Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Oliver Stone wird sechzig

Das Mißverständnis hätte nicht größer sein können. Von der internationalen Kritik als „Antikriegsfilm“ gefeiert, war Oliver Stones 1986 gedrehter Film „Platoon“ ausdrücklich all jenen Männern gewidmet, die in Vietnam kämpften und starben. Stone, der sich nach seiner Tätigkeit als Lehrer an einer katholischen High School in Saigon und der Rückkehr in die USA freiwillig zum Militärdienst gemeldet hatte, wurde in Vietnam zweimal verwundet und mit den Orden Purple Heart und Bronze Star ausgezeichnet. So ist „Platoon“ – die Geschichte eines jungen College-Studenten aus gutem Hause, der darauf hofft, daß der Krieg einen Mann aus ihm macht – dann auch weitgehend nach autobiographischen Erfahrungen des Regisseurs inszeniert. Chris (eindrucksvoll: Charlie Sheen), Stones Alter ego, dessen Infanterie-Einheit in den schweren Kämpfen 1967/68 aufgerieben wird, bekommt es nicht nur mit dem Vietcong und den Nordvietnamesen zu tun, sondern auch mit den beiden Sergeants Barnes (Tom Berenger), einem brutalen, Whiskey saufenden Kommißkopf, und dessen Haschisch rauchendem Gegenspieler Elias (Willem Dafoe). Während eines mörderischen Gefechts mit Nordvietnamesen wird Elias von Barnes angeschossen. Vom Gegner auf einer Lichtung gestellt, stirbt er in einer quälend langsamen Einstellung in der Pose des gekreuzigten Christus. Chris erschießt Barnes (Stone selber wurde in Vietnam von einer Granate der eigenen Seite verwundet). Das Vietnam-Trauma thematisierte der Regisseur auch in den Filmen „Geboren am 4. Juli“, für den er, wie für „Platoon“, mit einem Oscar für die beste Regie geehrt wurde, und „Zwischen Himmel und Hölle“ über das Schicksal einer jungen Vietnamesin, die in die USA entkommen kann. Allerdings gehen hier nach einem harten eindrucksvollen Beginn die Ansätze zur psychologischen und philosophischen Vertiefung zunehmend in hemmungsloser Rührseligkeit verloren. Durchaus kritisch wurde „Natural Born Killers“ (1994) aufgenommen, die Geschichte eines Pärchens, dem erst nach über fünfzig Mordtaten das Handwerk gelegt werden kann. Zwar prangert Stone die Sensationsgier der Medien an, doch erstickt der Film förmlich an seiner dynamischen Bilderflut und erliegt der Faszination der Gewalt, die allzu distanzlos vorgeführt wird. Was eigentlich eine bitterböse Satire über die mediatisierte Gesellschaft werden sollte, verkam zu einem der genreüblichen Blutbäder. Interessanter waren dagegen „John F. Kennedy – Tatort Dallas“ (1991) und „Nixon“ (1995). Während Stone in „JFK“ seine verschwörungstheoretisch untermauerte These von einem in die höchsten Kreise des politisch-militärisch-industriellen Komplexes führenden Komplott gegen Kennedy inszenierte, ist „Nixon“ eher das psychologische Porträt eines unsteten, zerrissenen Charakters zwischen Watergate, Vietnamkrieg und Rücktritt. Stones neuester Film „World Trade Center“ mit Nicholas Cage in der Hauptrolle, der am 28. September in den deutschen Kinos anläuft, steht bereits jetzt im Kreuzfeuer der Kritik. Ironischerweise lautet der Vorwurf diesmal, er sei „völlig unpolitisch“ geworden. Am 15. September feiert der bekennende Liberale Oliver Stone seinen 60. Geburtstag.

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