Alltagsfrust

Eine triste Vorstadt im Südosten Londons. Ein klassisches kleine Leute-Viertel der entwickelten Moderne, eine heruntergekommene Hochhaussiedlung, wie sie auch in Paris, Madrid oder Berlin stehen könnte. Ein Dasein zwischen Supermarkt, Wohnblock und Kneipe. In dieser Welt leben verschiedene Familien, auf deren Alltag sich der Blick in Mike Leighs neuestem Spielfilm „All or nothing“ konzentriert. Es begegnen dem Betrachter Typen, universell, scheinbar austauschbar, bekannt, sehr nah an der soziologischen Milieudarstellung. Da ist die Supermarkt-Kassiererin Penny (Lesley Manville), die ein eintöniges Leben an der Seite des phlegmatischen Taxifahrers Phil (Timothy Spall) verbringt. Die übergewichtige Tochter Rachel (Alison Garland) arbeitet als Reinigungskraft in einem Altersheim, wo sie den behutsamen aber plumpen Annäherungsversuch ihres auf das Rentenalter zusteuernden Kollege Sid (Sam Kelly) – in für den Zuschauer ausgesprochen amüsanter Weise – ausgesetzt ist. Rachels noch übergewichtigerer Bruder Rory (James Corden) geht keiner Tätigkeit nach, außer die Familie zu terrorisieren, Fernsehen zu schauen und sich auf der Couch deftige Snacks in den Schlund zu stecken. Ebenfalls am Existenzminimum lebt Pennys bodenständige Arbeitskollegin Maureen (Ruth Sheen), deren aufmüpfige Tochter Donna (Helen Coker) als Kellnerin jobbt. Donna wiederum hat Sex mit dem brutalen Macho Jason (Daniel Mays). Zwischen sexueller Anziehung und Angst schwankend verbirgt sie lange vor ihm, daß sie schwanger ist. Als es zum handfesten Streit zwischen dem Pärchen kommt, nutzt Donnas arbeitslose und gelangweilte „Konkurrentin“ Samantha (Sally Hawkins) die Situation, um eine schnelle Nummer im Auto mit Jason zu erreichen. Der ihr hinterherlaufende verklemmte, aber verliebte Nachbarsjunge hat dagegen keine Chance gegen die Anziehungskraft des Schlägers. Samanthas Eltern sind nach vielen Ehejahren hingegen nur noch durch exzessiven gemeinsamen Alkoholkonsum verbunden. Ein Leben, wie es in jeder Arbeitervorstadt Europas stattfinden könnte, und das erst etwas aus der Bahn gerät, als der fette Rory einen Herzanfall erleidet, und damit Penny und Phil zur Selbstreflexion über ihr Leben sowie die vergangene Liebe zwingt. Ein stumpfes Leben wird gezeigt, das sich zwischen Essen, Schlafen, Arbeiten und etwas Alltagsstreit in der Familie abspielt. Der tägliche Frust und Überlebenskampf scheint keine Zeit mehr für Sehnsüchte oder Liebe zu lassen, von denen allenfalls noch die ganz jungen, vor der ersten Schwangerschaft, träumen können. So treten immer gleiche Strickmuster des Daseinskreislaufs in den Unterschichten auf: Die Rebellion gegen die Eltern, die Langeweile, der erotische Reiz halbkrimineller Männer, die ungewollte Schwangerschaft, die Abstumpfung im Job und der Partnerschaft durch den täglichen Überlebenskampf, bis man dann selber mit der Rebellion der eigenen Kinder zu kämpfen hat oder aufgibt und dem Alkohol verfällt. Regisseur Mike Leigh („Nackt“) nahm seit den sechziger Jahren innovativen Einfluß auf das britische Filmschaffen. Zu seiner exakten, perfektionistischen Form des Arbeitens gehörte es, daß die Schauspieler von „All or nothing“ bereits vor dem Drehbeginn sechs Monate miteinander verbrachten, um sich aneinander zu gewöhnen und die dargestellten Charaktere zu entwickeln. Leigh erklärt zu dieser Vorgehensweise: „In dieser Zeit entsteht das fertige Skript. Sobald die Dreharbeiten beginnen, wird nicht mehr improvisiert. Dann muß alles sitzen.“ Voller Detailfreude wurde mit „All or nothing“ Milieurecherche betrieben. Heraus kam ein glaubwürdiges, detailgetreues und anrührendes Werk, das den dargestellten Typen einen individuellen Charakter und menschliche Würde zu geben bemüht ist. Ein Film, der zum Weinen, Lachen und Hoffen anzuregen versucht – trotz der Erbärmlichkeit der Lebenssituation des dargestellten Milieus.

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