Jens Spahn (CSU): Macht Deutschland zum Experimentierlabor Foto: picture alliance/Robert Michael/dpa / AP Photo / JF-Montage
Reaktionen auf die Corona-Krise

Ein Experiment auf Kosten der Alten und Kranken

„Die Folgen von Angst können weit größer sein als durch das Virus selbst. Ja, ein Virus, mit dem wir keine Erfahrung haben, ist beunruhigend. Ja, die Bilder aus China waren beunruhigend.“ Gesundheitsminister Jens Spahn plädierte am gestrigen Sonntag abermals dafür, Ruhe zu bewahren. Man habe schon andere Herausforderungen bewältigt. Offensichtlich sorgen leere Supermarktregale beim Minister für größere Verunsicherung als eine Epidemie vor der Haustüre. Psychologisierung statt politischem Gestaltungswillen – so lautet offenbar die Devise.

Denn während Spahn noch vergangene Bilder aus China thematisiert, verhängt Italien über 16 Millionen Menschen eine Quasi-Quarantäne. Die Strategie der Bundesregierung in der Corona-Krise beruht darauf, das Narrativ zu stricken, daß es nur eine Wahl zwischen Hysterie und Nichtstun gibt. Ein Mittelweg, der die „Ängste“ der Bürger nicht nur zur Kenntnis nimmt, sondern Führung und Prävention in der Krise zeigt, erscheint ausgeschlossen. Spahn hätte sagen können: Wir schaffen (auch) das.

Es nährt Erinnerungen an andere Krisen der Ära Merkel: in der alternativlosen Euro-Rettung, der alternativlosen Energiewende, der alternativlosen Migrationsfrage. Denn Deutschland hat keine zwei Dutzend Fälle mehr, die man problemlos auf Stationen isolieren kann. Bereits jetzt sind mehr als 1.000 Fälle registriert. Die meisten Medien und Politik suggerieren dagegen, daß „italienische Zustände“ hierzulande undenkbar seien. So als läge das EU-Land, dessen Volkswirtschaft aufs Engste mit der deutschen verknüpft ist, am anderen Ende der Welt.

Die Epidemie wird in Deutschland nicht anders laufen

Bisher deutet nichts darauf hin, daß die Epidemie in Deutschland anders verlaufen sollte als in Italien. Im Gegenteil. Die Kurvendarstellungen gleichen sich– mit einer Verzögerung von neun bis zehn Tagen. In Italien durchbrach die Zahl der Corona-Fälle die 1.000er Marke am 29. Februar. Die Neuinfektionen im Vergleichszeitraum fallen in Deutschland teilweise sogar höher aus. Heute verzeichnet Italien über 7.000 Fälle mit 366 Toten und über 1.000 Neuinfizierte. Allein von Sonnabend auf Sonntag starben 133 Patienten. Bereits in einer Woche könnte das deutsche Szenario sehr ähnlich aussehen.

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Doch die Reaktionen auf die Krankheit könnten nördlich der Alpen nicht unterschiedlicher sein. Nimmt man die wichtigsten Aussagen Spahns zum Corona-Virus seit Anfang des Jahres genauer unter die Lupe, fällt auf, daß Spahn immer wieder den Schutz der Bevölkerung betonte, im Grunde aber bisher keine einzige Maßnahme eingeleitet hat, die nur im Entferntesten an die italienischen Dekrete heranreichen.

Die Chronologie der Ereignisse machen den 23. Februar zum „Tag X“ im Kampf gegen das Virus. Es war an diesem Tag, als die italienische Regierung 50.000 ihrer Bürger in zwei „roten Zonen“ von der Außenwelt abriegelte. Regionalweit wurden Schulen und Universitäten, Museen und andere kulturelle Einrichtungen geschlossen. Kirchen stellten ihre Messen ein, Bars machten ab 18 Uhr zu, die Börse brach am Tag darauf ein, der Flugverkehr minimierte sich um zweistellige Prozentzahlen.

Maßnahmen der deutschen Regierung: so gut wie keine

Die Millionenmetropole Mailand verwandelte sich in eine Stadt, in der Atemschutzmasken dominierten und deren Straßen immer leerer wurden. Es folgten weitere rigide Maßnahmen, die in anderen betroffenen Regionen und Provinzen übernommen wurden. Nahezu alle großen Veranstaltungen im Land, von Fußballspielen der A-Liga bis hin zum Karneval fielen der Streichung zum Opfer. Ja, selbst Streiks, die große Passion dieses Landes, wurden verlegt. Italien hatte am 23. Februar 150 Fälle.

Zurückgerechnet fällt der deutsche „Tag X“ auf den 3. März (188 Fälle). Die Maßnahmen der Regierung: so gut wie keine. Während Italien auf die Bedrohung der eigenen Bürger maximal reagierte, beläßt es der Bundesminister bis heute bei „Empfehlungen“.

Gesundheit und Katastrophenschutz seien Sache der Länder. Einen „nationalen Notstand“, der solche Kompetenzgerangel lösen könnte, will Spahn offensichtlich nicht riskieren. Zum Vergleich: Italien hat den nationalen Notstand bereits Ende Januar ausgerufen. Italien hatte damals nur zwei Corona-Fälle auf der Isolierstation.

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Die Politik macht Deutschland zum Experimentierlabor

Schützenhilfe erhält Spahn medial, aber nicht nur. Kassenarztchef Andreas Gassen sagte noch am 7. März in der Neuen Osnabrücker Zeitung: „Bei wenigen Hundert Infizierten in Deutschland wären bundesweite Schulschließungen eine hysterische Überreaktion.“ Und: „Wir können doch nicht das öffentliche Leben stilllegen.“ Die Situation sei eine andere als in Italien. Gassen hatte offensichtlich nicht mitbekommen, daß die Fallzahlen in Deutschland zu diesem Zeitpunkt bereits deutlich die Grenze dessen überschritten, was Italien zum Handeln bewegt hatte.

Seit dem gestrigen Sonntag hat Italien bis zum 3. April die wichtigsten Zentren Norditaliens de facto abgeriegelt. Der Transit wurde auf das Nötigste beschränkt, das öffentliche Leben liegt nahezu brach. Landesweit wurden Schulen und kulturelle Einrichtungen für zwei Wochen geschlossen.

Aus dem deutschen Blickwinkel hysterische Maßnahmen. Obwohl die Situation in Deutschland dem italienischen Pendant von vor einer Woche gleicht, hangeln sich deutsche Politiker noch an Empfehlungen ab. In Italien wäre eine Gemeinde wie Heinsberg sofort quarantiert worden. Hierzulande undenkbar – es könnte das Bild vom besten Deutschland aller Zeiten erheblich trüben.

Stattdessen macht die Politik Deutschland zum Experimentierlabor. Offensichtlich steht dahinter die wissenschaftliche Frage, wie die Wuhan-Grippe grassiert, wenn man keine Notmaßnahmen wie in Italien einleitet. Es ist ein Experiment auf Kosten der Alten und Kranken.

Jens Spahn (CSU): Macht Deutschland zum Experimentierlabor Foto: picture alliance/Robert Michael/dpa / AP Photo / JF-Montage

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