Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Das Schweigen der Mandarine

Wo die Berichterstattung über Arbeitsmarkt- und Gesundheitsreform immer breiteren Raum einnimmt, wächst scheinbar auch das Bedürfnis, die Reformdebatte in eine größere Perspektive zu stellen – und sei es, indem ihre Abwesenheit beklagt wird. Der Schriftsteller Peter Schneider, 64, hat sich in einem etwas zu lang geratenen Spiegel-Essay (28/04) Gedanken über die „deutsche Lähmung“ gemacht und sich über das Schweigen der Mandarine gewundert. Es sei doch „keine Kleinigkeit, wenn ein großes, früher erfolgsverwöhntes Land wie Deutschland aus den ersten Rängen der Industrienationen auf die unteren Plätze abstürzt und sich nur mit halbherzigen, quälend langsamen Stolperschritten aus dem selbstgemachten Schlamassel zu befreien sucht. Wo sind in den zwei Jahrzehnten, in denen sich der wirtschaftliche Niedergang der Republik angebahnt hat, all die Intellektuellen geblieben, deren Stimme man in anderen Fragen – Asylrecht, Globalisierung, Irak-Krieg, Rechtschreibreform – nie vermißt hat. Wie ist es zu erklären, daß Deutschlands Großintellektuelle von Grass bis Habermas zu dieser Existenzfrage der Nation nichts zu sagen hatten?“ Ja, wie ist das zu erklären? An mangelnder Kompetenz in Wirtschaftsfragen, glaubt Schneider, könne es nicht liegen, denn die hätte Intellektuelle selten davon abgehalten, sich einzumischen. Ihm zufolge sind vor allem „linke Berührungsängsten und Tabus“ und „das alte Lagerdenken verantwortlich“ für das große Schweigen. Das trifft zu, reicht als Erklärung aber nicht aus. Betrachten wir dazu das von Schneider erwähnte Engagement in Sachen Irak-Krieg, Asylrecht und Globalisierung. (Der Widerstand gegen die Rechtschreibreform fällt aus dem Schema, denn Günter Grass besitzt zweifellos eine höhere Sprachkompetenz als die Ministerialbürokraten.) Es handelte sich überwiegend um einen auftrumpfenden Moralismus, nicht um politische Argumentation. Gerade wer den Irak-Krieg ablehnte, hätte Schröders Wahlkampf- und Fensterreden dazu kritisieren müssen. Ein Kriegsgegner wie Polens Ex-Präsident Lech Walesa gab Schröder und Chirac sogar die Schuld daran, daß sich Europa in dieser Frage gegenüber den USA in einer so schlechten Position befand. Und in den Fragen von Asyl und Globalisierung ging es den Großintellektuellen vor allem darum, mit hehrer Geste den globalen Zugriff auf die deutschen Sozialsysteme zu verteidigen. Umverteilung hin zu türkischen Großfamilien Die aber sind jetzt am Ende, und damit bricht dieser politischen Romantik die Grundlage weg. Die florierende Wirtschaft, der öffentliche und private Wohlstand in Deutschland wurden als ein Naturgesetz betrachtet. Daß diese auf Grundlagen beruhten, die der Hege und Pflege bedurften, wurde ignoriert. Bis vor kurzer Zeit galt es als „rassistisch“, danach zu fragen, welche Zuwanderung dem Land nutzt und welche nur Kosten verursacht. Aber die Geschichte, das wußte Bismarck, ist genauer als die Preußische Oberrechnungskammer. Wenn jetzt davon die Rede ist, aus Kostengründen die Eigenheimzulage oder Pendlerpauschale zu streichen, weil deren Empfänger nicht zu den wirklich Bedürftigen zählen und die Fürsorge auf die tatsächlich Armen beschränkt werden muß, klingt das zunächst einleuchtend. In den meisten Fällen bedeutet es aber eine Umverteilung von den unteren Mittelschichten – von Krankenschwestern, Busfahrern, kleinen Angestellten – hin zu türkischen oder arabischen Großfamilien, die sich irgendwie nach Deutschland Zugang verschafft haben. Das ist die Perversion des Sozialstaates, als deren Sachwalter sich die intellektuelle Linke stets betrachtet hat. Jetzt fliegt ihr die Asozialität der eigenen Politik um die Ohren. Kein Wunder, daß es ihr die Sprache verschlägt! Wenn aus diesem Spektrum nichts mehr zu erwarten ist, woher dann? Im Tagesspiegel vom 22. Juli beschreibt der Schriftsteller Matthias Politycki sein Lebensgefühl der letzten Jahre als „aufblitzende Empörung samt sofort sich anschließender Resignation“. Wie ein Hund leidet Politycki am eigenen Land: „Deutschland wird zur Zeit in allen Disziplinen gedemütigt, als Insasse Deutschlands lebt man halbgeduckt voran, mit der Gewißheit, daß es selbst nach der nächsten Wahl nicht besser werden wird.“ Das betrifft sämtliche Bereiche. Deutsche Literaten bewältigen, so Politycki, „weiterhin mit Vorliebe Vergangenheit, man könnte meinen, um sich vor dem Blick in die Zukunft zu drücken (…) So leben wir, bitter zu denken, nicht nur in der Endphase des Kapitalismus, sondern gleichermaßen in der Endphase der Demokratie, zumindest in ihrer überkommenen Form als Parteiendemokratie. Denn wenn die Besten einer Gesellschaft (…) Besseres zu tun haben, als von ihren Führungspositionen aus mit sanft undemokratischen Mitteln den Rest der Gesellschaft anzuleiten, dann tun dies eben die Zweit-, schließlich auch die Zehntbesten, dann ist der gesamtdeutsche Küblböck obenauf: Medienrummeldemokratie als kaum verkappte Diktatur des Proletariats.“ Solche Sätze könnten aus Edgar J. Jungs „Herrschaft der Minderwertigen“ stammen. Im Ausland konstatiert Politycki „die offene Verachtung, mit der man mir als politisch korrektem Schlappschwanzeuropäer entgegentritt“. Aber wir haben selber schuld, meint der Autor. Die Post-68er Generationen beschränkten sich aufs Beobachten, anstatt „Schlüsselpositionen zu besetzen“. Dieses Vakuum lade andere dazu ein, sich unter Vorspiegelung ethischer Positionen in die erste Reihe vorzudrängeln mit dem Ergebnis: „Quote ersetzte Diktum, Prominenz ersetzte Substanz, Meinung ersetzte Vision – die zur Elite Prädestinierten haben sich dagegen fast vollständig ins Private zurückgezogen“. Es sei an der Zeit, „die Pflichten eines Erwachsenen anzunehmen: soziale Verantwortung jenseits der eigenen Werkabfolge“. Der letzte Deutsche – ein Amerikaner? Nun ist es mit der Besetzung von Schlüsselpositionen allein nicht getan. Frank Schirrmacher und Matthias Döpfner waren Mitte Dreißig, als sie bei der FAZ und im Springer-Konzern in die Führungsetage aufstiegen. Und was ist das Ergebnis? Martin Walser, 77, ist von Suhrkamp zu Rowohlt gewechselt, und Springer hat die ewig Liebe zur US-Supermacht in seinen Statuten festgeschrieben. Sehr weltbewegend! Politycki scheint selber Zweifel daran zu haben, ob diejenigen, die in den fossilen Großinstitutionen aufgestiegen und durch sie geformt worden sind, überhaupt noch etwas Revolutionäres – und um nicht weniger geht es – beitragen können. Denn fällig ist ein Paradigmenwechsel: „Wer in seinem Herzen Demokrat ist, der muß nun schleunigst undemokratisch denken, nicht von der Mitte, sondern vom Rand der Gesellschaft her, der muß Minderheiten wieder an die Macht bringen, zum Wohle dessen, was dann vielleicht mal wieder in eine echte Demokratie übergehen könnte. Mittlerweile nämlich sind wir auch im größer gewordnen Deutschland fällig (…), fällig für eine neue gesellschaftliche Revolution. Diesmal allerdings für eine elitäre, jenseits des alten Lagerdenkens und angezettelt nicht etwa bloß von einer Task Force im Beckenbauer-Format, sondern im Sinne von Platons Konzept einer Herrschaft der Besten. Andernfalls wird unsere, die Schuld der plusminus Vierzigjährigen, nicht mehr wiedergutzumachen sein.“ Gut gebrüllt, Löwe, doch hier verlassen ihn Phantasie und Mut. Vielleicht hilft ein Blick in die Vergangenheit? Der Harvard-Historiker Steven Ozment mischt sich in der Zeit vom 22. Juli unter der Überschrift „Deutschland, du kannst es besser“ in die Debatte ein. Ozment, ein klug und verträumt dreinblickender Mann, will Optimismus stiften. Er äußert sich erfreut darüber, daß „die Besessenheit abzuklingen“ scheint, „mit der man in der Nachkriegszeit den ’schlechten Deutschen‘ zum Gegenstand der Forschung machte“. Er kommt in einem langen geschichtlichen und kulturhistorischen Exkurs, der in fast schon rührender Weise über Goethe, Luther, Dürer bis zu den alten Germanen führt, zu dem Ergebnis, daß die Deutschen „während des längsten Teils ihrer Geschichte (…) Ordnung und Autorität geschätzt (haben), ohne darüber in Totalitarismus abzugleiten. Und sie haben Freiheit und Gleichheit praktiziert, ohne in einer liberalen Demokratie zu leben.“ Gerade wegen dieser Differenz – und nicht wegen des „langen Wegs nach Westen“ – hält Ozment in einer Zeit, in der auch wegen des grassierenden Multikulturalismus der Erhalt von Autorität wichtiger sei als der Ausbau von Freiheitsrechten, die Deutschen für prädestiniert, im 21. Jahrhundert besser als andere die Probleme zu lösen, „mit denen sich die modernen Demokratien herumschlagen“, und Freiheit und Ordnung zum Ausgleich zu bringen. Der letzte Deutsche – ein Amerikaner! Sein Wort in Gottes Ohr, doch überschätzt er nicht die Kraft des Landes? Immerhin begreift man durch die Lektüre, wie treffend Karl-Heinz Bohrers Forderung nach einem historischen Langzeitgedächtnis ist. Der große Geisteswissenschaftler George Steiner, der heute in England lebt, äußert sich in einem großen Interview in der Berliner Zeitung vom 31. Juli über Musik, Architektur, Literatur und – über Deutschland: „Deutschland ist müde, todmüde.“ Woher das kommt? „Zuviel Geschichte.“ Zuviel Kurzzeitgeschichte, müßte man hinzufügen. Mit Thomas-Bernhardt-Pathos fügt er hinzu: „Hier, in Deutschland, herrschen die Bonzen! Hier praktiziert man das Abkapseln des Talents. Wie man hier auf den begabten Menschen sitzt, um sie zu erdrosseln! Furchtbar, dieses Bonzentum! Diese Abhängigkeiten! Ein feudales Mandarinat!“ Auch fehle es an Stolz und „an Kraft, unsere Vergangenheit neu zu leben, neu zu bewerten“. Früher seien das deutsche Hochschulleben, die deutsche Forschung für das akademische System in Großbritannien und den USA „eine Rückversicherung“ gewesen. Es sei ein „großer, kritischer Verlust“, wenn man die deutschen Hochschulen nicht mehr ernst nehmen könne. Falsche Propheten verfrühstücken die Zukunft Fassen wir zusammen: Von den linken Großintellektuellen ist nichts mehr zu erwarten, die nachfolgenden Generationen müßten eine neue Elite stellen, die sich weder auf Einschaltquoten noch auf Majoritätsbeschlüsse verläßt, die sich mit dem abgehalfterten Bonzentum nicht arrangieren, sondern es verwerfen will. Es ist erstaunlich, mit was für einer schafsmäßigen Geduld die Generation der 25- bis 45jährigen es hinnimmt, daß ihre Zukunft von Hasadeuren und falschen Propheten verfrühstückt oder in einen mit Tretminen bestückten Dschungel verwandelt wird. Eine neue Sichtweise auf die Vergangenheit, die Erweiterung des Zeithorizonts, könnte ein geistiges Hinterland schaffen. Andernfalls wird Zarathustras Mahnung wahr: „Freilich, wer nie zur rechten Zeit lebt, wie sollte der je zur rechten Zeit sterben? Möchte er doch nie geboren sein! – Also rate ich den Überflüssigen.“ Im Schlamm: Wenn weit und breit kein geistiges Hinterland in Sicht ist, suhlt’s sich um so genüßlicher

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