Marsch der Melonen

Erst gestern, auf einer kleinen Niedersachsenreise, geriet ich bei einer Zigarettenpause auf dem Hauptbahnhof Bremen unversehens in eine sich sammelnde Ostermarsch-Meute. Aufgrund der räumlichen Nähe nehme ich einmal an, daß die etwa vierzig zotteligen Zeitgenossen von dort aus zum AKW Unterweser weitergereist sein werden; letzten Endes ist es mir auch vollkommen egal.

Von 68er-Veteranen …

Und was es dort nicht alles zu sehen gab! Von den uralten und immergleichen „Atomkraft nein danke“-Schmunzelsonnen einmal abgesehen scheinen Batiken aus Jutesäcken als Oberbekleidung noch immer sehr populär zu sein, ebenso wie graumelierte Rauschebärte und Brillen mit winzigen, kreisrunden Gläsern.

Einen Moment lang dachte ich gar, der Rudi Dutschke aus der Fernsehaufzeichnung des Begräbnisses von Holger Meins liefe an mir vorbei – allerdings mittlerweile mit schlohweißem Haar und im Holzfällerhemd. Beinahe hätte man angesichts dieses absolut klischeehaften „Müsli“-Aufmarsches laut loslachen können.

… über die Aktivisten des „kommenden Aufstands“ …

Getrübt wurde das schrullig-langweilige Bild allerdings durch zwei Elemente: Zahlreiche Kinder, die meisten allenfalls im Grundschulalter, liefen zwischen den Althippies umher. Sicher, in dem Alter wurden meine Mitschüler und ich auch von der Elternvertretung unserer Grundschule „eingeladen“, doch an einer Demonstration gegen die Bildungspolitik des damaligen Ministerpräsidenten Schröder teilzunehmen.

Heute jedoch beobachte ich die kaltblütige Instrumentalisierung von ahnungslosen Kindern für politische, oftmals ausartende Kundgebungen stets mit einem leichten Grausen. Spätestens die Ausschreitungen gegen den Baubeginn von Stuttgart 21 und vor allem die vom ach so rebellischen Charakter des Ganzen angezogenen Schüler, die nach ihrer Besetzung eines Polizeifahrzeugs vom bundesweiten Wutbürgertum wochenlang als Beweis für die Monstrosität schwäbischer Polizisten wie eine Monstranz vor sich hergetragen wurden, dürften gezeigt haben, welche Konsequenzen es haben kann, derart junge Menschen als politische Spielbälle zu mißbrauchen.

… zu den „Erlebnisorientierten“.

Neben all den Kindern trieb sich jedoch auch ein beachtliches Antifa-/Bahnhofspunker-Kontingent (rein optisch sind beide Gruppen hin und wieder schwer zu unterscheiden) unter den Demonstranten in spe herum. Der quietschrosa gefärbte Irokesenschnitt in neun Millimetern Länge auf dem ansonsten kahlrasierten Schädel schien noch verhältnismäßig niedlich.

Unangenehmer wurde es, als sich auf dem Weg zurück in die Bahnhofshalle ein absurd oft gepiercter Wursthaar-Träger an mir vorbeidrängelte: Auf seinem Shirt das Foto einer verwesten Leiche mit dem Fraktur-Schriftzug „Ich war stolz, ein Deutscher zu sein“. Und auch Schilder wie „Endlager unters [sic!] Kanzleramt“ deuten schon eher in die Richtung, in der der Hintersinn dieser heutzutage eigentlich obsoleten Ostermärsche zu suchen ist.

Vom Agitieren für den Frieden…

Daß die Tradition aus der Friedensbewegung stammt, dürfte hinreichend bekannt sein. Daß schon seit dem Fall des Eisernen Vorhangs niemand mehr gegen Atomwaffen demonstrieren geht, ebenso. Heute geht es speziell in der Bundesrepublik ausschließlich um die zivile Nutzung der Atomenergie, damit um Wirtschaft und letztlich um die schlichte Durchsetzung realpolitischer Ziele.

Über den geforderten Atomausstieg mag man debattieren; unter dem Deckmantel der ökologischen Betroffenheit und unter Ausnutzung der desaströsen Situation in Japan formiert sich aber ein Rammbock wider die bürgerlichen Parteien. Nicht nur in Baden-Württemberg treiben die Grünen CDU und FDP mit der Umwelt- und vor allem Atomthematik vor sich her. Im verzweifelten Schnappen nach der Wählergunst machen sich nun alle Lager die kurzsichtige Ausstiegssehnsucht der panischen Volksmassen zueigen und wirken am Ende doch nur wie kleine Kinder beim Wurstschnappen.

… hin zum Ideologieverdacht.

Nicht ganz von ungefähr wurden die bundesweiten Ostermärsche lange Jahre von einem Einflußagenten des „real existierenden Sozialismus“ organisiert. In ihrem heutigen Charakter als marktschreierische „Dagegen!“-Veranstaltungen kultivieren sie das Fundamentalmißtrauen des Wutbürgers „gegen oben“, „gegen das System“. Durchaus eine Art und Weise der Subversion, um das Volk weiter zu spalten und denjenigen, die die Systemfrage stellen, in die Hände zu arbeiten.

Die drolligen Öko-Fritzen der Grünen aus den 80er Jahren sind längst zu gewöhnlichen Machtpolitikern geworden, und die linken Kräfte sind ihre „natürlichen“ Bundesgenossen. Diejenigen, die dort marschieren, kann man wohl in Anlehnung an ein altes Spottwort über die „Sozialrevolutionäre“ um Otto Strasser getrost als „Melonen“ bezeichnen: „außen grün, innen rot“ – und das vermutlich, ohne es selbst zu merken.

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