Prägende Gestalt

Die besseren Rollen für mich sind die des Reagierenden – also eher die eines Verlierers, der es aber dann doch irgendwie schafft. Das sind Figuren, die man nicht verrät und denunziert, sondern ernst nimmt – und liebevoll zeigt, was ihnen alles passiert.“ Man findet diese Selbsteinschätzung des Schauspielers Otto Sander in einem angemessen opulenten Band, der zugleich Biographie wie Werkmonographie ist. Der 1941 in Hannover geborene Otto Sander hat sich, seit seinen Anfängen an den Düsseldorfer Kammerspielen, zu einem der bekanntesten deutschen Schauspieler emporgearbeitet. Er prägte ebenso das Gesicht der Berliner Schaubühne in der Ära Peter Steins wie das deutsche Hörspiel, denn Sander ist mit seiner unverkennbaren, ausdrucksstarken Stimme, die leicht ins Rauhe abgleiten kann, eine der prägenden Gestalten des Genres geworden – unvergeßlich seine mehrstündige Lesung aus Casanovas Memoiren, die für das Beste seiner Kunst einstehen mag: Genauigkeit und Humor. Sander gilt heute als einer der wenigen Charakterkomiker deutscher Zunge. Filme wie Wim Wenders‘ „Himmel über Berlin“ oder „In weiter Ferne so nah“, in denen er den Engel Cassiel anrührend darstellte, sind subtile Studien komplexer Charaktere. Eine seiner schönsten Rollen war die des Werschinin in Peter Steins unvergleichlicher Inszenierung von Tschechows „Drei Schwestern“: wunderbar, wie Sander damals einen Typ charakterisierte, dessen Gebrochenheit fast heiter anmutete. Der Text zeigt im Detail, wie Sander sich unter Regisseuren wie Luc Bondy (eine unauslöschliche Erinnerung: der Mann in Botho Strauß‘ „Kalldeway Farce“), Peter Zadek und Klaus Michael Grüber entwickelte. Auch im Film wurde Sander einem größeren Publikum bekannt. In Wolfgang Petersens „Das Boot“, Volker Schlöndorffs „Blechtrommel“ oder Carlo Rolas „Sass“ verkörperte er meist kleine, aber außerordentlich prägnante Rollen. Eine seiner größten war die des Richard Wagner in „Wahnfried“: ein gelungenes Beispiel der Filmkomik höherer Art. So präsentiert der liebevoll gemachte Band das Lebenswerk des Schauspielers und Rezitators, um auch den Leckerbissen einer Szene zu bringen, die Botho Strauss eigens für diesen Band schrieb: „Der Mann im Kimono“. Der Filmfreund darf sich an eine der absurdesten Filmkomödien der frühen achtziger Jahre erinnern, als Otto Sander – komisch wie kein zweiter – den „Mann im Pyjama“ spielte. Daß Sanders Spektrum ohne jeglichen qualitativen Unterschied von der Tragödie zur Komödie reicht, das er mit dem ihm eigenen Stil aus Understatement und Präzision veredelt, auch das macht ihn zu einer Ausnahmeerscheinung, die hier reich bebildert und – wenn auch mitunter etwas betulich beschrieben – gefeiert wird. Klaus Dermutz / Karin Messlinger: Otto Sander. Ein Hauch von Anarchie darf schon dabei sein… Henschel Verlag, Berlin, 240 Seiten, 150 Abbildungen, geb., 29,90 Euro

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