Auf dem Rücken der Leser

Am 13. Mai wird Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement bekanntgeben, ob der Stuttgarter Holtzbrinck-Verlag, der bereits den BerlinerTagesspiegel (knapp 140.000 Exemplare) besitzt, von Gruner & Jahr den Berlin-Verlag samt Filetstück – derBerliner Zeitung mit fast 200.000 Exemplaren – übernehmen kann. In Abwehrstellung steht der Axel Springer Verlag, Inhaber derBerliner Morgenpost (rund 150.000 Exemplare) und der Welt (209.000, davon 21.000 in Berlin). Nimmt man die streitenden Parteien beim Wort, wird die Entscheidung in jedem Fall ein mittleres Erdbeben auslösen. Das Bundeskartellamt hatte die Transaktion verboten, um eine Holtzbrinck-Dominanz in der Hauptstadt zu verhindern. Die Stuttgarter betonten dagegen, daß Springers Vorherrschaft auf dem Berliner Anzeigenmarkt der Konkurrenz den Atem nimmt, und beantragten eine Ministererlaubnis. Andernfalls drohen sie, den Tagesspiegel einzustellen, der für ein jährliches Defizit von 75 Millionen Euro sorgt. Springer konterte mit der Ankündigung, im Fusionsfall die Welt und die Morgenpost zu schließen. Die Morgenpost (Mopo) ist das älteste der drei Berliner Abonenntenblätter und richtet sich an ein Publikum, das pimär am Regionalgeschehen interessiert ist. Die Beschränkung auf den Westteil, zu Mauerzeiten zwangsläufig, hat sich nach 1989 fortgesetzt, bei langsam, aber stetig abnehmender Auflage. Als größtes Risiko für die Mopo hat sich jedoch der Ehrgeiz des Mutterhauses erwiesen, die defizitäreWelt zu einem Qualitätsblatt hochzurüsten. Das einzige, was tatsächlich gesteigert wurde, war das Defizit. Um Kosten zu senken, wurden die Redaktionen von Welt und Morgenpost zusammengelegt. Die Mopo verlor ihre lokale Kompetenz, ohne daß die Welt vom „Synergieeffekt“ profitierte. Im vergangenen Jahr hat die Morgenpost vier, die Welt sogar 16 Prozent ihrer Berliner Leser verloren. Mit Argusaugen betrachtet Springer die Pläne von Holtzbrinck undTagesspiegel. Der hatte sich bis 1989 in West-Berlin als liberales Gegengewicht zu den Springer-Blättern behauptet und spricht ein eher intellektuelles Publikum an. Den Sprung über die alten Sektorengrenzen hat auch er nicht geschafft. Ohne die Übernahme durch Holtzbrinck 1992 wäre längst das Aus gekommen. Wenigstens im Ostteil ist die Berliner Zeitung, das ehemalige SED-Bezirksorgan, konkurrenzlos. Im Schoße von Gruner & Jahr hat die Zeitung mehrere Metamorphosen erlebt. Sie versucht, biedere Bodenständigkeit und intellektuellen Anspruch zu verbinden. 1997 wurden zahlreiche Edelfedern aus dem FAZ-Feuilleton angeheuert. Die Qualitätssteigerung wurde landesweit gefeiert. Allein, beim angestammten Publikum führten Spitzen gegen die PDS oder Betrachtungen über das erfolgreichere Schulmodell in Bayern zu Entrüstungsstürmen. Das ehrgeizige Projekt wurde abgeblasen. Die Edel-Redakteure wanderten ab, mehrheitlich zur Zeit – die zu Holtzbrinck gehört. Gruner & Jahr verlor darüber die Lust an seiner Hauptstadtzeitung. Allen Beteuerungen zum Trotz muß man davon ausgehen, daß Holtzbrinck plant, aus dem Tagesspiegel und der Berliner eine einzige Zeitung zu machen, die über die Hauptstadt hinaus reüssiert. Um solche Unterstellungen auszuräumen, hat der Verlag ein einzigartiges Modell vorgeschlagen: Er werden nur Vertrieb, Verwaltung und Anzeigenabteilungen zusammengelegt. Über die weitere Unabhängigkeit der beiden Redaktionen soll eine Stiftung wachen, der unter anderem Vertreter konkurrierender Verlage angehören. Ähnliche Modelle in der Buchbranche endeten durchweg negativ. Unter Hinweis auf ökonomische Zwänge und Einsparpotentiale wurde schnell die Frage aufgeworfen, ob man sich diese und dann jene Doppelberichterstattung länger leisten könne. Der Tagesspiegel, mit dem süddeutschen Verlagshaus im Rücken, hat zweifellos die besseren Karten. Die Kollegen von der Berliner zeigen inzwischen Nerven. Ein Interview mit dem Geschäftsführer der WAZ-Gruppe, Bodo Hombach, las sich wie ein Hilferuf. Auf die bange Frage, ob er nicht Interesse an der Berliner hätte, antwortet Hombach indes mit einem klaren „Nein“. In der Drohung des Springer-Verlags liegt das Eingeständnis, daß die hochfliegenden Pläne des vormaligen Chefredakteurs und heutigen Vorstandsvorsitzenden, Mathias Döpfner, seine Träume von einem Weltblatt, das der FAZ auf Augenhöhe begegnet, geplatzt sind. Pikant ist nun, daß die FAZ sich seit Wochen für Springer in die Schanze schlägt. Ausgerechnet, denn eben noch hatten Welt und FAZ sich wie böse Kinder gebalgt, gegenseitig Autoren abgeworben und mit gezielten Indiskretionen überzogen. Die FAZ will beimTagesspiegel eine betont regierungsfreundliche Haltung ausgemacht haben, die Clement günstig stimmen solle. Sie selber, die an anderer Stelle das Hohelied der Deregulierung anstimmt, wird natürlich ausschließlich von der Sorge um die Pressevielfalt getrieben. Überzeugend wirkt das nicht. Die FAZ fürchtet offenbar einen potenten Konkurrenten, der zunächst ihrer Tochterzeitung, der Märkischen Allgemeinen in Potsdam, das Wasser abgräbt. Vor allem aber schwimmt die FAZ selber in stürmischer See. Ihr neuer, unsentimentaler Geschäftsführer Wolfgang Bernhardt, der schon gespottet hat, daß kürzere Artikel in der Zeitung kein Beinbruch wären, könnte womöglich auf den Gedanken kommen, sich mit Springer auf eine große Lösung zu verständigen: Auf eine Fusion von FAZ und Welt. Springer hätte dann endlich das ersehnte Renommierblatt, das schwarze Zahlen schreibt, und die FAZ ein starkes Verlagshaus im Rücken. Wenigstens die deutsche Zeitungslandschaft wäre dann von Berlin aus neu geordnet. Für die FAZ-Redaktion muß das eine Horrorvorstellung sein. Dieser Zeitungskrieg ist eine Fallstudie darüber, daß Meinungsvielfalt und Pressefreiheit bloß in dem Maße existieren, wie das Kapital dazu verhanden ist. Problematisch ist, daß die Zeitungshäuser immer öfter nach der Hilfe des Staates rufen, ob als Schlichter, Schutzpatron oder Finanzier. Es ist lachhaft, wenn die Frankfurter Rundschau, die vom Land Hessen eine Millionenbürgschaft erhalten hat, trotzig erklärt, sie sei „unabhängig“. Wie kann ich unabhängig sein von dem, der mich füttert? Hinter verwirrenden Einzelheiten, professionellen Eifersüchteleien und konkurrierenden Verlagsstrategien aber wird eine Gefahr sichtbar: Die Gefahr, daß die Oligarchie aus Staatsbeamten, Politikern und Geldleuten ein paar hundert genehme, privilegierte Journalisten in ihre Reihen aufnimmt und damit wasserdicht und unangreifbar wird. Foto: Berliner Tageszeitungen: Am 13. Mai will Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) bekanntgeben, ob der Stuttgarter Holtzbrinck Verlag, dem bereits der „Tagesspiegel“ gehört, auch die „Berliner Zeitung “ übernehmen darf.

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