Memento mori: Gläubige gedenken auf Friedhof ihrer Toten
Memento mori: Gläubige gedenken auf Friedhof ihrer Toten Foto: picture alliance / BARBARA GINDL / APA / picturedesk.com | BARBARA GINDL

Memento mori
 

November, Marshmallows und Totengedenken

In einer Gesellschaft, in der alles unternommen wird, um den Tod auszublenden, hinauszuzögern oder, wie es mit den Corona-Maßnahmen bezweckt werden soll, quasi zu verbieten, sind Todesbräuche eine gute Gelegenheit für jeden, um seinen Platz im großen Koordinatensystem unserer Welt wiederzufinden.

Wir haben verlernt, daß wir mit jeder Altersstufe zwar geistig wachsen, aber physisch abbauen. Der Weg führt nur in die eine Richtung. Daran erinnert der lateinische Ausspruch „Memento mori“, sei dir der Sterblichkeit bewußt.

Die staatlich betreute Angst vor einem Corona-Tod und der fast schon krankhafte Jugendwahn unserer Zeit haben unser Verhältnis zur eigenen Vergänglichkeit verzerrt. Jeder will alt werden, aber kaum wer will altern.

In einer Welt, in der sich sogar eine 66jährige Frau dank künstlicher Befruchtung ihr spätes Mutterglück erfüllen kann und die Falten des Alters mit dem Nervengift Botox weggespritzt werden, scheint es für Krankheit, Alter und Tod keinen Platz mehr zu geben. Dabei ist der Tod das Siegel des Lebens und das Innehalten eine wertvolle Gelegenheit, über das eigene Sein nachzudenken.

Der Totenmonat November

Unser Leben hat seinen eigenen Zyklus, gleich der Natur. Mit dem Beginn des Herbstes geht der Kreislauf des Jahres dem Ende zu. Die Blätter welken, sterben ab und fallen. Manches ruht, vieles stirbt. Nach dem farbenprächtigen Oktober hat uns nun der November empfangen. Die Nächte werden länger, wir müssen mit der Dunkelheit und der nassen Kälte klarkommen. So manchen erinnert dies an die Grabesgruft.

Nun trägt der November auch den Namen „Totenmonat“ und läutet einen Marathon an Gedenk- und Bußtagen ein. Er beginnt mit Allerheiligen und Allerseelen. Praktizierende Katholiken ehren an diesen Tagen ihre Heiligen und ihre Toten, Gräber werden geschmückt und gesegnet.

Seit 1919 hat auch der Volkstrauertag seinen festen Platz im Totenmonat, am zweiten Sonntag vor dem 1. Advent gedenkt man der Toten der Kriege und der Opfer von Gewalt. Den Abschluß bildet dann der Totensonntag, der das Ende des evangelischen Kirchenjahres einläutet und auch „Ewigkeitssonntag“ genannt wird. König Friedrich Wilhelm III. rief den Totensonntag zum Gedenken an die Verstorbenen der Befreiungskriege gegen Napoleon aus.

Zwischen Volkstrauertag und Totensonntag beging man bis 1994 den Buß- und Bettag noch als gesetzlichen Feiertag. Ein Jahr später wurde er zur Finanzierung der neu eigeführten Pflegeversicherung in allen Bundesländern, außer in Sachsen, abgeschafft. Die Sachsen lassen sich den Buß- und Bettag einiges kosten: Arbeitnehmer zahlen im Freistaat monatlich 0,5 Prozent mehr in die Pflegeversicherung ein als im Rest der Bundesrepublik. Die extra Zeit zur Besinnung, Reflexion und Neuorientierung mag sich auch in den Ergebnissen der Bundestagswahl niedergeschlagen haben.

Samhain: Das Totenfest der Kelten

Totengedenken ist so alt wie die Menschheit selbst. Unsere Vorfahren haben bereits spezielle Bräuche gepflegt. Das Christentum hat so manches heidnische Fest in das Kirchenjahr „integriert“. So ist die zeitliche Nähe zwischen Allerheiligen und Halloween kein Zufall. Denn Halloween, das am 31. Oktober gefeiert wird, geht auf das keltische Fest „Samhain“ zurück. Die naturverbundenen Kelten feierten das Ende der Erntezeit und den Beginn eines neuen Jahres. In der Samhain-Nacht, so die keltische Mythologie, soll es eine Verbindung in das Reich der Toten geben. Die Toten sollen die Lebenden aufsuchen, die im nächsten Jahr sterben werden.

Um die Geister zu besänftigen, stellte man Gaben vor die Häuser, oder man zündete Feuer an und verkleidete sich mit furchterregenden Masken, um sie zu vertreiben. Irische Einwanderer brachten den alten Brauch mit nach Nordamerika, wo er dann zu „Halloween“ mutierte.

Seit einigen Jahren gewinnt dieser Grusel-Karneval auch in Deutschland immer mehr an Beliebtheit. Dies mag den einen oder anderen verdrießen, der sich die Frage stellt, was zum Teufel dieser neumoderne Spuk hier zu suchen hat. Auch ich hatte für dieses Süßes-oder-Saures-Spektakel nur ein Augenrollen übrig, bis es mich dieser Tage in seinen Bann zog.

Als Mutter zweier Kinder hatte ich mich breitschlagen lassen und ließ meine Kinder losziehen, um Nachbarn um ihre Süßigkeiten zu erpressen. Ich hielt zu Hause am Feuerkorb die Stellung und war mit aufgespießten Bockwürsten und Marshmallows bewaffnet. Gut ein Dutzend Kinderbanden kamen an unseren Gartenzaun und gaben ihre Reime zum Besten.

Nach den Corona-Lockdowns war es eine wahre Freude zu sehen, wie die Nachbarschaft aufwachte und wieder miteinander redete und lachte. Viele der Kinder und Jugendlichen hatten die Kostüme mit ihren Eltern selbst gebastelt und trugen sie voller Stolz. Als ich das Feuer schürte, Gefallen am Geschmack dieser Marshmallows fand und mit dem Tod durch einen Zuckerschock liebäugelte, hörte ich hinter der Gartenhecke einen kleinen Jungen seinen Reim üben, und dann versöhnte ich mich mit diesem „Halloween“, das doch ein Re-Import alter, heimischer Tradition ist.

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