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Furcht vor dem Neandertaler mit Auto und Radio

Alfred, der kleine Bruder, führt im Jahrhundertruhm des großen Max Weber nur noch ein Schattendasein. Schon das in den siebziger Jahren weitverbreitete Büchlein des Zeit-Autors Willy Hochkeppel, „Modelle des gegenwärtigen Zeitalters“ (1973), eine Art Blitzeinführung in die Kulturphilosophie von Spengler bis Popper, hielt die Beschäftigung mit Alfred Weber für Zeitverschwendung. Das Alterswerk, die Geschichts- und Gegenwartsdeutung „Der dritte und der vierte Mensch“, sei gezeichnet von „qualligen Begriffen“, „Worthülsen“ und „ungezügelter Spekulation“, vorgetragen von einer „schwülstigen“ deutschen „Gelehrten-Schreibe“. Kurz: „ein trübes Gemisch aus Untergangserwartungen und vagen Heilsverkündungen“. Nach einem derartigen Verdammungsurteil krähte kein Hahn mehr nach Alfred Weber. So werden im Handbuch „Hauptwerke der Soziologie“ von Dirk Kaesler und Ludgera Vogt (Stuttgart 2000, siehe JF 7/01) die Großen des Faches kanonisiert, aber neben Bruder Max, Tönnies, Simmel, Marx, Mannheim und natürlich Habermas sucht man den Heidelberger Kultursoziologen vergeblich. Allein der Soziologiehistoriker Eberhard Demm scheint sich daran gestört zu haben. Seit über zwanzig Jahren widmet er einen großen Teil seiner wissenschaftlichen Arbeit der geistigen Wiederbelebung des 1868 geborenen, 1958 verstorbenen Gelehrten. Demm nahm das Kreuz auf sich, dessen ultimative Biographie zu schreiben und diese stets weit ins politische Leben ausgreifende Intellektuellenexistenz in den Ablauf der deutschen Geschichte von Bismarck bis Adenauer einzubetten. Demm ist auch der Motor der Alfred-Weber-Gesamtausgabe, die in zehn ungewöhnlich preiswerten, dicken Bänden seit 1997 im Marburger Metropolis Verlag erschienen ist und die nunmehr, mit dem „Ausgewählten Briefwechsel“, den Demm zusammen mit dem Heidelberger Helmut-Schmidt-Biographen Hartmut Soell ediert hat, abgeschlossen vorliegt. Etwa 650 Briefe von und an Alfred Weber können die Herausgeber präsentieren. Klingende Namen tauchen in dieser Korrespondenz zu Dutzenden auf, säuberlich verteilt nach den Wirkungsfeldern des gelernten Nationalökonomen und eifrig politisierenden Professors. Das Spektrum reicht von Erich Ludendorff bis Lucius D. Clay, von Hugo Stinnes bis Kurt Schumacher und Theodor Heuss, von Karl Jaspers bis Hans Zehrer, von Thomas Mann bis Alexander Mitscherlich. Auch wer sich standhaft weigert, eine Zeile des wissenschaftlichen oder publizistischen Werkes Alfred Webers zu lesen, kommt also an diesen brieflichen Dialogen einfach deshalb nicht vorbei, weil sie, ungewöhnlich breit gefächert, einen wichtigen Beitrag zur deutschen Geistesgeschichte bieten. Es versteht sich, daß die politische Korrespondenz des engagierten Liberalen, der wie Adenauer als ein Stück 19. Jahrhundert in die Frühgeschichte der Bundesrepublik hineinragt, der aber anders der auf „Westintegration“ versessene rheinische „Realpolitiker“ bis zuletzt auf der idealistisch inspirierten Suche nach einem „dritten Weg“ war, in dieser Edition breiten Raum einnimmt. Doch zur Erkundung der Mentalitätsgeschichte der deutschen Eliten ist es womöglich interessanter, sich in Briefe zu vertiefen, die Demm und Soell im Kapitel „In der Welt von Heidelberg“ versammeln. Mit dem Archäologen Ludwig Curtius und dem Kulturhistoriker Richard Benz spaziert der in der „inneren Emigration“ lebende Weber mitten im Schlachtenlärm des Zweiten Weltkriegs im Bildungskosmos seiner Generation, debattiert mit Jaspers über Nietzsche, erörtert mit Benz Anfang 1944, ob Schiller den Deutschen nicht ein für allemal verleidet sei, und glaubt mit Curtius an die Rückkehr des Neandertalers – diesmal ausgestattet „mit Auto und Radio“. Wenn Weber in diesem Kontext Jaspers charakterisiert als einen Denker, der „ganz drüben“ sei, im „Jenseits“ oder „Transzendenten“, dann steckt darin auch ein Stück Selbstbeschreibung. Hier ist das „kulturell Unbewußte“ (Pierre Bourdieu), sind die „verborgenen Grundgedanken einer Generation“ mit Händen zu greifen, die die Politik idealistisch permanent zu überfordern pflegte, und die deshalb, als der Geist von ’68 zu wehen begann, von Kritikern wie Hochkeppel leicht wegen ihrer „ungezügelten Spekulation“ geächtet werden konnten. Ungeachtet des inhaltlichen Reichtums dieser Ausgabe sind den Herausgebern zwei schwere Mängel anzukreiden. Zum einen war es keine gute Idee, die chronologische Abfolge zugunsten einer sachlichen Gruppierung (politische, philosophische, persönliche, hochschulpolitische Korrespondenz) zu zerreißen. Um etwa Webers Wertungen im Übergang vom Kaiserreich zur Republik kennenzulernen, ist der Leser zu ständigen Hin- und Herblättern gezwungen. Die Hochschulfragen von 1919 zum Beispiel gehören nun einmal in den politischen Zusammenhang der Frühphase Weimars und sollten dort nicht herausgelöst werden, um sie ahistorisch mit dem Wiederaufbau der Universitäten nach 1945 zu verknüpfen. Der zweite Mangel wiegt vielleicht noch schwerer: Die Kommentierung hätte unbedingt reichlicher ausfallen müssen. Die Frage, die man an jeder Wursttheke besser verneint – „Darf es ein bißchen mehr sein?“ -, hätte man hier gern bejaht. Eberhard Demm, Hartmut Soell: Alfred Weber. Ausgewählter Briefwechsel. Zwei Halbbände. Metropolis Verlag, Marburg 2003, 942 Seiten, 39,80 Euro

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