Kampf dem „Priscismus“

Vielsagend „Pranger“ heißt eine neue bissige Gesellschaftssatire aus der Feder des mehrfach ausgezeichneten Wiener ORF-Journalisten und Kabarettisten Martin Haidinger, die seit wenigen Wochen vorliegt. Im Mittelpunkt der Ereignisse steht ein beleibter Radioreporter, Markus Pranger, der nicht geringe Ähnlichkeit mit dem Autor selbst aufweist. Pranger, der beim „Stadt“-Sender seine Brötchen verdient, ist eher ein kleiner Fisch im Nachrichtengeschäft. Selten kommt er in die Nähe spektakulärer Fälle. Doch sein beschaulich arbeitsames Leben ändert sich dramatisch, als er bei einem Besuch des Stephansdoms plötzlich anonyme Anrufe auf sein Mobiltelefon erhält. Eine schnarrende, altertümliche Stimme klagt über den Sittenverfall der Gesellschaft. In geheimnisvoller Weise prophezeit der Unbekannte mehrere tödliche Unglücksfalle. Anfangs ungläubig, erkennt Pranger bald, daß die Warnung kein Scherz ist. In Wien werden bald eine Reihe prominenter Persönlichkeiten Opfer grotesk-schauerlicher Unfälle. Zunächst ein schmieriger Fernsehmoderator, dann eine verkniffene Vergangenheitsbewältigerin, eine moderne Literatin namens Gerda Rotten, dann „der Mächtige“, ein korrupter Politiker. Zuletzt ereilt das Schicksal gar noch den „Purpurnen“, einen lauen Kirchenfürsten, der sich dem Zeitgeist ergeben hat. In einer Vorbemerkung zum Roman weist der Autor etwas scheinheilig „eventuelle Ähnlichkeiten“ mit lebenden oder verstorbenen Personen zurück, schon aus juristischen Gründen. Alles sei rein zufällig und unbeabsichtigt. „Nie wird es soweit kommen. Wahrscheinlich ist alles nur ein Alptraum. Schlafen Sie besser weiter!“ rät Haidinger dem Leser. Unverkennbar sind trotzdem die Parallelen zur heutigen Zeit: Wien befindet sich im zivilgesellschaftlichen Belagerungszustand; eine „priscistische“ Gefahr gilt es zu bekämpfen. Nur bleibt lange unklar, wer oder was genau die „Priscistenschweine“ sind – auf jeden Fall aber sehr gefährlich. Die Abwehr dieser Strömung absorbiert alle Kräfte des österreichischen Innenministers mit der linksradikalen Krawallvergangenheit, der natürlich keinerlei Ähnlichkeit mit dem guten Caspar von Einem trägt. Im Verein mit willfährigen Wissenschaftlern und manipulierten Medien fahndet der Minister erbarmungslos nach Besitzern von Schwarz-Weiß-Fotografien oder Büchern, „die in dieser doofen alten Schrift gehalten sind“. Vergangenheitsbewältiger vom „Institut für die Justifikation von Zeitabläufen“ überführen massenweise Verdächtige. Engagierte Jugendpfarrer, Lehrer und die Polizei sorgen für das korrekte Meinungsklima. Doch der „‚Priscismus‘ ist ein Popanz und dient den Mächtigen zur Verschleierung der Wirklichkeit“, wagt Ferdinand Hompesch zu sagen, ein an der ungarischen Grenze aufgefundener, mysteriöser Reisender durch die Zeiten. „Priscisten“ sind Leute, die die Vergangenheit nicht in Bausch und Bogen verdammen wollen. Manche Tradition ihrer Heimat halten sie gar für erhaltenswert. Das lateinische „priscus“, woraus Haidinger die humorige Kunstvokabel gebildet hat, bedeutet: altehrwürdig, nach alter Sitte, altmodisch. In „Pranger“ sind eine Vielzahl von Charakteren und separaten Handlungssträngen miteinander verwoben, vielleicht zu viele. Lebensschicksale rauschen am Leser vorbei; immer neue Ideen und Einfälle führen teilweise auf Abwege, fort vom Hauptthema. Wie in einem Radiohörspiel gibt es fortwährend harte Schnitte und gedankliche Sprünge, die der Handlung zwar rasantes Tempo geben, zuweilen jedoch etwas überdreht wirken. Ein nüchterner Lektor hätte hier mäßigend einwirken müssen und einige belanglose Witzeleien streichen sollen. Bei aller Komik des von Haidinger gezeichneten Gesellschaftsbildes besitzt der Roman einen tieftragischen, pessimistischen Zug: Dekadenz kennzeichnet den Zeitgeist. Nur einige wenige stemmen sich gegen den moralischen und geistigen Zerfall, die Mehrheit zelebriert lustvoll den Untergang. Das schaurige Ende des TV-Moderators Lustmann etwa, bei laufender Kamera und vor johlendem Publikum, wirft ein Schlaglicht auf den Fernsehbetrieb und die sich daran ergötzende Massengesellschaft. Ebenso treffend karikiert Haidinger die Verirrungen des modernen Literaturbetriebs. Eine schmutz- und haß-triefende Lesung der „Gerda Rotten“, die wiederum natürlich keine Ähnlichkeit mit Österreichs Lieblingsschriftstellering Elfriede Jelinek hat, gerät zur völligen Farce: „Haß! / Haß ist das Gebot! / Fickt die Priscisten / Mit den Bajonetten / Ihrer Priscistenwaffen!“ tönt die von den Feuilletons gefeierte Literatin. Die anwesenden Kulturjournalisten schweigen gerührt und betroffen, verschämte Tränen in den Augenwinkeln. Zu Ende des Romans folgt dem Aufruf der Rotten die engagierte Tat des Mobs. Wien erlebt eine „mutige“ Orgie der Zerstörung, der alles nicht-Fortschrittliche (daher „Priscistische“) zum Opfer fällt. Der Apokalypse entkommen nur wenige, Pranger rettet sich in ein oberitalienisches Kloster. Doch wer war der altertümliche Anrufer, dessen drohende Warnungen Pranger im Stephansdom erhalten hatte? Mit der überraschenden Auflösung des Rätsels fügen sich für den Leser die Facetten zu einem historisch-kohärenten Ganzen, wenn auch mit Mühe. Nimmt man Abstand von der lärmenden Schilderung des absurden Gesellschaftszirkus, so ist „Pranger“ ein nachdenkliches Buch. Als zentrales Problem stellt es die Frage nach dem Verhältnis von Aufklärung und Verirrungen der Moderne. Stephansdom in Wien: Die Stadt befindet sich im zivilgesellschaftlichen Belagerungszustand Martin Haidinger: Pranger. Steirische Verlagsgesellschaft, Graz 2003, 224 Seiten, 15 Euro

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