Kunst und Kartoffeln

„Mir brauchet koi Kunscht, mir brauchet Grombiera.“ Auf Hochdeutsch, mit dessen simulierter Nichtkenntnis man in Deutschlands Südwesten gern kokettiert: Wir brauchen keine Kunst, wir brauchen Kartoffeln. Ins allgemeine gewendet: Materielle Bedürfnisse kommen vor geistigen. Der Satz hat das Zeug zum ungeschriebenen Grundgesetzartikel.

Der Anekdote nach sollen mit dieser Begründung Stuttgarter Abgeordnete dem württembergischen König Wilhelm I. die Mittel für den Ankauf der von 1819 bis 1827 in der Schwabenmetropole gezeigten Gemäldesammlung der Brüder Boisserée verweigert haben. Ludwig I. von Bayern erwarb schließlich die einzigartige Kollektion deutscher und flämischer Meister, die bis heute einen Grundpfeiler der Alten Pinakothek bildet.

Während diese Kolumne entsteht, fordern Lautsprecher-Aktivisten die Stuttgarter zum Protest gegen die beginnende Abholzung des Schloßparks für das megalomane Untergrund-Bahnprojekt „Stuttgart 21“ auf, das den vom Denkmalschutz doch nicht geschützten, zwischen 1914 und 1928 nach Plänen von Paul Bonatz errichteten Hauptbahnhof bereits seinen Nordflügel gekostet hat.

Liederlicher und geringschätziger Umgang mit einem Architekturdenkmal

Nein, hier soll diesmal nicht von trittbrettfahrenden Linksextremisten die Rede sein, die gegen das Bahnprojekt auf die Straße gehen, weil sie überall mitmischen, wo Randale winkt, und auch nicht von der Schweinchen-Schlau-Mentalität der Grünen, die auf der Protestwelle gegen „Stuttgart 21“ schon stärkste Fraktion im Gemeinderat wurden und jetzt weiter die Emotionen anheizen, weil sie auf einen noch spektakuläreren Durchmarsch bei den Landtagswahlen im Frühjahr hoffen.

Müßig ist auch, das Demokratieverständnis von Entscheidungsträgern zu erörtern, die auf gültige Gremienbeschlüsse und Gerichtsentscheidungen pochen und monieren, der Widerstand komme zu spät, die sich aber auch vorher Bürgerbeteiligung nur als Akklamation vorstellen konnten und, sich am einmal Beschlossenen festklammernd, Einwände auch dann nicht akzeptieren wollten, wenn sie nicht der Emotion der Straße, sondern der Vernunft des Fachmanns entsprangen.  

Mehr als alle grotesken Planungsfehler und die bis zur betrügerischen Volksverdummung frisierten und manipulierten Kostenvoranschläge empört der liederliche und geringschätzige Umgang mit einem Architekturdenkmal – allem voran die bornierte und präpotente Arroganz, mit der ein Provinzoberbürgermeister und allerlei durchschnittsmodernistische Hofarchitekten ignorant darüber schwadronieren, die zum Abriß freigegebenen Seitenflügel des Bonatz-Bahnhofs seien ja nur entbehrliche Zweckbauten, die seinerzeit bloß den Dampflokruß von der Stadt hätten fernhalten sollen.

Als käme es bei einem Gebäude nur auf den Zeitnutzwert der einzelnen Bestandteile und nicht auf die Harmonie der Gesamtanlage an. Als ließe sich der Verlust von bald dreihundertjährigen Baumriesen durch den Hinweis auf einige tausend neuzupflanzender Normstecken egalisieren. Masse statt Klasse, Quantität vor Qualität allenthalben.

Gute Chancen auf Aufnahme in Liste des Weltkulturerbes

Die Verstümmelung des Hauptbahnhofs, der gute Aussicht auf die Aufnahme in die Unesco-Weltkulturerbeliste gehabt hätte https://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2290433_0_7998_-denkmalschuetzer-appell-bonatzbau-soll-weltkulturerbe-werden.html, ist ein vorläufiger Höhepunkt des Stuttgarter Abrisswahns aus sechs Jahrzehnten, der das Werk der angloamerikanischen Bomber mit deutscher Gründlichkeit vollendet und vom einst klassizistischen Gesicht der württembergischen Haupt- und Residenzstadt kaum noch etwas übriggelassen hat.

Die Liste der historischen Gebäude, die öden Kommerzbauten weichen mußten, ist beachtlich. Wir brauchen kein Architekturerbe, wir brauchen Geschoßflächenzahlen. Oder Stadtautobahnen. Die Hohe Carlsschule, an der Schiller unter seinem Souverän litt, und das klassizistische Kronprinzenpalais sind deren prominenteste Opfer.

Selbst das Neue Schloß hätte man bedenkenlos für den Traum von der autogerechten und durchamerikanisierten neuen Stadt ohne lästige Wurzeln planiert, hätten sich nicht schon Ende der Vierziger die Bürger dagegen gewehrt. Zur Strafe wurden hinter der wiederhergestellten Fassade die Innenräume so häßlich, eng und kleinkariert neu aufgeteilt, daß bis heute jeder Versuch einer repräsentativeren Nutzung der zum Ministerienbürokomplex degradierten Residenz, als Sitz der Gemäldesammlungen in einem „schwäbischen Louvre“ etwa, folgerichtig an den erforderlichen horrenden Umbaukosten scheiterte. Wir brauchen ja auch keine Kunst… siehe oben.

Profit statt Gründerzeitfassaden

Doch Vorsicht: Der schönheitsverachtende Nützlichkeitswahn, dem jedes größere Neubauvorhaben unweigerlich zum Glas, Stahl und Marmor gewordenen Alptraum einer überdimensionierten Sparkassenfiliale gerät, ist leider nicht bloß eine schwäbische Sonderlichkeit. Es ist der von unterschwelligem Selbsthaß auf die eigene Überlieferung besessene ökonomistische Stumpfsinn der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit, der sich hier ein ums andere Mal sturheil Bahn gebrochen hat. Dieselbe Mentalität, die Frankfurts noble und vom Krieg verschonte Bürgerviertel der Immobilienspekulation ausgeliefert hat (o, lest „Westend“ von Martin Mosebach!). Wir brauchen keine Gründerzeitfassaden, wir brauchen Profit.

Von Stuttgart sind es mit dem ICE auch ohne Maulwurfsbahnhof keine anderthalb Stunden nach Frankfurt am Main, wo für den Neubau der Europäischen Zentralbank gerade Martin Elsaessers ebenfalls 1928 vollendete und seit einigen Jahren achtlos liegengelassene Großmarkthalle vergewaltigt wird.

Die Täter sind wieder mal modischmoderne Selbstverwirklichungs-Architekten, die Gebäude nur als extravagante Solitäre und nicht als Weiterführung eines gewachsenen Stadtbildes sehen können, die Originalität nur als brutalen Kontrast bis zur Zerstörung und Durchbohrung des Alten durch das Neue denken wollen. Wir brauchen keinen Respekt vor dem Schaffen früherer Generationen, wir sind ja selbst die tollsten Hechte.

Wundert’s da noch jemanden, daß die vorgeblich „bürgerliche“ Berliner Regierungskoalition beim Ersinnen von Sparpaketen natürlich nicht an die milliardenfressende Sozial- und Integrationsindustrie denkt, dafür aber mit Vergnügen den vergleichsweise bescheidenen Haushaltsansatz für den Wiederaufbau des von den Kommunisten gesprengten Stadtschlosses auf Eis legt? Wir brauchen kein Nationalsymbol, wir brauchen Kinderkrippen und Sozialpädagogen. So leben wir, so leben wir alle Tage in der grauen Merkelrepublik.

Nachtrag: Der Nachlaß des vom stupiden Geiz der Stuttgarter Volksvertreter vergraulten Kunstsammlers Sulpiz Boisserée im Stadtarchiv Köln ist durch den Einsturz des Archivs am 3. März 2009 verlorengegangen. Wir brauchen kein kulturhistorisches Gedächtnis, wir brauchen Klüngel und volle Futtertröge. Es zählt ja nur das Hier und Jetzt.

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