Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Sozialismus mit unmenschlichem Antlitz

Nordkorea ist seit 1948 der von der restlichen Welt am stärksten abgeschottete Staat, über 55 Jahre beherrscht von Kim II Sung, dem „Großen Führer“ und weiter fest in der Hand seines Sohnes und Thronfolgers Kim Jong II, des „Lieben Führers“. Den wenigen ausländischen Besuchern werden Naturschönheiten und eindrucksvolle Bauten und Denkmäler gezeigt, von den Menschen im Lande werden sie jedoch wie Aussätzige ferngehalten. Unter dem Titel „Schauplatz Nordkorea“ verspricht der Herder Verlag ein umfassendes und „analytisch brillantes“ Buch über einen der größten Krisenherde der Welt aus der Feder von Martin Fritz, Ostasienkorrespondent der ARD. Für das Verständnis Nordkoreas ist die allumfassende Juche-Ideologie, die Bibel Kim II Sungs, bestimmend. Sie prägt das Erscheinungsbild Nordkoreas mit seinen Kuriositäten, die man auch aus vielen Presseberichten kennt. Die Überhöhung des obersten Führers und seine Herrschaft werden dem Anschein nach von der Masse des Volkes akzeptiert. Grundlage dieser Ideologie ist die Erkenntnis: „Der Mensch ist der Herr der Gesellschaft, er entscheidet alles“. Dies entspreche der tiefen Sehnsucht der Koreaner nach Selbstbehauptung. Die Menschen im Lande haben ihre Entscheidungsbefugnis jedoch sichtbar an Kim II Sung abgetreten, der für sie als die „Sonne der Nation“ nunmehr über seinen Sohn denkt und handelt. Die Vergleiche des Autors mit dem Konfuzianismus und seiner hierarchischen Ordnung in der Familie sind jedoch angesichts des familienfeindlichen Kollektivismus nicht mit der Wirklichkeit zu vereinbaren. Den Satz: „Der ideale Führer im konfuzianischen Ethos regiert durch die moralische Kraft seines vorbildlichen Verhaltens“, den Fritz zitiert, kann er sicher nicht auf die beiden Kims beziehen. Der Autor behandelt die 1993 einsetzende Hungersnot und ihre Folgen, den nordkoreanischen Gulag, die brachliegende Industrie und die Macht des Militärs mit 1,2 Millionen Soldaten und Sicherheitskräften. Männer dienen acht, Frauen, die in dieser Zeit keinen Geschlechtsverkehr haben dürfen, sechs Jahre. Der Leser vermißt jedoch eine Analyse des Lebens der in Kategorien der Zuverlässigkeit eingeteilten Bevölkerung. Die Führungsschicht und die technisch-wissenschaftliche Intelligenz dagegen leben in abgeschlossenen Bezirken und genießen Privilegien, von denen die Masse nur träumen kann. Dazu gehört der Apparatschik, der schon am Flugzeug den Mercedes besteigt, und die Funktionärsgattin, die dem Chauffeur, der auf dem Parkplatz des Bonzenkaufhauses ihre Einkäufe verstaut, huldvoll eine Schachtel Chesterfield in die Hand drückt. Nach der deutschen Wiedervereinigung hat Nordkoreas Regierung mit Sonderflugzeugen und Sicherheitsbeamten ihre 2.000 Studenten und Techniker in einer Blitzaktion zurückgeholt, kein Zeichen allzu großen Vertrauens in ihre ideologische Standfestigkeit. Leider findet der Rezensent keine Analysen zu diesen eigenen Reiseeindrücken. Störend sind die vielen Zitate von Koreaspezialisten vom japanischen Berater Hajime Izumi bis zum deutschen Nothelfer Mike Bratzke anstelle eigener Urteile. Der Autor betont zu Recht, daß Juche mehr einer Religion als einer Ideologie gleicht. So ist Kim II Sung nicht nur, wie Fritz erwähnt, nach seinem Tod weiterhin Präsident von Nordkorea, sondern durch ein Dekret ist „dem vom Himmel geschenkten einmaligem Heerführer wie keinem Staatsmann jemals zuvor die Unsterblichkeit verliehen worden“. So war es nur konsequent, daß der sogenannte Palast der 60.000 Geschenke inzwischen ziemlich leer und durch einen 140 Meter tiefen und vier Meter hohen Ausstellungsraum ersetzt ist, der als Stollen in den Berg getrieben wurde, um die Präsente für ewige Zeiten zu bewahren. 1989 fanden angesichts der Hochrüstung Nordkoreas die ersten Gespräche zwischen den USA und Nordkorea in Peking statt. Nach 15 Jahren sind sie ebensowenig vorangekommen wie die Initiativen zur koreanischen Wiedervereinigung. Über das ganze „stop and go“ der Verhandlungen informiert die Chronologie am Ende des Buches. „Nordkoreanische Verdrehungen“ werden ebenso geschildert wie die Politik des Weißen Hauses, die beim Autor nicht immer gut ankommt. Aber auch die konservative Bush-Regierung weiß, daß Amerika manche Demütigung einstecken muß, um einen Konflikt zu vermeiden, der die ganze Region destabilisieren würde. Aufschlußreich ist das Kapitel über die Schlüsselstellung Chinas, das Nordkoreas Überleben mit seinen Lieferungen auf niederstem Niveau sichert. Zum Ausbau einer Führungsrolle in Ostasien kann es jedoch keine Atommacht vor seiner Haustüre dulden. Die US-Regierung bemüht sich deshalb vor allem um die Einbindung Chinas in die Verhandlungen, ohne dabei ihre führende Position in Frage zu stellen. Die Hoffnung des Autors auf eine friedliche Lösung durch die Öffnung Nordkoreas ohne einen Regimewechsel dürfte utopisch sein. Die weiteren Verhandlungen werden wegen der ständigen Verzögerungspolitik Nordkoreas kaum zu einem raschen Durchbruch führen. Für ein theokratisch geprägtes System ist eine Kapitulation nicht akzeptabel. Die Gefahr, daß Nordkorea im Extremfall Atomwaffen anwendet, kann nicht ausgeschlossen werden, obwohl dies auch den eigenen Untergang bedeuten würde. Trotz vieler Details, die Martin Fritz anführt, vermißt der Leser die vom Verlag versprochene „exzellente Analyse“. Foto: Jubelparade zum 55. Jahrestag 2003 in Pjöngjang: Skurrile Überhöhung der politischen Führung Martin Fritz: Schauplatz Nordkorea. Das Pulverfaß im Fernen Osten. Herder Verlag, Freiburg i. Br. 2004, 160 Seiten, Taschenbuch, 8,90 Euro

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