Die Grünen-Fraktionsvorsitzende im bayerischen Landtag, Katharina Schulze Foto: picture alliance/Sven Hoppe/dpa
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Nach Shitstorm gegen Grünen-Politikerin

Wenn die Opferrolle attraktiver als Selbstkritik ist

Wann immer eine Frau im Internet beleidigt wird, naht ein edler Ritter und wirft sich für sie in die Bresche. Im Fall des Shitstorms gegen die Grünen-Fraktionsvorsitzende im bayerischen Landtag, Katharina Schulze, fühlte sich die Süddeutsche Zeitung berufen, ihre Ehre zu verteidigen.

Schulze hatte mit einem Instagram-Video heftige Kritik auf sich gezogen, in dem sie fröhlich ihr eigenes Maßnahmenpaket gegen Islamismus anpries. Die Aufnahmen entstanden laut ihrer Aussage vergangenen Freitag, einen Tag nach dem islamistischen Anschlag in Nizza. Weite Verbreitung in den sozialen Medien fand es allerdings erst nach dem ebenfalls islamistisch motivierten Anschlag in Wien am Montag abend.

Ein Mitglied der Jungen Union hatte den Ausschnitt von Schulzes Video mit dem Hashtag #Wien versehen und verbreitet. So entstand bei Nutzern auf Twitter und Facebook der falsche Eindruck, es handele sich um eine Stellungnahme Schulzes zum jüngsten Terroranschlag. Kritik, Wut und Pöbeleien waren die Folge.

Die SZ steht Schulze bei

Doch anstatt sich selbstkritisch zu fragen, ob Formulierungen wie, Frankreich werde „vom Terror gebeutelt“ und stolz vorgetragenes Eigenlob nach einem schrecklichen Ereignis wie in Nizza passend seind, klagte Schulze über eine angebliche Desinformationskampagne gegen sich. So schrieb sie auf ihrer Seite: „Ich finde es auch höchst besorgniserregend, daß diese Mechanismen im Netz immer funktionieren, da gibt es noch viel zu tun für uns Demokrat*innen.“

Großzügig gestand sie immerhin noch Kritik an ihrer Mimik und Gestik zu, um dann aus der Opferrolle via SZ wieder zum Kampf gegen „Rassisten, Antisemiten und Islamisten“ aufzurufen. Unterstützungsfeuer lieferte das Münchner Blatt auch gleich mit. Der Tonfall des Videos sei halt „flapsig und fröhlich“ und „nicht jeder Satz hundert Prozent spruchreif formuliert“ gewesen. „Schulze legt die ihr eigene Mädchenhaftigkeit an den Tag“, belehrte die SZ allzu kritische Geister.

Der Befreiungsschlag geht nach hinten los

Die Meinung, daß der befremdliche Auftritt mit dem Hinweis, es habe sich um ein Insta-Live-Video zum Austausch mit Interessierten gehandelt und sei vor dem Wiener Anschlag entstanden, den Spott in den sozialen Medien verhindert hätte, hat die SZ wohl exklusiv.

Der Rechtfertigungsversuch mit Opferrollen-Karte, Klagen über rechte Desinformationskampagnen und Schützenhilfe ging für Schulze nach hinten los. In den sozialen Medien überwogen die Kommentare, die ihr Unverständnis darüber äußerten, sich erst derart in einem Video zum Thema Terroranschläge zu präsentieren und dann statt Selbstkritik zu üben, austeilen zu wollen.

Ein Twitter-Nutzer kommentierte kurz und knapp: „Einfach mal demütig einsehen, daß man Mist gebaut hat.“

Einfach unbezahlbar.

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