Der Bürgerkönig

Am Anfang war eine Villa in Berlin-Grunewald. Darin gab es die Bibliothek des Vaters und den Salon der Mutter. Die Bibliothek war das „Sanktuarium“, das Kultur und Bildung atmete, der Salon die pazifizierte Stätte, wo die intellektuellen Begabungen sich mit formaler Raffinesse vereinten. Diese Welt ging 1943 im Bombenhagel unter. Nicolaus Sombart hat den Verlust verarbeitet, indem er daran die „Expropriation“ des deutschen Bildungsbürgertums durch nationale Katastrophen veranschaulichte. Weil die Objekte seines wissenschaftlichen Interesses auch die der Sehnsucht sind, ist der Ton seiner Bücher unverkennbar und unnachahmlich. Sein populärstes, „Eine Jugend in Berlin“, das die Zeit von 1933 bis 1943 umfaßt, tröstet die deutschen Leser über die Lücke hinweg, die die Absenz eines Proust in der deutschen Literatur bedeutet. Der 1923 geborene Sombart hat es immer als ein Privileg verstanden, als Sohn des Nationalökonomen Werner Sombart und einer Mutter aus rumänischem Adel aufzuwachsen. Die geistige Vaterstelle aber nahm der Grunewald-Nachbar Carl Schmitt ein, den er auf langen Spaziergängen begleitete. Nico-laus Sombarts Bücher sind stets auch Arbeit an einem Schmitt-zentrierten Vaterkomplex. Er deutet ihn als Vertreter eines deutschen, letztlich männerbündischen Ordnungsmodells. Dagegen setzt er die Idee der sexuellen Befreiung und gegen den Dezisionismus die in einem Goethe-Gedicht formulierte Einsicht, „daß ich eins und doppelt bin“. Die Erfahrung von Arbeitsdienst und Wehrmacht teilte er mit seiner Generation. Er veröffentlichte den Kriegsroman „Capriccio N°.1“ (1947), war Gründungsmitglied der Gruppe 47 und promovierte mit einer Arbeit über den französischen Sozialphilosophen Saint Simon. Es folgten zwischen 1951 und 1954 lebensgeschichtlich wichtige, ebenfalls in einem Buch erinnerte „Pariser Lehrjahre“. Danach war er 30 Jahre lang beim Straßburger Europarat als Leiter der Kulturabteilung tätig. Seit den siebziger Jahren ist er verstärkt als Publizist und Historiker hervorgetreten und hat unter anderem Arbeiten über Wilhelm II. und – natürlich – Carl Schmitt verfaßt. Mit dem Bekenntnis zu der aus Prousts „Recherche“ destillierten These, daß man eine Gesellschaft erst von ihrer Spitze her überschauen und beurteilen könne, kultiviert er ein Elitebewußtsein, das unprätentiös, aber nicht ganz uneitel ist. Manches an ihm wirkt eklektisch, die Überhöhung des Ästhetischen dandyhaft, doch man täusche sich nicht: Viele Beobachtungen sind von einer phänomenologischen Präzision, die nur noch Adorno, Benjamin oder Ernst Jünger erreicht haben. Seit 1984 lebt Sombart in Berlin-Wilmersdorf, in einer Gegend mit alten Bürgerhäusern, schattigen Bäumen und guten Lokalen. Sein Salon ist der berühmteste der Stadt. Seine Vorstellungen vom richtigen Leben bleiben von den zwei Polen Bibliothek und Salon bestimmt. Am 10. Mai wird er 80 Jahre alt.

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