Pause auf einer Baustelle
Pause auf einer Baustelle: Wirtschaft in geschwächter Verfassung Foto: picture alliance/chromorange
Coronakrise und die Wirtschaft

Disziplin und Nervenstärke

Auch Politiker tun sich schwer damit, das Unvorhersehbare zu akzeptieren. Im vorliegenden Fall ließ sich die deutsche Meisterin des späten Reagierens, Angela Merkel, ein paar Wochen Zeit, bis sie am 11. März vor die Medien trat, die Raute zeigte und verkündete: „Der Virus ist in Europa angelangt.“

Einerseits erklärte sie, daß mit einer Infektionsrate von 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung zu rechnen sei, was ein FDP-Politiker als „tolpatschig“ kritisierte. Andererseits ließ sie, typisch Merkel-Sprech, auch wieder alles offen: „Wir müssen mit viel mehr Unbekannten noch agieren, deshalb ist die Situation schon noch eine andere.“

Das Phänomen, mit dem sich Merkel abmühte, mit dem China seit dem vergangenen Dezember und der Westen spätestens seit Februar konfrontiert ist, fällt in die Kategorie „Schwarzer Schwan“. Popularisiert hat die Metapher Nassim Nicholas Taleb mit seinem 2007 erschienenen Bestseller mit gleichnamigem Titel. Er versteht darunter „Ausreißer“, die außerhalb des Bereichs regulärer Erwartungen liegen und die enorme Auswirkungen haben.

Illusion einer Spaß- und Null-Risiko-Gesellschaft

Zu den Schwarzen Schwänen, die ihre eigene Dynamik entfalten, zählen der Börsencrash von 1929 und der von 2008, der Ausbruch der Eurokrise 2010 oder auch der New Yorker Terroranschlag vom 11. September 2001. Im nachhinein lassen sich für solche Ereignisse Vorwarnungen und frühe Hinweise finden. Insbesondere an den Finanzmärkten lösen derartige Katastrophen Panik aus. Sie zerstören die Illusion einer Spaß- und Null-Risiko-Gesellschaft. Die betroffene Öffentlichkeit, eben noch beschäftigt mit weichen Themen wie Genderismus, sozialpolitischen Wohltaten und humanitärer Weltverbesserung, schaltet im Angesicht des Ernstfalls um auf harte Themen. Sie versteht sich dann, jedenfalls für eine gewisse Zeit, als organisierte Gefahrengemeinschaft.

Die jetzige Krise erinnert am ehesten in ihren massenpsychologischen Auswirkungen an diejenige, die sich 2007 anbahnte, 2008 mit voller Wucht ausbrach, 2009 bewältigt schien und 2010 mit dem Bankrott Griechenlands in anderer Gestalt zurückkehrte. Sie ging nicht wie damals von den USA, sondern von China aus. Sie wurde nicht von Banken ausgelöst, sondern von einem Virus.

Sie kann nur partiell und unzureichend mit dem Instrumentarium der Zentralbanken bekämpft werden. Gefragt ist der Rat von Virologen, weniger der von Finanzexperten. Wieder aber sind sowohl die reale Wirtschaft als auch die Finanzmärkte betroffen, wobei sich die negativen Effekte beider gegenseitig verstärken. Umgekehrt wird der Aktienmarkt den nächsten Aufschwung noch vor Ende der Rezession vorwegnehmen.

Die Geldschleusen werden weit geöffnet

Noch im Januar ließ der Bundesbank-Frühindi­kator für die Weltwirtschaft eine Besserung für 2020 erwarten, nachdem 2019 die Weltwirtschaft am schwächsten seit der letzten Finanzkrise gewachsen war. Die Prognose ist jetzt Makulatur. Deutschland, der Eurozone und vor allem Italien steht eine Rezession bevor. Im besten Fall geht es schon im zweiten Halbjahr wieder aufwärts, wenn dann unterlassene Käufe, Bestellungen und Investitionen nachgeholt und die Lager wieder aufgefüllt werden.

Die Ankündigung der Bundesregierung, den Unternehmen notfalls „ohne Begrenzung“ mit Krediten zu helfen und Steuerzahlungen zu stunden, ist deswegen richtig. Daß davon auch Zombie-Unternehmen profitieren könnten, die nur dank der fatalen Null-Zins-Politik der EZB überlebt haben, wird schwer zu vermeiden sein. Zudem verabschiedet sich nun auch Deutschland von der Haushaltsdisziplin der vergangenen Jahre. Der Euro-Stabilitätspakt ist tot. Die Staatsschulden werden wieder steigen. Die Geldschleusen werden weit geöffnet.

Jedenfalls ist die Regierung Merkel schuld daran, daß die deutsche Wirtschaft in geschwächter Verfassung in die Krise geht. Die Koalition hat im Zuge der dilettantischen Energie­wende für exorbitante Stromkosten gesorgt. Sie hat, abzulesen an den Aktienkursen, die deutschen Autobauer und damit die führende Industrie­branche an den Rand des Ruins getrieben. Sie hat es unterlassen, die monströse Bürokratie zu beschneiden und die im internationalen Vergleich zu hohe Steuerlast zu verringern. Steuersenkungen statt mehr Umverteilung wären ein vernünftiges Rezept gewesen. Das gilt immer noch.

Die Parallelen zur Flüchtlingskrise sind unübersehbar

Wenn die Epidemie abgeflaut und die Wirtschaft zur Normalität zurückgekehrt ist, wird die Erkenntnis wachsen, daß ein Übermaß an Globalisierung die Fragilität erhöht. Zu lange und komplexe Lieferketten machen die Wirtschaft in der Krise verletzlich. Die Versorgung mit Arzneimitteln ist gefährdet, wie sich jetzt gezeigt hat, wenn die Abhängigkeit von Importen aus China und Indien zu groß ist. Mehr im eigenen Land herzustellen wird sicherer, aber teurer sein und später die Inflation anschieben. Die bleibt vorerst, nicht zuletzt wegen des Zusammenbruchs der Ölpreise, gedämpft – ein Crash, der große Teile der amerikanischen Fracking-Industrie unrentabel macht und damit den Keim für die nächste Ölpreishausse legt.

Vor allem aber wird die Corona-Krise zur Stunde der Exekutive – nicht der europäischen in Brüssel, der es an Kompetenz und Legitimität mangelt, sondern der nationalen Regierungen. Die Parallelen zur Flüchtlingskrise sind unübersehbar. Die jetzt angesagten Tugenden wie Disziplin, Nervenstärke, Geduld und Gemeinsinn sind nur auf nationaler Ebene mobilisierbar.

Zwei Nebeneffekte der Epidemie bestehen darin, daß die modischen Luxusthemen des linksgrünen Komplexes plötzlich alt aussehen und daß die Nachfolge Angela Merkels vermutlich vorentschieden ist. Armin Laschet und Jens Spahn bekommen und ergreifen die Chance, sich als Krisenmanager zu bewähren.

JF 13/20

Pause auf einer Baustelle: Wirtschaft in geschwächter Verfassung Foto: picture alliance/chromorange

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