Joachim Kuhs

 

Lebertran gegen die Deutsche Krankheit

Ein gewichtiges Buch ist das Werk von Hans-Werner Sinn schon in der wörtlichen Bedeutung, 499 Seiten auf besonders schwerem Papier gedruckt. Der Econ-Verlag wollte wohl dem Leser bereits beim ersten Zugreifen verdeutlichen, daß ihn keine leichte Kost erwartet, sondern ein schwerer Brocken. Der Titel „Ist Deutschland noch zu retten?“ verspricht Tragisches, zumindest Dramatisches. Wer jedoch ein Nachfolgewerk zu Spenglers „Untergang des Abendlandes“ erwartet, irrt. Natürlich ist Deutschland noch zu retten, wie spätestens im zweiten Kapitel deutlich wird. Man muß nur den Ratschlägen des Münchner Professors und Leiters des renommierten Instituts für Wirtschaftsforschung Ifo folgen. Sinns Untergangsbuch ist kurz nach seiner Erstausgabe bereits in der zweiten Auflage erschienen, so daß der Verlag gewichtige Stimmen zum Buch dem Text voranstellen und anfügen konnte. Roland Berger von der gleichnamigen Unternehmensberatungsfirma ist dabei und Ex-Arbeitgeberpräsident und Ex-IBM-Chef Hans-Olaf Henkel, selbst Autor einer wirtschaftskritischen Schrift. Neben weiteren Spitzenmanagern loben namhafte Wirtschaftsprofessoren das Buch ihres Kollegen. Am meisten aber beeindruckt das Lob aus dem Munde des ehemaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth, der seine inhaltliche Zustimmung mit der entscheidenden Frage abschließt: „Deutschland kann reformiert werden. Hans-Werner Sinn zeigt den Weg auf. Ob ihn die politische Klasse geht?“ Das müßte er eigentlich am besten wissen. Doch was ist der eigentliche Inhalt des so viele offensichtlich beeindruckenden Werkes? Sinn beschreibt nach einem Anfangskapitel über den Abstieg Deutschlands zum Schlußlicht der bedeutenderen Industrienationen in sieben Kapiteln die Hauptproblemzonen der deutschen Wirtschafts- und Sozialpolitik. Zunächst widmet er sich dem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Wirtschaftsgeschehen. Sein Lösungsvorschlag lautet: Nicht dem internationalen Wettstreit ausweichen, sondern sich stellen. Die zunehmende Globalisierung der Wirtschaft – die moderne Beschreibung der schon immer bestandenen Entwicklung zu einer Intensivierung der Weltwirtschaft – sei nicht als Bedrohung, sondern als profitable Chance zur internationalen Arbeitsteilung zu nutzen. Der richtige Ratschlag stellt allerdings eher eine Aufforderung dar, dem Angstschüren der Globalisierungsgegner aufklärend entgegenzuwirken. Bei den nächsten beiden Kapiteln zum überregulierten Arbeitsmarkt und dem ausufernden Sozialstaat geht die Analyse dagegen zu konkreten politischen Appellen über. Zum ersten ist die Macht der Gewerkschaften – Sinn spricht vom „Würgegriff“ – rigoros einzuschränken, zum zweiten die staatliche Alimentation der Arbeitslosigkeit zu beschneiden. Beides ist nicht neu, wenn auch hier besonders vehement mit Daten und Fakten untermauert. Ebenso kaum originell, aber in den letzten Jahren kaum noch diskutiert ist Sinns Vorschlag, einen Teil der Entlohnung in Vermögensbildung umzuwandeln. „Sparlohn statt Barlohn“ lautet der plakative Slogan, mit dem ein partieller Lohnverzicht zugunsten von Unternehmensbeteiligungen propagiert wird. Auch der verfehlte „Aufbau Ost“ ist Thema des Buches. „Sinn“-gemäß lautet hier das Allheilmittel: Markt, Markt und noch mehr Markt. Die Realisation dieser richtigen Empfehlung erfordert allerdings die Verwirklichung der vorangegangenen Reformvorschläge. Zudem wird die Lösung des Ex-DDR-Problems durch die zwar politisch wohlklingende, ökonomisch jedoch wahnwitzige Forderung nach einer Angleichung der Lebensverhältnisses von Ost und West binnen kurzer Zeit erschwert. Daß solche Politutopien das bleiben, was sie sind, erläutert Sinn in einem späteren (warum nicht anschließenden?) Kapitel zur Osterweiterung der EU. Wenn diese – unter welchen EU-Vertretungs-Szenarien auch immer – kommt, wird sich die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt gerade in den neuen Bundesländern schockartig verschärfen. Kein EU-Gremium käme jedoch auf die Idee, eine Angleichung der Lebensverhältnisse von Holländern und Slowaken einzufordern. Erfrischend entlarvend ist auch das Kapitel über den Steuerstaat Deutschland. Sinn will vor allem die Mär von einer niedrigen Staatsquote endlich konsequent aufgedeckt wissen. Seine Forderung nach einer mutigen Steuerreform bildet allerdings nur eine Wiederholung des seit Jahren allseits Geforderten. Selbiges gilt für das vorletzte Kapitel zum Thema Vergreisung Deutschlands. Das Problem ist bekannt, die Lösungsvorschläge wie kinderbezogene Rente und Riester-Rente für Kinderlose ebenso und die Entscheidungsunfähigkeit der Politiker erst recht. Sinns Buch endet mit einem „6+1-Programm für den Neuanfang“, einem Abschnitt, der im wesentlichen die Politikvorschläge der vorangegangen sieben Kapitel nochmals zusammenfaßt. Nun stellen auch nicht die Lösungsvorschläge den Hauptverdienst des Buches dar, sondern vielmehr die ausführlichen analytischen Passagen. Verständlich formuliert und mit zahlreichen Kurven, Tabellen und Schaubildern unterlegt werden die Problembereiche Deutschlands schonungslos aufgedeckt. Nach dieser Lektüre kann auch der naivste Politiker nicht mehr behaupten, von nichts gewußt zu haben (oder daß die Rente sicher ist). Sinns Handbuch des deutschen Niedergangs erinnert ein wenig an Rudolf Bahros enthüllende Untersuchung „Die Alternative – Zur Kritik des real existierenden Sozialismus“, die zwölf Jahre vor dem Ende der DDR die Mißstände der sozialistischen Planwirtschaft schonungslos aufdeckte. Erfolgt ist damals bis auf die Verhaftung des Autors durch die Stasi nichts. Nun wird man Sinn nicht verhaften und wohl noch nicht einmal – wie er befürchtet – seine Karriere beeinträchtigen. Ändern wird sein Buch allerdings ebensowenig wie weiland Bahros Werk. Politiker vertrauen nun einmal mehr darauf, daß die Katastrophe nach ihrer Amtszeit eintritt. Hans-Werner Sinn: Ist Deutschland noch zu retten? Econ Verlag, München 2003, gebunden, 499 Seiten, 25 Euro

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