Gegen die Welt, gegen das Leben

Michel Houellebecqs erstes Buch aus dem Jahr 1991 blieb in der französischen Öffentlichkeit nahezu unbemerkt. „Gegen die Welt, gegen das Leben“ setzt sich in Form eines Essays mit dem früh verstorbenen amerikanischen Kultautor der phantastischen Literatur, H. P. Lovecraft, auseinander. Lovecraft selbst ist die einzige Hauptfigur dieses „Romans“, ein Romancier von visionärer Kraft, ein Mensch, über den der Autor schreibt: „Diesem Mann, dem es nicht gelungen ist zu leben, ist es schließlich gelungen zu schreiben.“ „Die phantastischen Schriftsteller sind im allgemeinen Reaktionäre, und zwar einfach deshalb, weil sie sich ganz besonders, man könnte sagen, von Berufs wegen der Existenz des Bösen bewußt sind“, schreibt Houellebecq. Tatsächlich findet sich in H. P. Lovecraft wohl der letzte große Vertreter dieses Genres, der diesen Verdacht vollauf bestätigt. 1890 in Providence, Rhode Island, geboren, starb sein Vater nach langjährigem Siechtum an Parese, dem Endstadium der Syphilis. Die Mutter endete – dem Wahnsinn verfallen – im Irrenhaus. Fast sein gesamtes Leben verbrachte Lovecraft fortan in der Obhut seiner Tanten. Einsam, schüchtern, unbeholfen, ein manischer Briefschreiber mit einer hochartifiziellen Sprache in provokant altmodischer Diktion, der seine Wohnung nur nachts verläßt, um durch die alten Gassen seiner Heimatstadt Providence zu streifen, beginnt er Gedichte zu schreiben und entwickelt schließlich die ersten Umrisse seines Cthulhu-Mythos. Diese Geschichten, die von uralten kosmischen Monstergottheiten handeln, denen einst die Erde gehörte, und die heute in unergründlichen Meerestiefen auf den Zeitpunkt ihrer Wiederkehr lauern, um dann die ahnungslose Menschheit endgültig zu vernichten, erscheinen in dem bekannten Horror-Magazin Weird Tales und finden zunehmend eine begeisterte Fan-Gemeinde. Lovecrafts Überzeugungen waren dezidiert antidemokratisch, antizivilisatorisch und fortschrittsfeindlich. Er haßte die großen Städte mit ihren Menschenmassen; ein längerer Aufenthalt in New York veranlaßt ihn zu kruden Ausbrüchen über die Traditionslosigkeit, den kulturellen und sozialen Verfall, die Fremdartigkeit und den Schmutz moderner Metropolen, die auch noch von einem zunehmenden Einfluß fremder, zudringlicher Rassen geprägt sind. Aber auch die Rückkehr in sein geliebtes Providence bringt ihm keine Erleichterung, da auch dort die Deklassierten und Zuwanderer inzwischen das Bild ganzer Stadtteile bestimmen. In den Kurzgeschichten „Er“ und „Das Grauen in Red Hook“ kommen diese xenophobischen und rassistischen Ressentiments am deutlichsten zum Ausdruck. In Lovecrafts Kontinuum des Bösen ganz besonderer Art stehen die Antagonisten auf halbem Weg zwischen dem Übernatürlichen und dem Außerirdischen. Von seinen Kollegen Clark Ashton Smith und Ron Ervin Howard unterschied er sich, weil er weder die dekadente Stilistik Smiths, noch die durch starke Helden vorangetriebene Handlung Howards vorweisen kann. Der typische „Held“ einer Erzählung Lovecrafts bleibt in der kognitiven Dissonanz des kosmischen Grauens gefangen, seine Weltordnung zerbricht, und er endet bestenfalls im völligen Wahnsinn. Exemplarisch schildert dies seine wohl beste Erzählung „Schatten über Innsmouth“. H. P. Lovecraft, vom Darmkrebs zerfressen, verschied am 15. März 1937, „ohne besondere Vorkommnisse, wenn nicht gar mit heimlicher Befriedigung“, wie Houellebecq lakonisch schreibt. Michel Houellebecq: Gegen die Welt, gegen das Leben. H.P. Lovecraft. DuMont Verlag, Köln 2OO2. 114 Seiten, 17,90 Euro

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