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„Die Rettung verdanken wir den Lesern“

Welche Stimmung herrschte im Januar 1994, als die JF Wochenzeitung wurde? Stein: Dieser Schritt zur Wochenzeitung war der nackte Wahnsinn. Es gab nur wenige, die es uns abgenommen haben, daß wir das überhaupt nur ein Jahr lang packen. Wie sah die Arbeit der Redaktion in der Anfangszeit aus? Stein: Es war abgefahren: Wir – das waren damals Martin Schmidt, der heute für die Preußische Allgemeine Zeitung arbeitet, und ich – arbeiteten im Januar alleine in einem Mini-Büro in Potsdam. Im Februar kam Andrzej Madela als dritter Redakteur dazu. Martin Schmidt und ich haben dort zwischen Umzugskartons gelebt, es hieß im ersten Jahr arbeiten bis zum Koma. Es gab noch nicht einmal eine Sekretärin, wir haben die Texte selbst erfaßt, das Layout und die Bildbearbeitung gemacht – fürchterlich. Aber es war natürlich auch sehr aufregend. Ein Jahr zuvor waren „Focus“ und „Die Woche“ auf den Markt getreten, die Ost-Berliner „Wochenpost“ expandierte nach Westen. Wo war der Unterschied zur JF? Stein: Woche, Wochenpost und Focus wurden von Verlagsgiganten verantwortet, die diese Projekte mit mehrstelligen Millionenbeträgen anschoben. Diese neuen Titel wurden aus Sicht der anderen Medien überwiegend nicht als Fremdkörper wahrgenommen, sie gehörten durch die dahinterstehenden Konzerne sofort quasi zur Familie. Und die JF? Stein: Wir waren doch nur eine Handvoll durchgeknallter Mittzwanziger, meistens noch Studenten! Die JF war bis Ende 1993 ein Hobbyprojekt, alle Beteiligten, Autoren und ich eingeschlossen, verdienten keinen Pfennig daran. Wir waren doch allein schon aus Sicht der Branche die absoluten Außenseiter. Was sind das für Irre, hat man sich gesagt, die sich auf ein Terrain wagen, das ein halbes Dutzend Verlage unter sich aufgeteilt zu haben meinen. Nun sind aber just „Woche“ und „Wochenpost“ gescheitert – trotz der Millionen aus Großverlagen. Was ist das Erfolgsrezept der JF? Stein: Die JF ist einerseits kein riesiger Vergnügungsdampfer, wie es die Woche war, die unter ihrem Herausgeber Manfred Bissinger einen perversen Aufwand betrieben hat und das Geld mit vollen Händen für allen möglichen Schnickschnack zum Fenster hinausgeworfen hat, andererseits haben wir aus der Not eine Tugend gemacht und uns immer auf das Entscheidende konzentriert: unsere Leser. Es stellte sich ohnehin sehr bald heraus, daß die meisten Werbekunden aus der Industrie aus Gründen der political correctness in der JF nicht inserieren würden. Wir mußten deshalb mit enger geschnalltem Gürtel als Leser-Zeitung eine Nische besetzen, die die arroganten Großverlage freigemacht haben. Es gibt kein Wochenblatt für Rechtsintellektuelle, Konservative, Freiheitlich-Libertäre in Deutschland. Und diesen Platz haben wir besetzt. Wie entstand diese „Marktlücke“? Stein: In den achtziger und neunziger Jahren ist der konservative Journalismus regelrecht abgeräumt worden. Nach dem Tod von Axel Springer gerieten die rechten Redakteure und Autoren der Welt unter Druck und wurden hinausgemobbt, das gleiche galt für die FAZ und den Rheinischen Merkur. Warum war der Schritt zur Wochenzeitung notwendig? Stein: Es war die einzige Möglichkeit, ein professionelles Projekt aus der JF zu machen, das auch den minimalen Umsatz erreicht, um eine hauptamtliche Redaktion zu finanzieren. Warum hatte die JF keinen großen Finanzier? Stein: Es ist eine Legende, es gäbe noch in Deutschland Industrielle, die mit Koffern voll Geld herumreisen und dies in kleine Verlage stecken. Wenigstens nicht in ein konservatives Zeitungsprojekt wie unseres. Gab es denn Ansätze zu solchem finanziellem Engagement? Stein: Kurz vor Wochenzeitungsstart habe ich zwei potente Unternehmer getroffen. Der eine, er war ehemaliger Vorstandschef eines namhaften Medienkonzerns, gab mir einen warmen Händedruck und wünschte mir viel Glück, der andere, ebenfalls millionenschwerer Unternehmer, erklärte mir, daß mein Projekt zum Scheitern verurteilt sei, weil das ganze zu mickrig aufgezogen sei. Ein Satz ist mir unvergeßlich: Investitionen in japanische Schiffsanlagen seien nun mal lukrativer! Die Vorstellung eines Großunternehmers, der konservatives politisches Engagement zeigt, ist in Deutschland offensichtlich ein Widerspruch in sich. Wie sich herausstellte, sind es allein mittelständische Unternehmer, die auch politisch Flagge zeigen. Bedauern Sie das? Stein: Wir hätten immer Geld gebrauchen können, um die Zeitung ganz anders aufzuziehen, vor allem auch, um mehr Geld in Werbung zu stecken. Aber vielleicht war das auch gerade gut so. So konnten wir auch nicht durch irgendeinen einzelnen Geldgeber korrumpiert werden. Und diese Gefahr besteht im Medienbereich immer. Haben Sie bei Ihrer verlegerischen Arbeit Vorbilder? Stein: Wenn es einen deutschen Verleger gibt, der für mich ein Vorbild ist, dann ist dies Herbert Fleissner. Ich habe ihn 1990 das erste Mal getroffen – ich war damals 23 Jahre alt! – und er hat an die JUNGE FREIHEIT und meine Idee geglaubt. Sein Vertrauen und seine vielfältige Unterstützung haben mir in vielen Momenten geholfen. Er hat mir mit seinem außergewöhnlichen Lebensweg Mut gemacht, etwas mit wenigen Mitteln aufzubauen. Schließlich hat Herbert Fleissner auch als Student mit einer kleinen Versandbuchhandlung angefangen und dann über die Jahrzehnte – übrigens auch gegen den massiven Widerstand seiner Zunft – einen der größten deutschen Buchverlage, die Gruppe Herbig Langen Müller, aufgebaut. Ihm ist sein Erfolg, zumal als heimatvertriebener Sudetendeutscher, nicht in den Schoß gefallen. Er ist auch einer der letzten Patrone des Verlagswesens, wo fast ausschließlich der Typ des gesichtslosen angestellten Managers und nicht die persönlich haftende Unternehmerpersönlichkeit dominiert. Was hat Sie motiviert? Es haben schließlich immer wieder viele gesagt: Das packt der nicht. Es gab nach dem Wochenzeitungsstart öfter Schlagzeilen über die drohende Pleite der JF. Stein: Mich hat das überwiegend tatenlose Lamento von Konservativen der damaligen Zeit über den Marsch der Linken durch die Institutionen, die erfolgreiche Machtübernahme der 68er in Politik und Medien geärgert. Warum sollte man diesen Zustand eigentlich so hinnehmen? Wenn alle sagen, es geht nicht, Alternativen auf dem Pressemarkt durchzusetzen, dann muß endlich jemand beweisen, daß es anders geht. Ansonsten ist es nicht das schlechteste, unterschätzt zu werden. Wie konnte die JF schließlich die wirtschaftlichen Schwierigkeiten meistern? Stein: Die JF kämpft weiter jedes Jahr mit einer Deckungslücke von derzeit rund 350.000 Euro. Die JF verdankt ihre Rettung alleine den Lesern, die in diesen zehn Jahren fast 2,5 Millionen Euro gespendet haben. Darüber hinaus haben über 260 Kommanditisten aus den Reihen der Leser das Haftungskapital der Kommanditgesellschaft in Höhe von einer Million Euro zusammengebracht. Diese 3,5 Millionen Euro haben die JF vor dem Ruin bewahrt und ermöglicht, daß die Zeitung stetig weiter ausgebaut und ihre Grundlage verbreitert werden konnte. Gab es einen Moment in den letzten zehn Jahren, in dem Sie das Scheitern des gesamten Projektes direkt vor Augen hatten? Stein: Es gab mehrere Momente. Im Sommer 1994 kam es zu einer existentiellen Auseinandersetzung in Redaktion und Verlag. Es gab den Versuch eines damals mitgeschäftsführenden Gesellschafters, mich als Gründer der Zeitung auszubooten. Diese Auseinandersetzung war noch nicht annähernd durchgestanden, als im Dezember 1994 der verheerende Brandanschlag auf unsere damalige Druckerei in Weimar erfolgte. Doch auch in den folgenden Jahren gab es noch zwei, drei Momente, in denen die Lage wirtschaftlich, politisch oder auch menschlich ausweglos schien. Wie haben Sie diese Krisen gemeistert? Stein: Ich bin froh, immer wieder an diesen Wegmarken Menschen kennengelernt zu haben, die mich unterstützt und mich in meinem Weg bestärkt haben. Woher haben Sie die Kraft und den Willen genommen, immer weiterzumachen? Die JF stieß von Anfang an bei etablierten Medien und Politik nicht gerade auf Gegenliebe, es gibt bis heute linksextreme Boykottaufrufe gegen den freien Vertrieb der Zeitung, Angriffe auf die Druckerei, die Redaktion, seit 1994 – pünktlich zum Wochenzeitungsstart – ist die Zeitung auch im Visier des Verfassungsschutzes des Landes NRW. Stein: Was mich wohl immer wieder am meisten motiviert hat, war gerade der Gegendruck. Wenn uns der Erfolg abgesprochen wurde – dann habe ich mir gesagt: Jetzt erst recht. Ähnlich ist es mit den Angriffen, ob von den politischen Meinungssoldaten aus Nordrhein-Westfalen und den Exekutoren der political correctness oder terroristischen Überfällen auf die Druckerei, Redaktion und Vertrieb: Mir war klar, daß es hier immer nicht nur um meine Zeitung, sondern um den Kampf für Grundrechte in diesem Staat geht. Es ging also in diesen zehn Jahren Wochenzeitung immer auch um die Frage: Lassen wir uns das Recht auf freie Meinungsäußerung, das Recht auf Pressefreiheit nehmen oder nicht? Die JF wächst angeblich mit ihren Redakteuren mit. Wie würden Sie die Veränderung beschreiben? Sehen Sie das mit einem lachenden und einem weinenden Auge? Stein: Sicher: Die JUNGE FREIHEIT wird mit Blick auf das Lebensalter mancher Redakteure älter. Daran ist nichts zu ändern. Die studentische Spontaneität ist vielleicht futsch, dafür sind Gelassenheit und Heiterkeit gewachsen. Das tut einer Wochenzeitung auch nicht schlecht. Andererseits sorgen ständige Mitarbeit von Praktikanten aus dem Kreis von Schülern und Studenten und ein stetiger Zuwachs an jungen Autoren dafür, daß immer frischer Wind in der Redaktion weht. Wer für die JF einsteht, erlebt immer wieder fast unweigerlich Diskriminierung, die persönlich an die Nieren gehen kann. Wie gehen Sie damit um? Macht es Ihnen noch zu schaffen? Stein: Wenn es andere trifft – Redakteure, Autoren, Interviewpartner – bin ich unverändert empört über die Ungerechtigkeit. Bei mir selber hat sich eine gewisse Distanz eingestellt, daß ich mir die Angriffe nicht persönlich zu Herzen nehme, sondern ich weiß, sie gelten quasi dem Amt, das ich ausübe. Was ist Ihre Vision für Deutschland? Stein: Ich wünsche mir ein Deutschland, das sich seiner ganzen Geschichte bewußt ist, das den Willen zu einer selbständigen Größe in Europa hat. Das deutsche Volk soll wieder das Gefühl haben, daß es nicht nur seine Geschichte hinter sich, sondern auch noch vor sich hat. Deutschland soll sich von der Neurotiker-Couch erheben und wieder Zuversicht gewinnen. Als Wochenzeitung kann man auf aktuelle Ereignisse nur zeitverzögert reagieren. Träumen Sie manchmal davon, aus der JF eine Tageszeitung zu machen? Stein: Das wäre sicher interessant. Schließlich haben die „konservativen“ Blätter FAZ und Welt in den letzten Jahrzehnten eine Lücke im Journalismus geräumt, der durch eine Wochenzeitung nicht zu schließen ist. Es mangelt in Deutschland an einer intelligenten, nichtlinken, oppositionellen Tageszeitung. Wo sehen Sie die JF in zehn Jahren? Stein: Noch stärker und gefestigter als jetzt. Ich sehe große Chancen für diese Zeitung. Dieter Stein vor dem Brandenburger Tor: Er gründete als Schüler 1986 den Titel JUNGE FREIHEIT als Schüler- und Studentenzeitung. Von Anfang an Chefredakteur, gründete er als geschäftsführender Gesellschafter 1990 die JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH, 1994 zum Wochenzeitungsstart die Kommanditgesellschaft JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. 1967 in Ingolstadt geboren, wuchs er in Bayern und Baden-Württemberg auf. Nach dem Abitur in Stegen im Schwarzwald studierte er bis 1993 Geschichte und Politik in Freiburg im Breisgau. weitere Interview-Partner der JF

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