Joachim Kuhs

 

Pankraz, die Dinosaurier und das Formular

Erfreuliche Nachricht für Paläontologen, speziell für Dinosaurier-Forscher: Ihr Arbeitsplatz ist gesichert, denn nur ein geringer Teil aller in der Erde lagernden Dino-Reste ist bisher entdeckt und ausgegraben. Nach einer präzisen Schätzung von Biologen, die jetzt bekannt wurde, muß es mindestens zweitausend Saurierarten gegeben haben, und davon sind heute noch nicht einmal 520 identifiziert und freigelegt. Man kann sich also noch auf viele attraktive Monsterfunde freuen, die uns bevorstehen.

Dino-Reste sind nicht nur Objekte zweckfreier Forschung, sondern seit langem auch fester Bestandteil der Unterhaltungsindustrie. Sie befeuern Filmstudios und Spielzeugfabriken; jedesmal, wenn ein neues Originalmonster aus der Jura- oder Kreidezeit zutage gefördert wird, gibt es in Hollywood Blockbuster, und der Absatz von Stoff-Dinos, die die Kinder anstelle von Teddybären mit ins Bett nehmen können, schnellt in die Höhe.

Professorale Kollegen der Dino-Forscher sind von Neid erfüllt, zumal in Deutschland. Hier hat man ja die Professoren- und Dozentengehälter scharf gekürzt (von C4 und C3 auf W3 und W2); den Rest ihres Gehalts müssen die Gelehrten über sogenannte Drittmittel selber einwerben, d.h. sie müssen unentwegt Formulare ausfüllen und an die Bildungsbürokratie zurückgeben, mittels derer die (möglichst sofortige) ökonomische Verwertbarkeit ihrer Forschungsvorhaben begründet wird.

Finden die Angaben auf den Fragebögen Gnade vor den Augen der Bürokraten – aber nur dann! -, winken für die Forscher Zusatzhonorare, die den Gehaltsverlust zwischen C4 und W3 einigermaßen ausgleichen. Die Bürokraten stecken mit der Industrie-Lobby unter einer Decke, welche die eigentliche Herrin des Verfahrens ist. Nur Vorhaben, die der Industrie unmittelbar profitträchtig erscheinen, werden von der Bürokratie honoriert. Und bei weitem nicht jedes Vorhaben erscheint so profitträchtig wie die Dinosaurier-Archäologie.

Besonders die geisteswissenschaftlichen Disziplinen sind arm dran. Wie erklärt man den Lobbyisten und Bürokraten die Profitträchtigkeit eines Spezialseminars über die historischen Wurzeln des Sanskrit oder eines Vorhabens zur Erforschung der theologischen Folgen des Eindringens des Buddhismus in Mittelasien? Man kann dabei nur Phrasen dreschen und sich geistig blamieren. Der Frust unter den deutschen Gelehrten ist dementsprechend groß, oft gar nicht einmal in erster Linie wegen des Verlustes von Geld, sondern wegen der grotesken Zumutungen beim stundenlangen Ausfüllen von Formularen, denen sie durch die neuen Regelungen andauernd ausgesetzt sind.

"Wir sind nur noch Hartz-IV-Empfänger höherer Potenz", klagte kürzlich ein bekanntes und hochwürdiges Mitglied der philosophischen Fakultät der Universität Bonn. "Man behandelt uns wie potentielle Sozialschmarotzer. Unser wissenschaftliches Vokabular wird frech verhöhnt, es wird vorab mit einem talmi-ökonomischem Behördenslang konfrontiert, der alles besser weiß und kaum noch kaschiert, daß man uns im Grunde gar nicht mehr haben will. Es ist empörend. Die deutsche Universität wird bewußt zugrunde gerichtet."

Davon ist jedes Wort wahr, nur muß man – findet Pankraz – einiges hinzufügen. Historisch gesehen begann der Abstieg der deutschen Universitäten schon viel früher, nämlich in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als man sie völlig hemmungslos dem Massenzustrom öffnete und ihnen gleichzeitig die Autonomie raubte. "Bildungszugang für jedermann bis in die höchsten Bereiche hinein" und "demokratische Gremienuniversität statt akademischer Senatsverwaltung" hießen die Schlagworte, unter denen bereits damals alle Standards radikal gesenkt wurden.

An die Stelle des traditionsbewußten, sich um höchste Ansprüche bemühenden Gelehr-tenadels trat vielerorts eine triste Zusammenballung von Scharlatanen und politischen Eife-rern, die nur über vorgestanztes Wortmaterial verfügten und Wissenschaft nur noch als Futterkrippe buchstabieren konnten. Als sich (sehr schnell) die totale Ineffizienz dieses neuen "Modells" herausstellte, schlug die staatliche Bürokratie von außen unbarmherzig zu. Sie beseitigte mit Hilfe eines "Hochschulrahmengesetzes" die Reste jeglicher Selbstverwaltung und unterwarf die Hochschulen einer Staatsregie, wie sie kein absolutistischer Fürst des 18. Jahrhunderts je auszuüben gewagt hätte.

Aus der unheiligen Allianz von inneren Gleichmachern und äußeren Kommando-Gebern erwächst nun die heutige Misere. Der inzwischen völlig geistentleerte, auch in allen übrigen Bereichen nur noch gröbsten ökonomischen Antrieben folgende Staat verordnet seine excellence clusters, und die "Lehrkräfte" lassen es sich, mag sein zähneknirschend, gefallen, haben sie doch angesichts des immer gewaltigeren Zustroms von "Studenten" (sprich: jugendlichen Arbeitslosen) ihre Müh und Not, neben den "Lehrdeputaten" überhaupt noch etwas Raum für Forschung herauszuschlagen. So füllen sie denn Formulare zur Erlangung von Drittmitteln aus.

Noch einmal: Die Dino-Forscher sind noch am besten dran. Denn sie schaffen nicht nur Arbeitsplätze in der Film- und Stofftierbranche, sondern ihr Forschungsgebiet ist auch schön übersichtlich, sogar verstockten Bürokraten einsichtig. Zweitausend Arten sind noch "aufzuarbeiten", dann ist Schluß, und die Mittel können anderswohin vergeben oder – hurra! – gänzlich eingespart werden.

Bei den kühn ins Ungewisse ausgreifenden theoretischen Physikern oder Molekularbiologen wird die Übersicht schon schwieriger. Und ganz schlimm sind wie gesagt die Geisteswissenschaftler dran, die ohnehin immer nur Unordnung schaffen. Denen geschieht ganz recht, wenn sie mal ein Formular ausfüllen müssen. So etwas hat noch niemandem geschadet. Formulare sind der Inbegriff jeder höheren Ordnung.

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