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Nach dem CSD-Anschlag: Die infantile Republik

Nach dem CSD-Anschlag: Die infantile Republik

Nach dem CSD-Anschlag: Die infantile Republik

Blumen und Kerzen in der Nähe des Anschlagortes: Mehr kommt auch nicht. Foto: picture alliance/dpa | Soeren Stache. Die infantile republik.
Blumen und Kerzen in der Nähe des Anschlagortes: Mehr kommt auch nicht. Foto: picture alliance/dpa | Soeren Stache. Die infantile republik.
Blumen und Kerzen in der Nähe des Anschlagortes: Mehr kommt auch nicht. Foto: picture alliance/dpa | Soeren Stache
Nach dem CSD-Anschlag
 

Die infantile Republik

Von „Islamisten sind auch Rechte“ der Linken bis zur „Jetzt reicht‘s!“-Mentalität des Bürgertums gibt sich eine bunt gemischte Kaste von Verantwortungsträgern nach dem CSD-Terror wieder die Klinke in die Hand. Aber eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr, als dass ein Terroranschlag in der späten Bundesrepublik noch etwas ändert. Ein Kommentar.
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Das untrüglichste Zeichen, dass die Politik nach einem Anschlag wieder zur Tagesordnung übergeht, sind Forderungen aus der Politik, man dürfe jetzt nicht zur Tagesordnung übergehen. In Wirklichkeit ist der CSD-Anschlag politisch längst abgehakt. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ist heute mit der isländischen Ministerpräsidentin Kristrún Frostadóttir verabredet, um ein bisschen über „außen- und europapolitische Themen“ zu sprechen.

Was der Kanzler mitzuteilen hatte, passt auf eine gar nicht mal so eng bedruckte DIN-A4-Seite. Ein bisschen Dank an die „Vertreter der Glaubensgemeinschaften“, ein bisschen Dank an die Rettungskräfte und dann ein „sehr persönliches Wort“ an die „Damen und Herren“ der „queeren Community“.

„Intoleranz, Ausgrenzung, Diskriminierung, dumme Redensarten, schlechte Witze sind bereits Teil einer solchen Gewalt – nicht erst das, was wir gestern Abend erlebt haben, und das, was Sie erleben mussten.“ Erleben mussten die Menschen, wie ein behördlich hinlänglich bekannter, islamisch radikalisierter Libanese mit deutschem Pass am Rande des CSD mit einem Lieferwagen durch eine Menschenmenge rast. Eine Frau stirbt, 29 Menschen werden verletzt.

Merz bemängelt „schlechte Witze“

Der Täter Abdul Ballout hätte auch im Gefängnis sitzen können. Tat er aber nicht. Ein Gericht hielt es für eine hervorragende Idee, Ballout, der sich 2025 dem IS in Syrien anschließen wollte und in Deutschland einen Terroranschlag plante, auf Bewährung freizulassen. Was soll schon schiefgehen?

Merz nun stellt das Hineinrasen in Menschenmengen auf eine Stufe mit „dummen Redensarten“ und „schlechten Witzen“ (JF berichtete). Fast so, als habe sich Ballout ein paar Folgen Böhmermann zu viel angeschaut. „Wir werden auch darüber nachzudenken haben, ob es Lücken im Schutzkonzept gab“, sagt Merz dann noch und es ist das Konkreteste, was er beim sonntäglichen Trauergottesdienst zu verkünden hat. „Wir“ werden „nachzudenken haben“.

„Wir sind mehr“, meint der Kanzler

Es ist nicht einmal das königliche „Wir“. Es ist das „Wir“, das alle meint, außer sich selbst. Vorher ließ er im gleichen Duktus „Wir sind mehr“ verlautbaren, was wohl irgendwie tröstlich klingen soll. Dabei ist es wenig aufbauend, sich vergewissern zu müssen, dass die radikalen Islamisten noch in der Unterzahl sind. Falls er sie damit gemeint hat und nicht den unpassende Witze erzählenden Onkel um kurz nach elf auf der Familienfeier.

„Wir sind mehr“ ist seit 2018 ein geflügeltes Wort der linken Szene und meint eigentlich den Glauben und den Wunsch, dass sie mehr seien, als es „Rechte“ gebe. Anlass war das „Wir sind mehr“-Konzert 2018, zu dem auch der damals schon unmöglich agierende Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier aufrief und bei dem so ziemlich jeder auftrat, der in der linksextremen Musikszene von Rang und Namen war. Anlass des Konzerts war eine AfD-Demonstration in Chemnitz, die ihrerseits stattfand, weil kurz zuvor ein Syrer einen Deutschen in der Stadt getötet hatte.

Nur eine Kleintransporterwagenfahrt vom Hass entfernt

Von einem ermordeten Deutschen zu einem Staatsoberhaupt, das linksextreme Bands anpreist, ist es in der Bundesrepublik bekanntlich nie weit. Zuletzt wurde die Parole Anfang 2025 angestimmt bei den linken Massendemonstrationen, weil zuvor ein Antrag der Union im Bundestag mit Stimmen der AfD eine Mehrheit fand. Streng genommen waren die dann schnell von den einschlägigen NGOs auf die Straße getriebenen Dauerdemonstranten dann zwar gar nicht mehr „mehr“, aber darum geht es ja sowieso nicht. Es geht um infantile Selbstvergewisserung. Und davon strotzt die aktuelle Debatte nach dem CSD-Anschlag nur so.

Die ewige Katrin Göring-Eckardt schreibt auf X: „Unseren Hass bekommt ihr nicht!“ Es ist jetzt ein bisschen mehr als zehn Jahre her, dass sie noch sagte: „Unser Land wird sich ändern, und zwar drastisch. Und ich sage euch eines: Ich freue mich darauf.“ Auch das geht in der Bundesrepublik jetzt ganz schnell: Von der Freude auf die noch vielfältigere multikulturelle Gesellschaft, bis zur inständigen Bitte, jetzt ja mal bloß nicht zu hassen, ist man nur noch eine Kleintransporterwagenfahrt in Berlin-Mitte entfernt. Den Hass spart sich Göring-Eckhardt dann für diejenigen auf, die solche CSD-Anschläge konkret verhindern wollen.

Die größte Angst der politischen Linken

Ansonsten bleibt das Gewissen aufseiten der politischen Linken rein. Der Täter ist eigentlich ein „Konservativer“, der über 47 Ecken vielleicht mit der AfD im Bunde stehen könnte. Ansonsten ist er halt ein Typ, auf den „der Rechtsstaat keine Antwort findet“ und damit ist der Fall dann auch geschlossen. Lieber fragt man sich drüben, wie es denn sein könne, dass solche Vorfälle „immer vor Wahlen“ stattfinden würden. Die einfache Antwort, dass in einem föderalen Bundesstaat nun einmal immer irgendwo bald gewählt wird, zählt nicht. Lieber lässt man den Alu-Hut kräftig glühen und macht Putin dafür verantwortlich (JF berichtete).

Weil, und damit wären wir beim letzten argumentativen Strohhalm, die AfD, die kurz davor noch zur anderen Seite „derselben Medaille“ erklärt wurde, davon profitieren könnte. Das ist dann auch die größte Angst, die nach mörderischen Islamisten-Anschlägen artikuliert wird – und die ehrlichste.

Denn erstens wird die AfD davon sicherlich profitieren, und es wäre auch merkwürdig, sich nach einem Terroranschlag und Justizversagen dankbar bei den dafür Verantwortlichen zu zeigen. Stellt sich auch die Frage, wieso man immer mehr radikale Moslems ins Land holt, wenn doch am Ende nur die AfD von ihrem Vorhandensein profitieren soll.

Auch die „bürgerliche Mitte“ bleibt infantil

Und zweitens fürchtet sie sich vor den Folgen dieser demoskopischen Umwälzung. Was hat man denn noch von der islamischen Masseneinwanderung, wenn man nicht mal von ihr finanziell profitiert. Wenn sich für die breite Öffentlichkeit herausstellt, dass all die Migranten-NGOs eigentlich komplett nutzlos sind und im Gegenteil sogar den Staat noch unsicherer machen, als er ohnehin schon ist, könnten am Ende Steuergelder wegfallen, die einem jetzt einen schönen Blick aus den Gated Communitys der Vorstädte auf das ganze Elend da draußen ermöglichen. Dass sich Linke nie in den Kreisen bewegen, die sie romantisieren, ist ja nichts Neues.

Infantil und mittlerweile vorhersehbar sind auch die Reaktionen der selbsternannten „bürgerlichen Mitte“. Da wird dann mit vielen Ausrufezeichen „Es reicht“ in die Tasten gehauen, fast so, als habe es 2016 nach dem Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz nicht schon gereicht. Oder nach der Terrorattacke in Mannheim am 31. Mai 2024 auf den Islamkritiker Michael Stürzenberger, bei dem der Afghane Sulaiman Ataee einem Polizisten ein Jagdmesser in den Kopf rammte und ermordete. Oder, oder, oder.

In zehn Tagen werden wir nicht mehr über den CSD-Anschlag sprechen

In dieser Matrix ist jeder seit zehn Jahren immer nur eine persönliche Betroffenheit und ein Staatsversagen davon entfernt, sein Weltbild zu hinterfragen. „Jetzt tu doch mal einer was“ ist das Motto, und wenn dann doch keiner was macht, ist es auch egal. In der Zwischenzeit wird schon irgendwo ein deutscher Student auf der Straße niedergemetzelt oder es strandet wieder ein Wal an der Küste. Tagelang gibt es da Aufregung und Liveticker. Über den CSD-Anschlag wird schon in zehn Tagen kaum noch einer sprechen. Wetten?

Bis dahin gibt es dann abgestandene Forderungen nach einem „Ende der Kuscheljustiz“ und den Hinweis, dass Islamismus „ein Riesenproblem“ ist – als ob nicht bekannt wäre, dass sich Islam und Vielfalt nicht miteinander vertragen und die liberale, für alles offene Gesellschaft nicht genau die Voraussetzungen dafür schafft, dass es sie bald schon nicht mehr geben wird.

Die Justiz macht weiter wie bisher

Auffällig ist nur noch, mit welcher Aggressivität das vergangene und künftige Nichthandeln dann umkleidet wird. Der Berliner Kurier, so eine Art Sprachrohr des restdeutschen Ostberliners, titelte am Wochenende zu einem Foto des CSD-Terroristen: „Soll dich der Teufel holen!“ und bekommt ganz wie gewünscht ein „Möge er in seiner Hölle schmoren“ vom Leser zurück. So lässt sich Wut auch konsequenzlos in harmlose Bahnen lenken. Nicht, dass am Ende noch einer wirklich was macht.

Für den Fall stehen Staat, Verfassungsschutz und Polizei dann schon bereit, einem das Wahlrecht zu entziehen und die Tür einzutreten.

Wie sehr das alles nur Theater ist, zeigt am Montag eine Entscheidung der Berliner Justiz. Auf die Forderungen, durchzugreifen, reagiert sie mit der Haftentlassung eines wegen Gewaltverbrechen vorbestraften Iraners, dessen Schutzstatus widerrufen wurde und der das Land seit Jahren hätte verlassen müssen. Er soll nun doch nicht am CSD-Terror beteiligt gewesen sein. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Blumen und Kerzen in der Nähe des Anschlagortes: Mehr kommt auch nicht. Foto: picture alliance/dpa | Soeren Stache
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