Pankraz, J. Verne und die Kunst, sich am Eis zu wärmen

Wenn es einen Schriftsteller gibt, um den Pankraz die Franzosen beneidet, so ist es Jules Verne, dessen hundertster Todestag am 24. März groß begangen wird. Alles andere, was jenseits des Rheins bisher literarisch vorkam, hatten wir auch, manchmal besser. Jules Verne indessen ist einzigartig. Weder Karl May noch Kurt Laßwitz noch Paul Scheerbart reichen auch nur im mindesten an ihn heran. Verne ist May plus Laßwitz plus Scheerbart hoch zwei, Abenteurer, Science-Fiction-Schreiber und Weltraum-Humorist in einem, ein unvergleichliches Bukett von geradezu historischem Ausmaß.

Und dabei so bescheiden, so gut- und schlichtbürgerlich, so unambitiös! "Ich bin und bleibe ein Provinzler", pflegte der auf einer kleinen Insel in der Loire-Mündung vor Nantes 1828 Geborene auf der Höhe seines gewaltigen Ruhms immer wieder zu versichern. Nach kurzen Jahren als Jurastudent und Theaterdramaturg in Paris zog er sich nach Amiens zurück, arbeitete dort fleißig im Stadtrat mit, heiratete eine junge Witwe, die zwei kleine Kinder in die Ehe brachte, kaufte sich eine mittelgroße Yacht, die sein einziges Freizeitvergnügen blieb – und schrieb seine Romane, über sechzig an der Zahl, jeder vom Publikum begeistert begrüßt und sofort verschlungen, von Alt wie von Jung, von Hoch wie von Niedrig.

Verne pflegte einen Stil, der leicht einging, ohne die geringsten Zugeständnisse zu machen, ein schönes Parlando, klar und unmißverständlich auch noch bei der Beschreibung schwierigster Zusammenhänge. Es gibt bei ihm, dem erklärten Technikfreak, nirgendwo Fachjargon, aber auch keine angestrengte Verknappung und Versimpelung à la Hemingway, keine Flunkerei à la May, der so tut, als habe er alles, was er da mitteilt, selbst erlebt, als sei alles "wahr". Verne erzählte nie von sich selbst, immer nur von anderen, die Wahrheit seiner Erzählungen ergab sich nicht aus einem angeblichen Persönlich-dabeigewesen-Sein, sondern aus der realen Möglichkeit der geschilderten Situationen.

Als Junge wollte auch Jules Verne, wie so viele Jungen, ausreißen, von zu Hause verschwinden in die weite Welt hinaus. Er war schon unterwegs. Sein Vater, ein honoriger Rechtsanwalt, holte ihn mühsam zurück, schimpfte ihn aus, weinte, flehte, und Jules gab ihm das Versprechen: "Je ne voyagerai plus qu’en rève" – "Ich hau nie mehr ab, außer im Traum".

Diesen Traum vom großen Abhauen liest jeder mit, der die Bücher von Verne liest. Es sind nie und nimmer Märchenbücher, alles in ihnen ist bene fundatum, "wissenschaftlich" begründet; in solcher Begründung liegt der ganze Autorenstolz des Jules Verne. Andererseits sind es Traumbücher, Sehnsuchtsbücher, urromantische Erzählungen vom großen Anderssein, wo das Leben spannend ist vom ersten bis zum letzten Augenblick, im Grunde ein einziger Protest gegen den Grauton und Trott des sozialen Alltags, ein dauernder Aufbruch ins Unerhörte und Wüste, das freilich durch und durch naturwissenschaftlich geordnet ist.

Jules Verne steht wie kein anderer für den ungeheuren Wissenschaftsoptimismus, der die abendländische Welt des 19. Jahrhunderts durchbebte. Und sein Optimismus und seine Begeisterung waren keusch und rein, völlig frei von jeglichem Profitinteresse. Darin war er geradezu ein Solitär in seiner von der Gewinn- und Verwertungsgier der Eisenbahnbarone geprägten Zeit. Verne liebte die Erkenntnis um ihrer selbst willen. Sie war ihm Abenteuer genug, ja höchstes Abenteuer, das durch prallgefüllte Geldsäcke am Ende nur desavouiert werden konnte.

Seine technischen Visionen, Erdumrundungen, Mondlandungen, Weltraumsegeleien sind heute von der Wirklichkeit längst überholt und wirken nur noch drollig. "Reise um die Welt in achtzig Tagen": darüber können wir ja nur noch kichern, die wir soeben eine Reise um die Welt in zwei Tagen im Fernsehen verfolgen durften, ausgeführt von einem einzigen Turboflieger, der allerdings ein neureicher Immobilenhai und Milliardär war. Bei Verne sind die Helden entweder altreiche britische gentlemen oder kauzige deutsche Professoren oder, wie Captain Nemo, geheimnisvolle indische Maharadscha-Söhne. Von Koofmichs keine Spur.

Ihnen, den Koofmichs, ist der negative Part in den Romanen zugewiesen. Sie sind aber nicht "böse", sondern "nur" dumm, weil unempfindlich gegen die unvergleichliche Wonne des gelebten Abenteuers. Verne verzichtete in seinen Abenteuerbüchern weitgehend auf die gängige Einteilung in Gut und Böse, Strahlemann und Schurke, auch das macht ihn so einzigartig in der populären Literatur, hebt ihn etwa positiv von unserem lieben Karl May mit seinen Sanders und Winnetou ab.

Verne enthielt sich stets jeglichen Eiferertums. Der deutsch-französische Krieg 1870/71 interessierte ihn einfach nicht. In der Erzählung "Abenteuer dreier Russen und dreier Engländer in Südafrika" schildert er packend, wie ein russisch-englisches Forscherteam durch den Ausbruch des Krimkriegs 1853 plötzlich in Freund und Feind aufgeteilt wird – und wie die Gelehrten die Spaltung letztlich ignorieren und sich weiter gegenseitig helfen.

Pankraz, gefragt, was denn nun sein Vernesches Lieblingsbuch sei, käme in Verlegenheit. Ganz oben stehen – natürlich! – die "Reise zum Mittelpunkt der Erde" und die "20.000 Meilen unter den Meeren". Fast noch besser gefallen ihm aber gewisse ziemlich technikfreie "bloße" Abenteuerbücher, "Der Kurier des Zaren" zum Beispiel oder "Die Leiden eines Chinesen in China". Nicht zuletzt dort entfaltet sich aufs Schönste der zarte Humor im Schaffen Jules Vernes, der von Rezensenten leider oft ignoriert wird.

Viele Romane Vernes spielen im Norden im ewigen Eis, das für den Schriftsteller das große Symbol wissenschaftlich-technischer Herausforderung war. "Sich am Eise wärmen" hieß seine Devise, der er zeitlebens die Treue gehalten hat.

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