In jedem steckt ein kleiner Rommel

Wo es Krieg gibt, ist er zu Hause. Niemand kann ihm entkommen. Ohne Gnade lauert er seinen Opfern auf. Überall. Es gibt keine Sicherheit vor ihm. Abends in der Kneipe, im Waschsalon, vor dem Kindergarten oder im Büro, überall kann er sich verstecken. Wer allzu großes Pech hat, kann ihn sogar in der eigenen Wohnung antreffen. Die Inkarnation des Schreckens: der Hobbygeneral. Er gehört zu jedem Krieg wie die Kaffeebohne in den Sambuca. Ehemals harmlose Zeitgenossen mutieren nach der ersten Bombennacht zum Superstrategen. Mit endlosen Tiraden langweilen sie ihre Zeitgenossen. Das geht am Morgen in der überfüllten Straßenbahn los. Der Hobbygeneral hat das Frühstücksfernsehen gesehen und weiß schon allerhand Wichtiges. Dinge, die kriegsentscheidend sind. „Es ist nicht einfach, im Wüstensand einen Schützengraben zu bauen“, belehrt der Hobbygeneral seine Mitmenschen. Natürlich kennt jeder das Problem. Schließlich verbringen wir Deutschen unseren Urlaub gerne in brütender Hitze und im Wüstensand. Versuche, den eigenen Sonnenschirm in Ibiza einzugraben, scheitern grausam. Und warum sollte es den Amerikanern in der Wüste da besser gehen? Schützengräben lassen sich nicht einfach im Sand bauen! In der Cafeteria geht es gleich weiter. „Die Lage ist ernst“, parliert ein anderer Hobbygeneral. Das hab‘ ich mir auch schon gedacht. Seit Birgit Schrowange nicht mehr Magazine über Brustvergrößerungen und die damit verbundenen Glücksgefühle moderiert, sondern über den Krieg schwadroniert, habe auch ich Angst. Und wenn ich mir dann noch minensuchende Delphinsoldaten anschauen muß, vergammelt selbst der Thunfisch in meiner Dose. „George Bush und Donald Rumsfeld sind schwer unter Beschuß“, weiß der Hobbygeneral stolz. Ich auch! Wer den Papst, Isolde Pavarotti und Daniel Kübelböck gegen sich hat, der muß sich jeden Schritt vorsichtig überlegen. Selbstverständlich hat der Hobbygeneral auch lustige Namen für die Iraker parat. Eine weit verbreitete Bezeichnung ist der sogenannte Wüstenneger. Diesen Namen versteht jeder auf Anhieb, und er charakterisiert die Iraker sehr treffend, meint der Hobbygeneral. Besonders auftrumpfen können die Hobbygeneräle, wenn die Sprache auf die Technik kommt. Hier fühlt er sich ganz zu Hause. Die modernsten Waffensysteme sind sein Steckenpferd. Über Bomben, die mit einem elektromagnetischen Impuls alle Chips lahmlegen können, kann der Hobbygeneral eine zwanzigseitige Abhandlung schreiben. Obwohl er sonst an seiner Weihnachtsbaumbeleuchtung scheitert. Schön war die Zeit vor dem Krieg. Für den Fall, daß ein Gespräch stockte oder ein Thema gefunden werden sollte, zu dem jeder etwas zu sagen hatte, gab es eine breite Palette an Themen. Das Wetter oder die Bundesliga hatten immer Konjunktur. Und jetzt? Der Irak-Krieg macht sich breit. Bataillone von Hobbygenerälen faseln über die asymmetrische Kriegführung. Eingeleitet wird dieser Exkurs von Hobbygenerälen immer mit fetzigen Allgemeinplätzen wie: „Der jetzige Krieg läßt sich mit keinem anderen vergleichen!“, oder „Die Wahrheit stirbt im Krieg als erstes.“ „Ach so!“, lasse ich dann ganz gerne mal verlauten. Nur, um mir dann den Vortrag über Asymmetrie zu Gemüte zu führen. „Asymmetrie heißt nämlich, daß der schwache Gegner sich nicht auf dem offenen Feld stellt, sondern mit Guerillataktiken die Nachschubwege des Feindes angreift. Das machen vor allem die Fedayeen. Die Opferbereiten heißt das“, weiß der Hobbygeneral. Und wenn er sich erstmal warm geredet hat, geht’s gleich weiter: Der Hobbygeneral weiß einfach alles: „Was heißt ‚MOAB‘ eigentlich“, fragt er überlegen. „Massive Ordnance Air Burst Bomb“, die souveräne Antwort. „Mother of all Bombs ist falsch und nur eine übertriebene Umschreibung“, wird mit großem Ernst belehrt. Aber auch andere Begriffe erklärt er mit größter Sicherheit. „GI“ kommt von „galvanized Iron“, also galvanisiertem Eisen. Wobei im unklaren bleibt, so der General, ob nicht auch „Government Issue“ gemeint gewesen sein kann, also im Sinne „Von der Regierung herausgegeben“. Und bei den Feldzügen mitten in der Wüste kann er glatt zu einem kleinen Rommel mutieren. „Da muß doch der Nachschub gut geschützt sein … die Flanke ist gefährdet, sag ich, die Flanke! Sonst verdurstet doch jede Offensive!“, gibt sich der Theoriestratege siegesbewußt. Der Tommy kriegt natürlich auch wieder sein Fett weg. Im Fernsehen hat unser Hobbygeneral gesehen, daß selbst die Amis über das Essen des Engländers herziehen. „Amerikanische und britische Truppen haben Lebensmittel an Hunderte Iraker verteilt. Nicht überraschend: Die Iraker gaben das britische Essen wieder zurück“, lästert US-Komiker Conan O’Brien im amerikanischen Fernsehen. Ja, da lacht der Hobbygeneral – was will der Wüstenneger auch mit Schafskeule in Pfefferminzsoße. Wobei ich glaube, daß sich da auch Tommy Franks ein Lächeln ungern verkneifen würde. Und die Technik sowieso: „Also, ohne deutsche Hochtechnologie wäre doch der Seal nachts blind wie ein Nacktmulch. Schließlich sind alle Infarotgeräte Made in Germany.“ Wer aber glaubt, daß damit der Tag schon beendet sei, darf sich als getäuscht betrachten. Schließlich ist Reden über den Krieg inzwischen wie Reden über das Wetter. Je länger der Krieg dauert, desto normaler wird er wahrgenommen. Und deshalb verwundert es auch nicht, wenn Hobbygeneräle auch am abendlichen Biertisch mit Feuerzeug, Zigarettenkippen, Schnapsgläsern und einem Bierdeckel ohne jegliche Mühe die Schlacht um Basra skizzieren. Natürlich nicht ohne die obligatorische Kritik an der obersten amerikanischen Heeresleitung.

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