Kopfnoten einführen?

Junge Frauen und Männer, die nach der Schulzeit eine Ausbildung beginnen wollen, brauchen solide Grundlagen in Deutsch, Rechnen und anderen Fächern. Sie müssen aber wissen, daß im Handwerk auch persönlichen und sozialen Kompetenzen ein besonderer Wert beigemessen wird. Diese Anforderungen spielen eine zentrale Rolle, da in den gewerblich-technischen und in den Dienstleistungsberufen des Handwerks Selbständigkeit, Kundenkontakt und Teamarbeit eine Grundvoraussetzung sind. Durch die katastrophalen Ergebnisse der Pisa-Studie, bei der die Lesekompetenz im Mittelpunkt stand, wurde dieser Aspekt in der bildungspolitischen Diskussion bedauerlicherweise in den Hintergrund gedrängt. Im engen Kontakt mit Kunden sowie Kolleginnen und Kollegen sind viele Tugenden gefragt: Zuverlässigkeit, Lern- und Leistungsbereitschaft, Ausdauer, Sorgfalt, Verantwortungsbereitschaft, Flexibilität, Teamfähigkeit, höfliches Auftreten, Toleranz und die Fähigkeit, Konflikte konstruktiv ohne offene und versteckte Aggressionen verarbeiten zu können. Kopfnoten in Schulzeugnissen, die die persönliche und die soziale Kompetenz skalieren, wären eine wichtige Beurteilungshilfe für die Handwerksmeister und -meisterinnen. Die eher kurzen Bewerbungsgespräche und Auswahlverfahren geben oft nicht ausreichend Aufschluß über die persönlichen und sozialen Kompetenzen. Erst in der Probezeit zeigt sich, ob die Lehrlinge ins Team und zum Beruf passen. Die Experten des Handwerks erwarten, daß Kopfnoten in Schulzeugnissen zumindest eine motivierende Wirkung haben. Ein „positiver Druck“ für Schüler, Lehrer und Eltern, solche persönliche und soziale Kompetenzen auszubilden, wäre äußerst hilfreich. Kurzum: Kopfnoten in Schulzeugnissen sollten wieder eingeführt werden. Dr. Peter-Werner Kloas ist Bildungsexperte beim Zentralverband des Deutschen Handwerks. Der Grundschulverband hat sich grundsätzlich gegen Noten in der Grundschule ausgesprochen, sondern für Lernberichte mit eindeutiger Leistungsbeurteilung und Anerkennung sowie Aufschluß über Fördermaßnahmen. Im Übrigen beurteilen alle Länder, die in der Pisa-Studie besser abgeschnitten haben als Deutschland, Leistungen durch individuelle Lernberichte. Warum sollten wir nicht von ihnen lernen? In der Grundschule sind alle Kinder bestmöglich zu fordern und zu fördern, wie es auch von der Gesellschaft und den Eltern verlangt wird. Noten aber sind nun einmal vergleichend. Sie vergleichen den Schnitt innerhalb einer Klasse, stellen eine Rangordnung auf. Sie sind also weder individuell, noch sind sie objektiv, da sie keiner allgemeingültigen Norm unterliegen, sondern der subjektiven Einschätzung des Beurteilenden. Wie schon die Untersuchung von M. Fölling-Albers 1992 herausgestellt hat, vertreten Eltern auf Grund der Wandlung der Erziehungsnormen einen erhöhten Individualisierungsanspruch, indem sie personale Kompetenzen ihres Kindes (Selbständigkeit, Teamfähigkeit, Urteilsvermögen) höher gewichten als die Einhaltung schulischer Regeln und die Anpassung an schulische Verhaltensstandards. Das erschwert die Arbeit des Unterrichtens in der Schule, da das traditionelle Muster von Autorität und Gehorsam nicht mehr besteht. Deshalb halten wir es für wichtig und richtig, das Arbeits- und Sozialverhalten verbal deutlich in Stärken und Schwächen zu beschreiben und die Schülerinnen und Schüler durch Hinweise zu positivem Verhalten zu ermutigen. Hinlänglich haben zahlreiche Analysen bewiesen, daß Noten nicht grundsätzlich leistungsfördernd wirken. Vielmehr kann man beobachten, was Sacher (1996) und auch Valtin/Wagner (2002) als „Notenangst und Notengeilheit“ bezeichnen: eine stärkere Mißerfolgsorientierung in der Leistungsmotivation der Kinder mit schlechten Noten, sowie eine stärkere externale Motivation bei Kindern mit guten Noten. Sybille Pahlke ist Geschäftsführerin des Grundschulverbandes der Landesgruppe Schleswig-Holstein.

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