alten Stadtkern neu errichten – unter Berücksichtigung seines historischen Charakters.“ Der „deutsche Kurde“ hat keine Angst, sich alten Gewohnheiten zu widersetzen, sich den Zorn großer Teile der alten Beamtenschaft zuzuziehen, weil er so vieles neu machen will. Dabei hilft ihm, daß er Rückendeckung von „ganz oben“ hat, von den Spitzen des Barsani-Clans, ohne den in Kurdistan nicht viel geht. „Und ich möchte auch vieles von dem, was ich in meiner zweiten Heimat gesehen und gelernt habe, an meine alte Heimat weitergeben“, sagt Nihad Salim Quodja. Mit dem Wiederaufbau und der Modernisierung Erbils hat er mehr als genug zu tun. Aber er will noch mehr. Er will eine „Brücke zwischen Deutschland und Kurdistan“ errichten. Er will beide Kulturen einander nahebringen. Und er will „deutsche Arbeit, deutsche Technik, deutsches Können“ in seine alte Heimat bringen. „Zum Glück“, sagt er, „bin ich kein Einzelfall. Tausende deutsche Kurden oder Eurokurden kommen jetzt zurück, wollen beim Aufbau dabeisein. Wir wollen eine neue Geschichte schreiben!“ Einer seiner Träume ist der Aufbau einer kurdisch-deutschen Schule in Erbil, „damit unsere Kinder, die aus Deutschland kommen, ihre Schulbildung hier fortsetzen können“. Dunkle Wolken aus der Türkei und dem restlichen Irak Aufbau – das ist heute ein Schlüsselwort in dieser Region, die man Kurden gegenüber aber niemals „Nordirak“ nennen darf, weil das jeden Kurden beleidigt. Für sie heißt die Region „das befreite Kurdistan“. Befreit von Saddam Hussein und der Unterdrückung. Befreit von den religiösen Zwängen der Islamisten und bereit für eine neue Zukunft, die noch viel weiter geht, als sich die ältere Generation vorstellen kann. Aber nicht nur in Erbil „tanzt der Bär“. Auch die 600.000-Einwohner-Stadt Sulaimanija, an der Grenze zum Iran, gilt als Paradebeispiel für das Wirtschaftswachstum. An allen Ecken der Stadt findet man vollbesetzte Internetcafés, Einkaufshäuser eröffnen und natürlich auch ein unvermeidliches „Ma Donal“ – kurdisch für McDonald’s. In den Straßen herrscht auch mehr Freiheit als im Süden des Irak. Man sieht Frauen mit und ohne Kopftuch, man sieht sie in schwarzen Gewändern oder mit Jeans und engen T-Shirts. Man sieht die Leute sogar öffentlich Bier trinken. Eines der beliebtesten Restaurants in Erbil heißt „Deutscher Hof“. Im Lokalfernsehen und in den Lokalblättern wirbt der Gasthof mit dem Bild des Brandenburger Tors und den Slogans „Original deutsche Küche“ und „Deutsches Bier frisch vom Faß“. Zwischen den Großstädten entstehen überall neue Straßen, und in vielen Dörfern bauen sich Familien Ferienhäuser. Die Nachfrage nach Eigenheimen und der Wunsch nach einer Verbesserung der Infrastruktur ist so groß, daß selbst die alte Zementfabrik bei Sulaimanija wieder in Betrieb genommen wurde, weil die Lieferungen aus der benachbarten Türkei nicht schnell genug kommen. Das deutlichste Zeichen für den neuen Aufschwung in Kurdistan ist der Anstieg der Gehälter. Hatte ein Verwaltungsangestellter vor dem Sturz Saddam Husseins 22.000 irakische Dinar (zirka 148 Dollar) im Monat verdient, so sind es heute 158.000. Inzwischen zieht es immer mehr Gastarbeiter aus dem eigenen Land, arabische Iraker aus Bagdad, in den Norden, weil es hier Arbeit gibt und weil die Sicherheitslage besser ist. Unter den Neuankömmlingen sind viele Christen – meist Nestorianer, Chaldäer und Orthodoxe – die der Ungewißheit über ihr Schicksal in der islamistischen Zukunft des Irak rechtzeitig entfliehen wollen. Die Sicherheit in Kurdistan kommt natürlich nicht von ungefähr. Sie ist vor allem der hohen ethnischen und religiösen Homogenität geschuldet: Die Einwohner der Autonomen Region Kurdistan sind zu 97 Prozent Kurden, 98 Prozent bekennen sich zu einem weltlich abgetönten, maßvollen sunnitischen Islam. Auch die militärische Präsenz ist dicht: An allen Ecken stehen Männer mit Kalaschnikows. Vor Hotels, in Restaurants und bei Straßenkontrollen sieht man bewaffnete Kurden, die ihre Gewehre so halten, als würden sie keinen Moment zögern, sie zu benutzen. Die meisten von ihnen gehören zu den Pesch Merga, den kurdischen Milizen, die die Verantwortung für die Sicherheit tragen. Übersetzt heißt Pesch Merga: „Die, die dem Tode entgegensehen“. Viele Pesch Merga haben schon viele Kriege gesehen – den Krieg gegen Saddam Hussein, den Krieg zwischen den kurdischen Brüdern, der PUK von Dschalal Talabani und der KDP von Massud Barsani, Gefechte gegen die Islamisten. Nun fühlen sich die Pesch Merga als Sieger. Nun wollen sie gegen Terroristen kämpfen, welche die Zukunft des befreiten Kurdistan behindern wollen. Allerdings sind nicht alle Kurden mit der Entwicklung ihrer Region vollends zufrieden. „Wir sind gierig geworden“, sagt ein junger Mann, der nicht mit Namen genannt werden will. Trotz all des Wirtschaftswachstums und der Chancen ist er enttäuscht. „Früher habe ich immer geglaubt, daß unsere Führer für nichts anderes als ein freies Kurdistan kämpfen. Wir waren von Feinden umringt und mußten uns wehren. Wir haben alle zusammengehalten. Doch heute sehe ich, daß viele nur an sich selbst denken. Selbst Mam Dschalal und Kak Massud.“ So heißen die beiden Parteiführer Talabani und Barsani mit Kosenamen. In der Tat haben sowohl Talabani als auch Barsani nach den Wahlen und der Verabschiedung einer neuen Verfassung im Irak ihre Machtpositionen ausbauen können. Talabani ist Präsident Iraks geworden, Barsani der Präsident Kurdistans. Beide haben sich auch wirtschaftlich gut etabliert. Kein Zweifel: Sie sind nicht nur die mächtigsten, sondern auch die reichsten Familien Kurdistans. Politisch allerdings ist die kurdische Region facettenreicher. Die Kurdische Regionalregierung wurde von der Kurdischen Nationalversammlung bestimmt, die aus den Wahlen vom April 2006 hervorgegangen ist. Die Regierungskoalition ist über KDP und PUK bis zu Sozialisten und der Turkmenischen Bruderschaftspartei breit angelegt und spiegelt auch die Vielfalt kleinster regionaler Minderheiten (Assyrer, Chaldäer, Jesiden, Turkmenen) wider. Im Kabinett ist neben der überwältigenden kurdischen Mehrheit auch je ein Chaldäer, Assyrir, Jesid, Faili (schiitische Kurden) sowie ein unabhängiger Turkmene vertreten. „Wie Sie sehen“, sagt mir Erbils OB zum Abschied, „gibt sich unsere Regierung große Mühe, den inneren Frieden in Kurdistan zu erhalten. Es sind eher die dunklen Wolken, die von außen her auf uns zuziehen, durch die Ungewißheiten über die Zukunft des restlichen Irak und durch die Drohungen der Türkei.“ Foto: „Deutscher Kurde“: Erbils Oberbürgermeister Nihad Salim Quodja steht für Fortschritt Erbil (Hewler) Erbil (kurdisch: Hewler) ist die Hauptstadt der „Autonomen Region Kurdistan“, zu der die erdölreiche, zumeist von Kurden besiedelte Stadt Kirkuk (700.000 Einw.) nicht gehört. In Erbil sind mehr als 95 Prozent der ca. 1,5 Millionen Einwohner Kurden. benso sind Muslime .

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