Wie bei Hempels unterm Sofa

Von Hermann Göring, der 1932 Reichtagspräsident geworden war, stammt der Ausspruch: „Wer Jude ist, bestimme ich!“ Er enthielt die ganze für diesen Gewaltmenschen typische Mischung aus Bonhomie und Menschenverachtung, denn er implizierte den Anspruch, über andere verfügen zu können bis hin zu ihrer physischen und moralischen Existenz. Man kann verstehen, daß Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) wenig amüsiert war, als Helmut Kohl ihn als den schlimmsten Parlamentspräsidenten seit Göring bezeichnete. Semantisch war aber gegen den Satz nichts einzuwenden. Der Altbundeskanzler hatte keine Gleichsetzung vorgenommen, sondern Thierses Platz in der Parlamentsgeschichte der Nachkriegsära verortet. Kohls Bemerkung muß bei Thierse zu Zwangsvorstellungen geführt haben, die jetzt entsprechende Handlungen nach sich ziehen. Anders lassen sich Form und Inhalt seines Briefes an Albert Meyer, den neuen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Berlin, kaum verstehen. Meyer hatte das im Entstehen begriffene, zwei Fußballfelder große Holocaust-Denkmal in Berlin als „Horror“ bezeichnet, der zu einem Dauerkonflikt zwischen Juden und Nichtjuden führen werde. Thierse, der auch Vorsitzender des Mahnmalkuratoriums ist, donnerte in seinem Brief, die Äußerungen diskreditierten „das Kuratorium und seine Arbeit in einer Weise, die ich nicht hinnehmen kann, und untergraben letztlich die öffentliche Glaubwürdigkeit des gesamten Denkmalprojekts“. Er forderte von Meyer „Respekt vor einer getroffenen Entscheidung“. Ins Alltagsdeutsch übersetzt, heißt das: Maul halten! Was korrekte Trauer ist, das weiß ich besser! Wie ist es aber um die Glaubwürdigkeit eines Monuments bestellt, das die Einwände auch derjenigen, für deren gemordete Vorfahren es angeblich errichtet wird, nicht aushält? Meyer hat seine Äußerung im Zusammenhang mit einem Eklat getan, den Mahnmal-Architekt Peter Eisenman ausgelöst hat. Eisenman hatte in einer Kuratoriumssitzung berichtet, sein New Yorker Zahnarzt, ein deutscher Jude, hätte ihn gefragt, ob seine Zahngoldfüllung von der Firma Degussa stamme, jener Firma, die einst Zyklon B produzierte und heute für den Graffiti-Schutz der Gedenkstelen zuständig ist. Lea Rosh, die sich laut dem Berliner Stadtmagazin Tip nicht scheut, „Auschwitz als Erziehungsmittel für renitente Juden“ einzusetzen, zeterte: „Er nimmt offenbar die Nachkommen der Holocaust-Opfer nicht ernst!“ Am Ende bat der amerikanische Jude Eisenman für den vermeintlich antisemitischen Witz um Entschuldigung – bei Roshs Ministranten Wolfgang Thierse! In dem Gremium, das für die dramatischste geschichtspolitische Weichenstellung in Deutschland zuständig ist, geht es also zu wie bei Hempels unterm Sofa. Eisenmans spöttische Bemerkung hat aber auch einen rationalen Kern. Wenn man, wie das Denkmal insinuiert, den Mord an den Juden als zentralen Bezugspunkt bzw. als „Fundament“ (Joschka Fischer) der deutschen Gesellschaft annimmt, dann bleibt den Deutschen nur die Selbstabschaffung – beginnend bei ihrer chemischen Industrie und der Kieferorthopädie! Die Organisatoren werden von der bitteren Erkenntnis eingeholt, daß ihr Denkmal schon vor der Fertigstellung ad absurdum geführt ist. Was Meyer als „Horror“ bezeichnet, geht auf die Hybris der selbsternannten Volkspädagogen zurück. Verfolgt man die Genese des Denkmals, dann wird klar, daß die Toten lediglich der Vorwand waren, um eine kulturelle Hegemonie zu zementieren. Nach dem Regierungswechsel 1982 war das linksliberale Establishment aufgeschreckt durch die von Kohl angekündigte „geistig-moralische Wende“ und den Plan, in Berlin (West) ein Deutsches Historisches Museum zu gründen. Der von Jürgen Habermas 1986 ausgelöste „Historikerstreit“ war als Gegenaktion zu einer avisierten „nationalen Sinnstiftung“ angelegt. In diesem Licht ist auch die von Lea Rosh gestartete Mahnmalinitiative zu sehen. Das Holocaust-Denkmal ist die letzte Hinterlassenschaft der 68er-Generation, die sich zwar überreichlich mit Pensionsansprüchen versorgt hat, im übrigen aber nichts weiter hinterläßt als eine kaputte Wirtschaft, bankrotte Sozialkassen und ein Bildungssystem, das die Schüler dumm wie die Hühner zurichtet. Bevor sie in Rente geht, will sie noch einen Gewaltschlag landen, der Deutschland bis ins Mark erzittern läßt! Das Ergebnis ist ein Goyasches Ungeheuer, wie es nur der Schlaf der Vernunft hervorbringt. Ähnlich sehen es auch der Chef des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrums, Julius H. Schoeps, und der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn, der in der Vergangenheit mehr als jeder andere zur ideologischen Begründung des Baus beigetragen hatte. Um zu retten, was nicht zu retten ist, schlagen sie eine Umwidmung des Denkmals für alle NS-Opfer vor. Schoeps hatte bereits 1997 geäußert, man würde vielleicht in zwanzig oder fünfzig Jahren den Abriß beschließen, weil niemand mehr das Denkmal verstehe. Daher forderte er ein Parlamentsvotum. Das ist 1999 erfolgt, hat die Sache aber nicht besser gemacht, weil die Abgeordneten entweder eingeschüchtert oder dem Problem überhaupt nicht gewachsen waren. Laut György Konrad, dem langjährigen Akademiepräsidenten in Berlin, war das letzte Argument der Politiker: „Aber dieses Denkmal wird von uns erwartet.“ Auf die Frage: „Von wem?“ sei ein ratloses: „Von wem? Ja, von wem eigentlich?“ erfolgt. Konrad fügt der Klarheit halber hinzu: „Von den Juden nicht!“ Der Bundestag hat, statt einen klugen und souveränen Beschluß zu fassen, einem hysterischen Pendelausschlag in der veröffentlichten – nicht der öffentlichen – Meinung nachgegeben. Wolfgang Thierse spielt in dieser Farce den traurigsten Part. Der spätberufene Bürgerrechtler aus der Ex-DDR verdankt den Sitz im Kuratorium seinem Amt als Bundestagspräsident und dieses den Wahlkampf-Flunkereien des Kanzlers. Schon deshalb ist sein Bemühen um staatstragende Würde zum Scheitern verurteilt. Dabei ist Thierse kein bösartiger Mensch, im Gegenteil, sein Moralismus ist ernst und gut gemeint! Voller Scham darüber, daß die DDR jegliche Haftung für nationalsozialistische Untaten abgelehnt und Erich Honecker nur deshalb Kontakt zu jüdischen Organisationen geknüpft hatte, weil diese ihm den Weg nach Washington ebnen sollten, verfiel er nach 1989 mit Haut und Haaren dem westdeutschen Bewältigungsgeschäft, über dessen Hintergründe er nichts wußte. Die Möglichkeiten, etwas dazuzulernen, hat er seitdem konsequent ausgeschlagen. Um sich nicht endgültig zum Popanz zu machen, sollte er in Zukunft einfach den Mund halten. Blick durch den Zaun auf die Stelen des Holocaust-Mahnmals in Berlin-Mitte: Schon vor der Fertigstellung ad absurdum geführt

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