Jörg Bernig
Der Schriftsteller Jörg Bernig während der Verleihung des Radebeuler Kunstpreises 2013 (Archivbild) Foto: picture alliance/André Wirsig/dpa-Zentralbild/dpa

Der Fall Jörg Bernig
 

Der Dichter, die DDR, der PEN und die Maßnahme

Die Kampagne gegen den gewählten parteilosen Radebeuler Kulturamtsleiter und Schriftsteller Jörg Bernig weckt DDR-Reminiszenzen. Der Schriftsteller sei „neurechts“, heißt es anklagend. Nun ist es das gute Recht jedes anständigen Menschen, „neurechts“ zu sein; auf Bernig trifft das aber nicht einmal zu. Er hatte sich lediglich erdreistet, das freie Wort zu ergreifen und in öffentlicher Rede Merkels Grenzöffnung 2015 und die folgende Masseneinwanderung zu kritisieren, auf deren Folgen hinzuweisen und einen entsprechenden Appell zu unterzeichnen.

Außerdem hat er in den Zeitschriften Tumult und Sezession seine Gedichte abdrucken lassen. Die allermeisten Alt- und Neulinken, die das als Skandal hinausposaunen, würden in besagten Zeitschriften keine einzige Zeile unterbringen, weil sie das Niveau, das den Autoren hier abgefordert wird, klar verfehlen.

Im Jahr 1991 veröffentlichte der Rowohlt Verlag die Protokolle einer Mitgliederversammlung des DDR-Schriftstellerverbandes, genauer seines Berliner Bezirksverbandes, die im Juni 1979 stattgefunden hatte. Auf der Tagesordnung stand damals der Ausschluß mehrerer Schriftsteller. Einige hatten in einem Brief an Staats- und Parteichef Erich Honecker die Zensur- und Verbotspraxis in der DDR angeprangert und – um die Öffentlichkeit zu erreichen – darüber westliche Medien informiert.

Es folgte die Exkommunikation

Andere hatten im Westen Bücher publiziert, die in der DDR nicht erscheinen durften. In der Beschlußvorlage der SED-nahen Verbandsleitung hieß es: „Gesetzestreue ist von jedem Staatsbürger gefordert, also auch von jedem Schriftsteller. Wer Loyalität aufkündigt, kann in dieser Sache unsere Solidarität nicht haben.“

Der Auschluß-Sitzung vorausgegangen war eine monatelange Pressekampagne. Ein parteifrommer Autor durfte im SED-Zentralorgan Neues Deutschland seine Kollegen als „kaputte Typen“ beschimpfen; der stellvertretende Kulturminister drohte auf der Leipziger Buchmesse, daß, wer dichtend, malend oder tönend den Haß aufs Leben zu kultivieren trachte, wer im Gewand der Kunst gegen den Sozialismus agiere, eine Zurückweisung erleben werde, die entschiedener ausfalle, als manchem geläufig sei.

Die Exkommunikation wurde mit großer Mehrheit abgesegnet. Sie kam einem Berufsverbot gleich, denn ohne Mitgliedschaft im Verband konnte ein Schriftsteller in der DDR schwerlich publizieren. Und nicht jeder Autor besaß die Bekanntheit eines Stefan Heym, der auch im Westen über Resonanz und Auflagen verfügte.

Der Vorgang schlug im Westen hohe Wellen. In der Bundesrepublik sowieso. Der Schwedische Schriftstellerverband teilte brieflich mit, er könne „nur mit allergrößtem Befremden zur Kenntnis nehmen, daß ein Schriftstellerverband Mitglieder ausschließen kann, nur weil sie sich kritisch über den Staat, dessen Politik und Machtapparat geäußert haben und sich damit ihrer demokratischen und menschlichen Rechte bedient haben, ihre Gesellschaft und ihr Dasein unter Debatte zu stellen“, und dies ausgerechnet in einer Situation, in der die Autoren besonders auf Hilfe und Unterstützung angewiesen seien. Ähnlich äußerte sich der Berufsverband der Schweiz; das dänische PEN-Zentrum bekundete seinen „scharfen Protest“.

Existenzbedrohende Ausgrenzungsmaßnahmen

In seiner Rezension des Protokoll-Bandes für die Wochenzeitung Die Zeit hob Fritz J. Raddatz den qualitativen Unterschied zwischen der DDR und der Bundesrepublik hervor: „Man kennt, bislang, keinen Beleg dafür, daß westliche Schriftsteller die eigenen Kollegen drangsalierten, sich – über die zum Metier gehörende Häme hinaus – beteiligten an Unrecht, die Hand reichten zur ‘Maßnahme’. Insofern liegt mit diesem Protokoll etwas Einmaliges vor.“

Bislang! 1991 ist lange her. Seitdem verliert die DDR an die Bundesrepublik ein Alleinstellungsmerkmal nach dem anderen. Daß Politiker und Journalisten gegen Bernig in Windeseile, noch bevor seine Wahl offiziell wurde, eine Kampagne lostraten, erstaunt dabei am wenigsten. Von denen erwartet man nichts anderes.

Aber wenn sogenannte Kulturschaffende ohne Zwang sich einfinden, um der schwarzrotgrünen Einheitspartei die Richtigkeit ihrer Politik zu bescheinigen und den Schriftsteller, der sie kritisiert, de facto als kaputten Typen denunzieren, dann liegt eine Handreichung zur „Maßnahme“ vor. Nachdem der Radebeuler Oberbürgermeister die Wahl annulliert hatte, sprach einer der künstlerischen Wortführer vor Ort, ein Musiker, triumphierend von einem „Teilsieg“.

Stigmatisierungs- und Ausgrenzungsmaßnahmen sind für freie Autoren existenzbedrohend. In dieser Situation wäre das Deutsche PEN-Zentrum gefragt. Die Autorenvereinigung PEN International wurde 1921 schließlich gegründet, um der Freiheit des Wortes und dem freien Gedankenaustausch Geltung zu verschaffen. Tatsächlich hat seine Präsidentin Regula Venske sich umgehend zu Wort gemeldet und ein „Statement“ veröffentlicht.

Exekutierte Ideologie

Es handelt sich um einen konfusen Text, der auf die Kampagne, die letztlich ein Anschlag auf das freie Wort ist, mit keinem Satz eingeht. Frau Venske teilt lediglich mit, der PEN stehe „ein für das Ideal einer einigen Welt und einer in Frieden lebenden Menschheit. Wir verpflichten uns, jedwede Form von Haß – wie etwa Rassen-, Klassen- oder Völkerhaß, Haß aufgrund des Geschlechtes oder der sexuellen Orientierung“. Daraus zieht sie den Schluß: „Vor diesem Hintergrund bitten wir Herrn Bernig zu prüfen, inwieweit er seine Verpflichtung gegenüber der PEN-Charta wahrnehmen kann, und ggfs. die notwendigen Konsequenzen zu ziehen.“

Im Klartext: Der PEN verweigert seinem Mitglied Jörg Bernig den nötigen und verdienten Schutz. Er betätigt sich als Teil des etablierten Parteien- und Medienkartells. Bernig soll ihm keine Scherereien bereiten und am besten austreten. Wohl wissend, daß dies ein Schritt in Richtung Vogelfreiheit wäre, denn die Medien-Bluthunde würden das als Ansporn zu weiteren Heldentaten verstehen. Das ist gewiß noch nicht die DDR, aber sie erscheint perspektivisch möglich.

Jedenfalls gibt es keinen Beleg – auch Frau Venske legt keinen vor –, daß Bernig die Menschheit mit Krieg überziehen will, daß er den „Rassen-, Klassen- oder Völkerhaß“ gepredigt oder zur Schwulenhatz aufgerufen hätte. Er erlaubt sich lediglich eine abweichende und womöglich besser begründete Meinung zur Lage im Land.

Regula Venske hingegen exekutiert eine Ideologie. Ein Indiz ist die in ihrem „Statement“ beschworene Dreiheit aus „Freiheit, Vielfalt, Solidarität“. Es fehlt nur noch die „Weltoffenheit“, und das hypermoralische Stakkato der politisch korrekten Gesinnungsethik wäre perfekt. Eine Rolle mag auch spielen, daß der Kulturbetrieb in Corona-Zeiten mehr denn je auf Staatshilfe und Subventionen angewiesen ist und er die Zuwendungen mit politischem Konformismus vergelten muß.

Privat ist Frau Venske ganz bestimmt eine nette, umgängliche Person. Als Apparatschika des Kulturbetriebs aber verhält sie sich wie eine Wiedergängerin der KGB-Offizierin Rosa Klebb aus dem Bond-Film „Liebesgrüße aus Moskau“. Um die PEN-Logik in der „Causa Bernig“ ins SED-Deutsch des DDR-Schriftstellerverbandes zu übersetzen: Treue zur Merkel-Politik „ist von jedem Staatsbürger gefordert, also auch von jedem Schriftsteller. Wer Loyalität aufkündigt, kann in dieser Sache unsere Solidarität nicht haben.“

Der Schriftsteller Jörg Bernig während der Verleihung des Radebeuler Kunstpreises 2013 (Archivbild) Foto: picture alliance/André Wirsig/dpa-Zentralbild/dpa
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