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Aus Liebe zur verlorenen Heimat

Lust auf Kunst“ nennt sich eine Ausstellung in Wien, die große Teile der Privatsammlung des einstigen Lebensmittelgroßhändlers Jenö Eisenberger in dessen Wahlheimat erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Große Lust an der genießerischen Betrachtung war tatsächlich dabei im Spiel, die Eisenberger dazu bewegte, kontinuierlich Werke österreichischen, ungarischen und jüdischen Ursprungs zusammenzutragen. In dieser Kombination lebt in Eisenbergers Sammlung, deren Schwerpunkte auf dem auslaufenden neunzehnten und dem zwanzigsten Jahrhundert liegen, unverkennbar ein Teil des Geistes der alten k.u.k.-Zeit weiter. Jenö Eisenberger wurde 1925 als Sohn jüdischer Eltern im ostungarischen Satoraljaujhely geboren. In den späten Kriegsjahren lebte er unter falschem Namen in Budapest und verpflichtete sich 1947, als Freiwilliger einen zweijährigen Waffendienst in Israel abzuleisten. Der geplanten Rückkehr in ein mittlerweile kommunistisches Ungarn zog Eisenberger 1949 einen Verbleib in Österreich vor. Zunächst als Lebensmittelkleinhändler unter freiem Himmel tätig, gründete er 1960 seinen ersten LÖWA-Markt, den ersten österreichischen Selbstbedienungsladen, den er zur Supermarktkette ausbaute. 1976 baute er mit den „Eisenberger Großgreißlereien“ eine weitere Ladenkette auf, die er bis zum Verkauf der letzten Geschäfte 1989 über mehr als zwei Jahrzehnte erfolgreich führte. Eisenbergers Interesse für Kunst wurde durch seine Frau Vera, die Anglistik, Philologie und Kunstgeschichte in Jerusalem studiert hatte, geweckt. Sie legte den Grundstein seiner Sammlung, indem sie ihm nicht nur den Weg zur grundsätzlichen Beschäftigung mit Kunst ebnete, sondern auch die ersten Auswahlentscheidungen für den Aufbau seiner Bilderkollektion traf. Eisenbergers Liebe zu Österreich und vor allem zu Wien trugen dazu bei, daß er seine Sammlung auf Kunst und Künstler des „altösterreichischen“ Bereiches zentrierte. Für Eisenberger war und ist der Begriff des „Österreichischen“ „bedingungslos gleichbedeutend mit Österreich und der österreichisch-ungarischen Monarchie“. Österreich, Ungarn, ein wenig Böhmen, Galizien und nicht zu vergessen das Jüdische – darin liegen nicht nur in geographischer Hinsicht die unverkennbaren Leidenschaften des Sammlers. Eine herausgehobene Stellung nehmen die Werke des österreichischen Stimmungsimpressionismus ein. Diese Kunstrichtung war Eisenbergers „erste große Liebe“ und faszinierte ihn in solcher Art und Weise, daß die zusammengetragenen Bilder von August von Pettenkofen, Tina Blau, Emil Jakob Schindler und Olga Wisinger-Florian die wohl umfangreichste Privatkollektion auf diesem Gebiet darstellen. Einen weiteren Schwerpunkt setzt Eisenberger im Bereich des österreichischen Jugendstils, den er bis heute von der Kunst- und Ausstellungsszene des Landes nicht im ausreichenden Maße gewürdigt sieht. Hier sind es Künstler wie Broncia Koller-Pinell und Carl Moll, die auf ihn die größte Anziehungskraft ausüben. In Eisenbergers Sammlung stechen ferner die liebevoll zusammengetragenen Judaika hervor, deren Entstehungszeit von der Mitte des 18. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts reicht. Für Eisenberger sind diese Objekte der jüdischen Kunst keine Merkmale der Separation, sondern untrennbar mit der damaligen Mehrheitsgesellschaft verbunden. Diese habe nach seiner Auffassung einen größeren Einfluß auf die Gestaltung auch der unmittelbar mit religiösen Riten verbundenen Gegenstände ausgeübt, als die durch die Abgrenzung bewirkte kulturelle Verschmelzung von Juden verschiedener Staatszugehörigkeiten. Zudem wurde die heute als „jüdisch“ bezeichnete Kunst bis weit in das 19. Jahrhundert hinein in ihrer Mehrzahl von christlichen Handwerkern hergestellt. Jüdische Graveure und Petschierstecher arbeiteten diese Gegenstände anschließend zumeist lediglich noch nach. Weitere Sammelgebiete von Eisenberger sind Objekte der Wiener Keramik, Lötz-Vasen sowie Impressionistisches und Expressionistisches aus der Zwischenkriegsphase. Die Beschäftigung mit der Epoche der zwanziger und frühen dreißiger Jahre weckte bei Eisenberger auch zunehmendes Interesse am abstrakt-konstruktivistischen Stil dieser Zeit, und später an der österreichischen Gegenwartskunst. Im Zentrum dieses Teils stehen exemplarisch Werke von Hans Staudacher, Markus Prachensky, Herbert Prantl und Josef Mikl. Grundsätzlich hat sich Eisenberger auf wenige Protagonisten der verschiedenen Kunst- und Stilrichtungen konzentriert. Daher war es ihm möglich, seiner gesamten Sammlung den Charakter von etwas Abgeschlossenen zu verleihen. So können die einzelnen Kollektionen in ihrer jetzigen Form einen durchaus repräsentativen Eindruck von der jeweiligen Epoche vermitteln, was Erweiterungen freilich keineswegs ausschließt. Bild: Olga Wisinger-Florian, „Der erste Reif“ (1908): Erinnerung an die alte k.u.k.-Zeit Die Ausstellung ist bis zum 21. April in der Hermesvilla Wien, Lainzer Tiergarten, A-1130 Wien, zu sehen Info: 00 43 / 1 / 8 04 13 24

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