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Ignoranz, Überheblichkeit und Kehrtwende: Corona: Chronologie eines Versagens

Ignoranz, Überheblichkeit und Kehrtwende: Corona: Chronologie eines Versagens

Ignoranz, Überheblichkeit und Kehrtwende: Corona: Chronologie eines Versagens

Pressekonferenz mit Angela Merkel (CDU)
Pressekonferenz mit Angela Merkel (CDU)
Pressekonferenz mit Angela Merkel (CDU): Politik und Medien ignorierten das Problem zu lange Foto: picture alliance/Markus Schreiber/AP POOL/dpa
Ignoranz, Überheblichkeit und Kehrtwende
 

Corona: Chronologie eines Versagens

Nun ist das Virus halt da. Leider tritt damit das ein, was schon bei den Meldungen und Analysen über Italien zu befürchten war: Deutschland fällt wieder von einem Extrem ins nächste. Zuerst bestimmten Ignoranz und Überheblichkeit das Handeln, nun erfolgt die radikale Kehrtwende. Ein Kommentar von Marco F. Gallina.
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Nun ist das Virus halt da. Leider tritt damit das ein, was schon bei den Meldungen und Analysen über Italien zu befürchten war: Deutschland fällt wieder von einem Extrem ins nächste. Während die Bilder aus Wuhan unleugbar zeigten, daß die Sache diesmal anders als bei Sars, Ebola und Co. liegen würde, beschwichtigte insbesondere der öffentlich-rechtliche Rundfunk, es handele sich bei diesen Übertreibungen nur um rechtsextreme Verschwörungstheorien. Kaum ein Experte, der nicht sagte, Deutschland sei hervorragend vorbereitet, das könne hier nicht passieren, und dazu das Totschlagargument der 25.000 Grippe-Toten in einem Ausnahmejahr.

Es war ja auch eine blöde Situation. Robert Habeck und die Grünen setzten Anfang des Jahres noch die Themen: Wir sprachen über Verkehrswende, Klimawandel, Greta, „Genderpaygap“ und andere grünen Phantasien, welche eine nicht geringe Anhängerschaft in den tonangebende Medien haben. Echte Gesundheitsthemen, Katastrophenschutz sowie damit einhergehende Maßnahmen wie Grenzkontrollen oder Ausgangssperren – das sind nicht die beliebtesten Themen des Matchagürtels von Prenzlauer Berg oder Connewitz. Doch Schönwetterdemokraten haben das Nachsehen, wenn ein Staat den Notstand ausrufen muß. Allein der Gedanke an autoritäre Beschlüsse weckt Alpträume.

Auch Italien verdrängte das Problem

Man darf sich keiner Illusion hingeben. Auch Italien verdrängte anfangs das Problem. Es gab „anti-rassistische“ Aktionen, weil das Mißtrauen gegenüber asiatisch aussehenden Menschen schlimmer galt als das Virus. Blöd gesagt lautete das Motto: „Umarm einen Chinesen“.

Das linksextreme Milieu in Italien steht dem in Deutschland in nichts nach, wenn es um irre Ideen geht. Nur die Verbreitung in der Massengesellschaft fällt anders aus. Die Aktion der Regierung von Giuseppe Conte, bei den ersten Coronafällen den Notstand auszurufen und die Direktflüge nach China zu kappen, erschien vielen als übertrieben, ja, eben: Panikmache. Was in Wuhan passierte, das konnte schließlich nicht in Italien passieren. Wieso nicht? Bei Corona handelt es sich eben nur um eine Grippe.

Nach dem 23. Februar war die Welt eine andere. Rote Zonen, Hamsterkäufe, stetig steigende Todeszahlen, Stopp des öffentlichen Lebens in Norditalien. Europa schaute zu – und zog keine Schlüsse. Das Robert-Koch-Institut bewertete die Gefahrenlage in Deutschland zuerst als „gering“ und ließ sich viel Zeit, diese auf „mäßig“ zu erhöhen. Ein EU-Land wurde zum Zentrum der Schaulust.

Ähnlich wie Italien auf China geblickt hatte, schauten nun die Europäer auf Italien: Gut, daß das nicht uns passieren kann. Selbst als es zum „Lockdown“ Italiens kam, hielt man in Deutschland Grenzkontrollen, Ausgangssperren und Geschäftsschließungen für absurd. Gebiete wie Heinsberg, die man in Italien schon längst isoliert hätte, galten als Krisengebiet, auf das man mit einem gewissen Grusel blickte – mehr nicht.

Daß sich nicht nur afrikanische und ostasiatische Länder von Deutschland abschotteten, indem sie Flüge strichen oder auf 14-Tage-Quarantäne von Deutschen beharrten, sondern auch angrenzende Länder wie Polen, Tschechien und Dänemark Grenzkontrollen oder gar Grenzschließungen beschlossen, nahm man indifferent entgegen.

Und plötzlich die Wende

Erst, als die Kanzlerin am Mittwoch vergangener Woche wieder nach langer Zeit in Erscheinung trat, änderte sich etwas. Es war, als würde die Krise jetzt nur deswegen Krise, weil sie es beschließt. In ihrer majestätischen Güte nahm uns die große Mutter wieder in ihre Huld auf und erklärte, wie die Welt funktionierte. Fast alel Medien und Politiker an ihrem Rockzipfel änderten ihre Meinung mit einem Schlag.

Die Minister für Gesundheit und Bildung hatten Schulschließungen vorher ausgeschlossen; nun waren sie möglich. Grenzkontrollen, die vor Tagen als Dogma deutscher Politik den Ruch rechtsextremer Menschenverachtung in sich trugen, waren ab Sonntag Realität. Die Zerstrittenen kamen plötzlich zu einem Ergebnis. Bayern rief den Katastrophenfall aus.

Fernsehsender, die vorher über Corona gespottet hatten, mahnten nun. In mindestens einem Fall („quer“) wurden nun die Sünden der Vergangenheit gelöscht.

Was bei Polen noch verteufelt wurde, stellte das ZDF bei den deutschen Grenzschließungen als Weitsicht heraus. Der Betrieb wechselte von wochenlanger Indifferenz, Verharmlosung und Beschwichtigung in den kompletten Panikmodus. Das am Montag ausgearbeitete Richtlinien-Papier ist das Zeugnis reinen Aktionismus. Frisöre sollen geöffnet bleiben, Baumärkte auch, Gottesdienste nicht. Und letztlich ist irgendwie alles Ländersache. Es ist wie 2015: Plötzlich standen die Flüchtlinge in Wien und Budapest – das hatte ja keiner ahnen können.

Die Kaiserin stand zum wiederholten Mal nackt auf der Bühne. Der panische Aktionismus wäre nicht nötig gewesen, hätten die Verantwortlichen Anfang März erste Vorbereitungen getroffen. Die waren vielleicht schon da zu spät – aber es war das erste Zeitfenster, in dem der „italienische Patient“ bereits so krank war, daß man der Öffentlichkeit Einschnitte hätte verkaufen können. Es wurde keinerlei Krisenbewußtsein geschaffen, Deutschland stürzte ins kalte Wasser.

Verschwörungstheorien sprießen wie Pilze aus dem Boden

Krisenbewußtsein bedeutet übrigens nicht Panik, sondern „Umgehen mit der Krise“ – und das mit Verstand. Wer aus der Italienberichterstattung der vergangenen Tage „Panikmache“ liest, statt zu wissen, daß ähnliche Zustände in Deutschland drohen, hat nichts verstanden. Die Medien haben einen großen Anteil daran; beispielsweise wenn die völlig normale Praxis der Lebensmitteleindeckung als Sache von „Preppern“ denunziert wird, die – natürlich – im rechtsextremen Milieu anzusiedeln seien. Wer im Februar von den Zuständen in Italien wußte, konnte sich rechtzeitig vorbereiten, ohne später hamstern zu müssen. Vorbereitung, Information, Kriseneinschätzung: das macht keine Panik, das hilft, die Situation ruhig zu überstehen.

Jetzt, da man sich nicht mehr aus der Ferne an Corona ergötzen kann, setzt sich die Angst durch, daß man auch in Deutschland selbst davon betroffen sein könnte. Oder betroffen sein muß. Die (Verschwörungs)Theorien sprießen wie Pilze aus dem Boden: die Pharma-Industrie, autoritäre Tendenzen oder andere Schuldige. Ohne Frage: Ja, einige werden diese Krise nutzen. In Zeiten des Niedergangs gewinnen die Aasgeier. Daraus eine Kausalität spinnen zu wollen, geht aber in eine absurde Richtung.

In italienischen Quellen habe ich jedenfalls noch nie so viele mögliche Deutungen dazu gelesen, was „wirklich“ passiert, als das in Deutschland der Fall ist. Wir sind bei der letzten Stufe der Seuchenpsychologie des italienischen Schriftstellers Alessandro Manzonis angelangt: da wir uns das Unglück nicht erklären können, müssen es Giftmischer, Hexen und Saboteure sein, die hier wirken. Manzoni hat sehr ähnliche Mechanismen beschrieben, die für die Pest von 1630 typisch sind. Der Dichter gilt nicht als Gewährsmann, weil Corona wie die Pest ist; er gilt als Gewährsmann, weil die menschliche Psychologie dieselbe geblieben ist.

Im Anfange also keine Pest, durchaus keine, um keinen Preis; nur das Wort auszusprechen ist verpönt; dann pestartiges Fieber; die Vorstellung schleicht sich heimlich durch ein Beiwort ein; dann nicht wirkliche Pest; das heißt freilich Pest, aber in einem gewissen Sinne; nicht eigentlich Pest, aber etwas, für das man keinen andern Namen zu finden weiß; endlich Pest ohne Zweifel und ohne Widerrede. Aber schon hat sich eine andere Vorstellung damit verbunden, die Vorstellung der Giftmischerei und Hexerei, welche die durch das Wort ausgedrückte Vorstellung von der Pest, die sich nicht mehr zurückweisen läßt, verfälscht und verwirrt.

Da werden immer wieder die 25.000 Grippetoten von 2017/2018 herbeizitiert, obwohl es sich um ein Ausnahmejahr handelt und die sonstigen Jahrgänge wenige hundert verzeichnen – so viele, wie in Italien derzeit täglich sterben. Da wird auf die geringe Todeszahl in Deutschland verwiesen, die nicht zuletzt dadurch zu erklären ist, daß man hierzulande laut offiziellen Angaben im Gegensatz zu China und Italien nicht post mortem testet.

Da wird auf Wolfgang Wodarg verwiesen, der sich öffentlich blamiert hat, weil er den Hochstapler Gert Postel in seiner Klinik nicht erkannt hat, und jetzt als Gewährsmann der Pharmalobby-Verschwörungstheorie aus dem Hut gezaubert wird – so, als wäre der Zusammenbruch des Gesundheitssystems in der Lombardei reiner Panikmache geschuldet.

Daß in Bergamo, Brescia, Cremona, Mailand und anderen Städten Krankenhausberichte vorliegen, die außergewöhnliche Zustände aufweisen, wird ausgeblendet; der Hinweis darauf, daß sich die Leichensäcke in den Krematorien stapeln, weil man mit der Verbrennung nicht mehr nachkommt, gilt dann nur noch als anekdotische Evidenz. Italien, so die wirren Erklärungsmuster, hat – aus irgendeinem Grund – großes Interesse daran, sich derzeit mit einer Totalblockade selbst zu vernichten, damit man in Deutschland Notstandsgesetze erklären kann. Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Der Vorwurf des Panikmachens kreiste allerorten

Stattdessen kreiste der Vorwurf des Panikmachens allerorten, weil man frühzeitig der Meinung war, lieber Maßnahmen zu treffen, um nicht auf dieselbe Krise zuzusteuern – und einen „Shutdown“ des öffentlichen Lebens zu vermeiden. Man riskiert lieber den Kollaps des gesamten Systems aufgrund von Betriebsschließungen und Massenpleiten, statt frühzeitig die Risikogruppen zu schützen.

Wir sind sogar an dem Punkt angelangt, daß aufgrund der langen Beschwichtigung die Leute resistent dafür geworden sind, daß sie ihr Verhalten ändern müssen. Es ist Frühling, man muß raus. Daß sich hier die kommunikativ-sozialen Italiener disziplinierter benehmen, weil die Rücksicht gegenüber anderen mehr zählt als die eigene Risikoeinschätzung, wird eines Tages noch das ungeschriebene Buch der Stereotype um ein interessantes Kapitel bereichern.

Wie wenig über Corona nördlich der Alpen bekannt ist, zeigt sich am Argument der niedrigen Todeszahl. Die Todesfälle sind aber erst das zweite Problem. Das Virus ist nicht berüchtigt, weil es tötet; es ist berüchtigt, weil es sich gut verbreitet. Nur ein Bruchteil landet im Krankenhaus. Aber die, die dort landen, sind zu viele. Die Lombardei krankt an der Zahl.

Es wird alles gut gehen

Die Krankenhäuser können sich um keine anderen Fälle mehr kümmern. Rettungswagen erreichen ihr Ziel nicht rechtzeitig, Ärzte und Schwestern müssen auf dem Korridor behandeln. Jeder junge Mensch, der erkrankt – und das geschieht, massenweise – nimmt einem Alten den Platz weg und riskiert dessen Tod. Deshalb ist die Situation jene, die sie ist. Die Triage in Zeiten der „Grippe“: jeder mag daran glauben, wie viel er möchte.

Zurück zu den Maßnahmen. Wenn die Deutschen ihr Verhalten nicht ändern, wird es ihnen ergehen wie den Franzosen. Paris hat über seine Bürger eine Ausgangssperre verhängt, weil die Bevölkerung sich nicht auf die Krise einstellte. Man ging dem Leben nach wie sonst. Daher die Sanktionen.

Es ist die Bionadefraktion und ihre Kinder, die mit ihrem Hedonismus dafür sorgt, daß wir alle belangt werden. Dafür braucht es keine Verschwörungstheorie, das ist ein Automatismus. Die Deutschen hätten sich ihre Freiheit erhalten können, hätten sie diese Freiheit zu bewahren gewußt. Jetzt kann der Staat machen, was er will, weil seine Bürger sich als verhätschelte Kinder erwiesen haben.

Jammern hilft nichts. Die nächsten Wochen werden außergewöhnlich. Das „Warum“ spielt kaum noch eine Rolle. Es ist jetzt unabwendbar. Decken Sie sich nicht mit Toilettenpapier, sondern lieber mit Spielen ein. Wenn Sie Ihr Haus renovieren oder irgendetwas lackieren wollen – Ihre Zeit ist jetzt da. Mit Sicherheit liegen auch noch die Bücher der vergangenen vier Weihnachtsbescherungen irgendwo herum. Beschäftigen Sie sich weniger mit der Seuche, als vielmehr mit einigen häuslichen Aktivitäten, die sie zwei bis drei Wochen beschäftigt halten, sodaß Koller, Familienstreit und Langeweile den Gedanken ans Rausgehen gar nicht erst nähren.

Andrà tutto bene. Es wird alles gut gehen.

Pressekonferenz mit Angela Merkel (CDU): Politik und Medien ignorierten das Problem zu lange Foto: picture alliance/Markus Schreiber/AP POOL/dpa
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